Wenn Polizisten schießen müssen …

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Einen Albtraum musste gestern der Münchner Tatort-Kommissar Franz Leitmayr ( Udo Wachtveitl) erleben: Er schießt drei Mal auf einen Verdächtigen, der Tage später an seinen Verletzungen im Krankenhaus stirbt. Für Leitmayr beginnt die schwers­te Zeit ­seines Lebens. Nur TV-Wahrheit? Nein – die tz durfte exklusiv einen Polizei-Unterricht über das Thema Schuss­waffenge­brauch besuchen.

München - Beim gestrigen BR-Tatort erschoss Kommissar Leitmayr (Udo Wachtveitl) einen Verdächtigen. Nur die TV-Wahrheit? Mitnichten. Die tz durfte exklusiv einen Polizei-Unterricht über das Thema Schuss­waffenge­brauch besuchen.

In der Nacht vor der Diskussion mit 24 Studenten der Bayerischen Beamtenfachhochschule hat Kriminaloberkommissar Hans Z. (49; persönliche Daten geändert) schlecht geschlafen. Da waren sie wieder, die jahrelang verdrängten Bilder. Der Schuss aus dem Nichts. Sein Erstaunen, als der festgenommene Einbrecher plötzlich zu Boden rutscht. Die Blutspur. Und dann die Erkenntnis: Ich habe selbst geschossen! Ohne Notwendigkeit. Ohne Absicht. Und dennoch eine Katastrophe, die einem Polizisten eigentlich nicht passieren darf.

Der Münchner Polizeidirektor Christian Gruber und der Polizeidekan Monsignore Andreas Simbeck lehren an der Hochschule über die Folgen eines Schusswaffengebrauchs. Immer nehmen die beiden dafür Kollegen mit, die schon einmal in dieser Situation waren. Wie Hans Z. Der kann sich an den 7. Juli 1997 genau erinnern. Um 7 Uhr morgens kommt der Notruf: Einbruch in eine Apotheke in Neuaubing, der Täter ist noch drin. Nach kurzer Verfolgung stellt Z. den drogensüchtigen Einbrecher Manuel K. (21). Mit gezogener Waffe brüllt Hans Z. den Täter an: „Polizei!“ K. kommt mit den Händen auf dem Rücken drohend auf Z. zu. Trotzdem behält der die Nerven. Mit der linken Hand drückt er den 21-Jährigen zur Durchsuchung gegen die Hauswand, in der rechten die Waffe. Plötzlich will sich K. losreißen. Gerangel. „Und dann kracht’s. Und ich frag mich: Wer hat jetzt da geschossen?“ Keiner da. Dann der Schock: „Ich!“

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Auf einen Schlag war alles anders: „Stirbt der Mann? Hab ich mich strafbar gemacht? Was wird aus mir und meiner Familie?“ Der Staatsanwalt ordnet bei Hans Z. die Blutentnahme („Ein Scheißgefühl“) an. Die Waffe wird ihm abgenommen. Sechs Stunden wird er vernommen. Immer wieder die Frage: „Warum hast du geschossen?“ Inmitten seiner g’schaftigen Kollegen fühlt sich Z. auf einmal völlig isoliert: „Ich stand da herum wie Falschgeld.“ Und Gruber ergänzt: „So entsteht das dröhnende Nichts.“ Zwischenfrage einer jungen Beamtin: „Wie hätten die Kollegen denn reagieren sollen?“ Und Hans Z. antwortet: „Sie hätten mich mal fragen können: ,Wie geht es dir?‘ Das hätte mir gut getan.“

Der Einbrecher wurde wieder gesund. Und Z. kehrte zurück in den Polizeidienst. Er arbeitet heute bei der Kripo und würde „nicht zögern, die Waffe einzusetzen, wenn es notwendig ist“. In der Diskussion schildert ein junger Beamter den enormen Druck: „Was täte ich in dieser Situation? Weglaufen käme hinterher einem Spießrutenlauf gleich. Da wär’ ich doch der Feigling.“ Heftige öffentliche Diskussionen nach Schusswaffengebräuchen oder harten Einsätzen haben viele verunsichert. Die Angst, danach von der Polizeiführung im Stich gelassen zu werden, sitzt in den Köpfen. Ein Beamter: „Es geht doch darum, wieder heil nach Hause zu kommen, oder?“ Manchen der jungen Polizisten wird in dieser Diskussion erst bewusst, dass auch sie bereits Todesängste ausgestanden haben.

„Der eigentliche Bewältigungsprozess setzt erst viel später ein. Darum ist die Nachlese mit Vertrauten so wichtig“, bestätigt Seelsorger Andreas Simbeck seine Erfahrung. Nach der regelrechten Belagerung des Schützen folgt nämlich plötzlich die große Leere. Nur 17 Tage nach Z.s Einsatz geschah der nächste Schusswaffengebrauch, diesmal von einer Polizistin: „Da war der Hans ganz schnell vergessen“, erinnert sich Hans Z.

Dorita Plange

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Er zögerte – und starb

Am 22.1.1995 starb Polizeimeister Markus Jobst (21), weil er zögerte, seine Waffe zu benützen. Er verfolgte mit einer Kollegin den Tankstellenräuber Bodo M. (22). Am U-Bahnhof Bonner Platz schießt M. der Polizistin ins Bein. Jobst steht hinter dem Täter, zögert aber. Der Räuber ist skrupelloser, schießt erneut. Zwei Kugeln treffen Markus Jobst in Knie und Lunge. Er stirbt in derselben Nacht im Krankenhaus, die Kollegin überlebt. Der Mörder erhielt lebenslänglich.

Der Tod der Brüder

Gleich einer der ersten Einsätze der Kommissarin Martina Drosta (23) endet im November 1998 mit einem Drama: In einer Wohnung in der Karlstraße wird sie von dem hochgradig schizophrenen Robert T. (48) mit einem Messer angegriffen. Sie muss schießen. Genau in diesem Augenblick taucht hinter Robert dessen Bruder Leon (51) auf. Das Projektil tötet beide Brüder. Drosta hat ihre traumatischen Erlebnisse in einem Buch beschrieben – ihre Karriere hat sie aufgegeben.

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