Für Nicht-Münchner: „Wer mit dem Teufel kommt, ist selbst ein Teufel“

Wer mit’m Deifi kimmt, is selber a Deifi

Christian Ude (60), gerade wiedergewählter SPD-Oberbürgermeister von München, war in den späten 1960er Jahren als „Hochschulpolitischer Redakteur“ der Süddeutschen Zeitung auf fast allen Demonstrationen der APO dabei.

Die tz hat ihn zur „Revolution in München“ interviewt.

Herr Ude, sind Sie ein 68er?

Christian Ude:Jein. Ich bin nach dem Abitur in die SZ-Redaktion eingetreten und war alleinverantwortlich für die Hochschul-Berichterstattung. Es gab praktisch keine Demo ohne Ude. Aber ich war kein APO-Sympathisant. Die Radikalität in Worten und die Verharmlosung von Gewalt hat mich abgeschreckt.

Und mit dieser Haltung haben Sie von APO-Leuten ein Interview bekommen?

Ude:Nicht nur eines, ganz viele. Ich war in den Augen des SDS, also der Speerspitze der Studentenbewegung, ein „Scheiß-Liberaler“. Aber ein ganz wichtiger. Denn sie wollten ja in die Zeitung kommen, am liebsten täglich. Ich erinnere mich an Pressekonferenzen in der Uni mit dem SDS, bei denen ich mich verspätet hatte. Die wurden erst gar nicht eröffnet, bevor ich nicht da war. Hinterher wurde ich deshalb zwar kritisiert, aber mit dem Zusatz: „Schreib fei was G’scheits!“ Mit anderen Worten: Der SDS wusste genau, dass Öffentlichkeit wichtig ist, und deshalb war der scheißliberale Ude immer herzlich willkommen.

Sie waren damals schon Jungsozialist in der SPD. Keine Sympathien mit der APO?

Ude:Mich hat die Aggressivität der APO abgeschreckt. Diese unendliche Besserwisserei. Was mir nicht gefallen hat, war die pauschale Beschimpfung der Polizei als „Bullen-Schweine“. Einmal, als die APO den Landtag stürmen wollte und alles abgeriegelt war, stand ich als Reporter mitten unter den Polizisten, die selber Angst hatten. Sie wurden als „Nazis“ und „Faschisten“ beschimpft. Junge Beamte aus Niederbayern oder der Oberpfalz, hinter ihren Schutzschildern, die gar nicht wussten, was hier geschah und warum sie den Kopf hinhalten mussten. Das hat mich schon sehr zur Distanz zu den aufgebrachten Demonstranten gebracht.

Die Inhalte der Demonstranten waren Ihnen egal?

Ude:Das war ja mein Problem. Der Protest gegen den Vietnam-Krieg – okay. Die CSU-Bildungspolitik – ein Desaster. Die Notstandsgesetze – nicht mein Ding. Ich war inhaltlich mit vielen Protesten der APO völlig konform. Aber die Form des Protests war inakzeptabel. Nur ein Beispiel: Bei fast jeder Demo wurde von den Protagonisten behaupten, die „Bullen“ hätten eine schwangere Demonstrantin in den Bauch getreten – was die Stimmung angeheizt hat. Das hat nachweislich nicht gestimmt. Ich war zunächst selbst empört und habe recherchiert, ob so was passiert ist. Nix war passiert. Reine Propaganda. Das hat mich geärgert.

Haben Sie selbst nie demonstriert?

Ude:Aber ja. Ich erinnere mich an eine Juso-Demo gegen den Vietnam-Krieg vor dem Amerika-Haus. Da fiel leider unser Megaphon aus. Die Polizei hat mir dann angeboten, über ihren Lautsprecher im Polizei-Auto meine Rede zu halten. Das habe ich auch getan. Ich habe dann am Ende gesagt: „Ich danke der Münchner Polizei für die Unterstützung unseres Protestes gegen den amerikanischen Krieg in Vietnam!“

Hatten Sie als Reporter auch Kontakt zu den Chef-Revoluzzern?

Ude:Mein besonderes Erlebnis ist das mit Fritz Teufel. Der Münchner SDS hatte mir ein Interview mit ihm vermittelt und wir haben uns dann zum Abendessen im Weinbauer in Schwabing verabredet. Als wir eintreten wollten, stürzte der Wirt, begleitet von mehreren Stammtischbrüdern, mit abgebrochenen Stuhlbeinen in der Hand auf uns zu und schrie: „Da Deifi kimmt hier ned nei.“ Ich versuchte es auf ganz staatsmännisch und sagte: „Ich bin Redakteur der Süddeutschen Zeitung und wir wollen hier essen.“ Darauf antwortete der Wirt: „Wer mit’m Deifi kimmt, is selber a Deifi.“ Wir zogen uns dann in ein Café an der Leopoldstraße zurück und machten das Interview.

Das dann die SZ hoch begeistert gedruckt hat?

Ude:Im Gegenteil. Als ich mit meiner Story am nächsten Tag ankam, ließ mich die Chefredaktion wissen, dass Fritz Teufel kein Thema und ein Lokalverbot für einen SZ-Reporter äußerst schlecht für die Außenwirkung der Zeitung sei. Darauf rief ich die Kollegin Almut Hielscher von der AZ an, die daraus eine Story machte, mit dem Schlusssatz: „Diese Geschichte durfte in der SZ nicht gedruckt werden.“ Am folgenden Tag stand ich vor dem Rausschmiss aus der SZ-Redaktion. Gott sei Dank ist dieser Kelch damals an mir vorüber gegangen. Ich durfte, trotz heftiger Kritik, bleiben.

Und im Weinbauer sind Sie nie wieder eingekehrt?

Ude:Ich hatte ein jahrelanges Lokalverbot, das die Augustiner-Brauerei nach meiner Wahl zum Oberbürgermeister von München aufgehoben hat. Es ist schon ein Kreuz mit dem Teufel.

Quelle: tz

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