Wer erstach Autohändler Manfred Räder (62)?

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Beamte des Erkennungsdienstes untersuchen das Büro-Häuschen, in dem der Tote liegt.

(Noch) ungeklärt: Münchens rätselhafteste Kriminalfälle - eine Serie von Dorita Plange. Heute: Der Mörder, der zur Brotzeit kam

Die Zeitung mit dem halb gelösten Kreuzworträtsel hat die betagte Nachbarin (82) noch lange aufgehoben. Denn seine Schrift, diese blauen Blockbuchstaben – sie waren doch das Einzige, was ihr letztlich geblieben ist von dem netten Herrn Räder. Jeden Tag hatte ihr der Autohändler von nebenan seine Zeitung geschenkt. Und auch für ihren Hund Picco hatte er immer ein Leckerli in der Tasche gehabt. Den Gebrauchtwagenplatz mit dem grünen Maschendraht-Zaun drumherum gibt es heute noch und auch die kleine Verkaufs-Baracke, die jetzt blau angestrichen ist. Nur der nette Herr Räder, der ist nicht mehr da. Am hellen Nachmittag des 8. April 2004 wurde der Autohändler Manfred Räder (62) mitten in Moosach an der belebten Dachauer Straße während seiner Brotzeit von seinem Mörder überrascht. Und der ließ ihm noch nicht mal mehr die Zeit, seinen Leberkäs hinunterzuschlucken.

Manfred Räder war ein Mann von Ehre und ein Händler aus Leidenschaft dazu. Einer seiner Freunde beschrieb ihn so: „Der Manfred ist ein kerzengerader Mensch gewesen. Immer so fleißig und hilfsbereit. Und er unterhielt sich so gern.“ Räder schätzte geordnete Verhältnisse – in finanzieller wie auch in privater Hinsicht. Krumme Touren waren mit ihm nicht zu machen. Auf dem Platz an der Dachauer/ Ecke Hohentwielstraße bot er ständig rund 30 überwiegend deutsche Fahrzeuge vom Mercedes S-Klasse bis zum Golf-Diesel an. Ordentliche Ware zu einem fairen Preis – das war sein Verkaufskonzept. Mit seiner Frau und dem damals 25-jährigen Sohn – einem gelernten Automechaniker – lebte er bei Fürstenfeldbruck. Das Ehepaar reiste gern, zum Beispiel nach Las Vegas. Dort lebt Manfred Räders Schwester. An den Ruhestand dachte der Kaufmann noch lange nicht: „Was soll ich denn daheim?“, hatte er immer gelacht.

Das Mordopfer: Der Autohändler Manfred Räder wurde in seinem Büro-Häuschen erstochen

In der Gebrauchtwagen-Branche werden Geschäfte bar getätigt. Auch Manfred Räder war es gewohnt, ständig mehrere tausend Euro Bargeld im Geldbeutel bei sich zu tragen. Angst hatte er nicht. Aber die Risiken waren ihm bewusst. Denn auch er war schon einmal ausgeraubt worden.An jenem 8. April 2004 war der Kaufmann zunächst bei der Zulassungsstelle gewesen – ein Freundschaftsdienst für einen Bekannten in Allach, bei dem er mittags noch vorbeischaute. Um 14.30 Uhr verabschiedete er sich und fuhr mit seinem Jeep davon. Wie hätte der Freund ahnen sollen, dass es ein Abschied für immer war.

Eine knappe Stunde später trieb der Hunger Manfred Räder in die Agip-Tankstelle gegenüber seines Verkaufsplatzes. Er bestellte eine Portion Leberkäs und freute sich, „so spät noch was Warmes zu bekommen“. Die Video-Überwachung der Tankstelle filmte, wie er das Kassenhaus um 15.25 Uhr verließ. Wahrscheinlich wurde er um diese Zeit bereits beobachtet. Vielleicht sah der Täter, wie Manfred Räder sein Verkaufshäuschen aufschloss und seine Brotzeit auf dem Schreibtisch auspackte. Eine günstige Gelegenheit. Der Täter konnte jetzt sicher sein: Manfred Räder ist allein …Um 17.45 Uhr fuhr Räders Sohn vor, um nach seinem Vater zu sehen. Der schwarze Jeep stand noch vor der Tür. Doch merkwürdigerweise war die Tür des Holzhauses verschlossen. Der Sohn hatte aber den Zweitschlüssel. Auf diesen Schock jedoch war der junge Mann nicht vorbereitet: Blutüberströmt lag der Vater vor ihm auf dem Boden neben dem Schreibtisch, die Brust durchbohrt von zahlreichen Messerstichen. Hier konnte kein Notarzt mehr helfen.

Bei der Obduktion stellte sich heraus, dass mehrere Stiche das Herz getroffen hatten. Jeder einzelne davon war tödlich gewesen. Der Mörder muss den 62-Jährigen noch während des Essens angegriffen haben. Denn in Manfred Räders Hals steckte noch ein Stück Leberkäs. Der Angriff muss ihn völlig überrascht haben. Der Autohändler hatte offenbar nur noch versucht, Kopf und Oberkörper zu schützen. Das belegen die tiefen Schnitte (Abwehrverletzungen) an Händen und Armen,

Gegen einen derart skrupellosen Raubmörder, der es offenbar nur aufs Geld abgesehen hatte, hatte der 62-Jährige keine Chance. Der Täter zog dem sterbenden Händler die Geldbörse mit 4000 Euro aus der Tasche, schloss die Tür hinter sich ab und ging einfach davon. Gesehen wurde der Täter nicht. Und das Gepolter im Holzhaus wurde vom Lärm der vielbefahrenen Dachauer Straße übertönt. Keiner der Anwohner ringsherum schöpfte Verdacht.

Die Witwe des Ermordeten kam noch am selben Abend an den Tatort, wurde im Haus der betagten Nachbarin nebenan betreut. Als sie Stunden später bitterlich weinend das Haus verließ und einen letzten, scheuen Blick auf das Szenario warf, ruhte für einen Moment die geschäftige Betriebsamkeit der Spurensicherung, der Mordermittler, der Staatsanwälte. Sie alle hätten der leidgeprüften Familie so gerne den Täter präsentiert. Doch das ist bis heute nicht gelungen.

tz-Serie:

Das schreckliche Ende von Kristin

Sonja, wo bist du nur?

Tod eines Gentleman

Esmeraldas Geheimnis

Wann sucht er sich sein nächstes Opfer?

Das Rätsel um das König-Babar-Baby

Ein Rendezvous ohne Wiederkehr

Der Tod eines Chefboten

Der Tod einer ungehorsamen Frau

Das geschah am 8. April 2004

Der 8. April 2004 war ein sonniger, aber kühler Gründonnerstag. Ein tödlicher Unfall führte in München zu einer Diskussion über einen Führerscheintest für Senioren. Auf dem Alten Südlichen Friedhof wurden umstürzende Grabsteine zu einer Gefahr. Alt-OB Georg Kronawitter startete sein Bürgerbegehren gegen die Münchner Hochhäuser. Die Frauenkirche bekam zwei neue Glocken. Freunde beknien den Schauspieler Klaus-Jürgen Wussow, nicht im Proleten-Container „Big Brother“ anzuheuern. Im Oster-Kino startet das Leinwand-Märchen „Big Fish“. Die Osterfeiern in Rom werden von Terror-Drohungen überschattet. Drei Japaner werden im Irak gekidnappt. Die Bilder der um ihr Leben flehenden, weinenden Geiseln schockieren die Welt.

Dem Täter ging es nur ums Geld

In Manfred Räders beruflicher und privater Vita fand die Mordkommission (Telefon: 089/29 10-0) nicht einen einzigen schwarzen Fleck. So muss die Kripo davon ausgehen, dass Räder das Zufallsopfer eines Raubmörders wurde, dem es ausschließlich ums Geld ging.

Anhand der Tankstellen-Videos und der nicht beendeten Brotzeit ließ sich die Tatzeit an jenem 8. April 2004 auf 15.30 bis 15.45 Uhr eingrenzen. Der Täter hinterließ nur eine einzige, dafür aber eine gewichtige Spur: Einen Fingerabdruck auf Manfred Räders Geldbörse, aus dem die Täter-DNA gesichert werden konnte. Die jedoch führte (noch) zu keinem Treffer.

Am Tage seines Todes hatte Manfred Räder eine Verabredung mit zwei Kaufinteressenten aus dem Ausland. Wer diese beiden waren und ob sie überhaupt gekommen sind, ließ sich bis heute nicht ergründen.

Die Mordkommission durchforstete die gesamte Kundendatei und checkte Räders Telefonverbindungen – ohne neue Fahndungsansätze. Auch das Tatmesser wurde nie gefunden.

Quelle: tz

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