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Westparkmörder beschimpft Richterin

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Gorazd G.

München - Der sogenannte Westparkmörder hat während der Verhandlung um seine Sicherungsverwahrung die Richterin beschimpft. Hier erfahren Sie den Anlass seiner verbalen Attacke.

Seit Monaten sitzt er regungslos auf der Anklagebank des Landgerichts München und lässt den Prozess, der über seine Zukunft entscheidet, mit stoischer Ruhe über sich ergehen. Als die Richter in dem Verfahren um die nachträgliche Sicherungsverwahrung am Dienstag jedoch in seiner Vergangenheit wühlen, rastet der verurteilte Westparkmörder Gorazd G. aus. Er springt auf und schreit dem Vorsitzenden Richter Stephan Hock „Halt’s Maul“ entgegen. Eine Richterin beschimpft er als Hure.

Das, was Gorazd B. derart aus der Fassung bringt, sind seine eigenen Worte. Worte, die der heute 35-Jährige vor vielen Jahren für seine Ex-Freundin Nicole W. formuliert hat. 14 Briefe hat sie dem Gericht übergeben, die ihr Gorazd B. in der Zeit zwischen Januar 1997 und März 1998 geschrieben hat. Briefe, in denen er seine Unschuld beteuert, ihr seine unerschütterliche Liebe bekundet und seine Kindheit aufarbeitet.

Verfasst hat Gorazd B. das alles während seiner Zeit in Kroatien, wo sein Vater lebt. Dorthin hatten die deutschen Behörden den Slowenen abgeschoben, nachdem er einen Teil seiner Strafe für eine Schlägerei, die für seinen Gegner fast tödlich endete, abgesessen hatte. Den Mord an dem 40 Jahre alten Architekten Konrad Hierl im Westpark hatte B. schon 1993 begangen. Doch lange blieb die Tat ungeklärt. Erst Ende 1997 kam Gorazd B. in Kroatien in Auslieferungshaft, 2003 verurteilte ihn ein Gericht nach mehreren Anläufen zu zehn Jahren Jugendstrafe. Auch aus dem Gefängnis in Kroatien schrieb er Briefe an Nicole W.

Gorazd B. will nicht verstehen, dass die Briefe nun, da er seine Strafe wegen des Westparkmords längst abgesessen hat und es darum geht, ob er als Gefahr für die Allgemeinheit dennoch in Haft bleiben muss, öffentlich verlesen werden. „Was hat damals mit heute zu tun“, brüllt er durch den Saal. Es scheint ihn zu treffen, dass jemand anderes als seine Ex-Freundin Einblick erhält in sein Innerstes.

Wutentbrannt lässt er sich zurück auf die Anklagebank fallen und murmelt noch: „Ihr seid doch Witzfiguren.“ Jetzt wirkt er wie der, den die Psychiater von früheren Gefängnisaufenthalten kennen: „unbelehrbar, aufsässig, bedrohlich, einer, der sich um nichts schert“, ein Mann „mit emotionaler Stumpfheit“.

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Eine Beschreibung, die so gar nicht passen will zu dem, der die Briefe an Nicole W. geschrieben hat. Wohl formuliert, streckenweise fast poetisch beschwört der damals 22-Jährige darin seine Liebe zu ihr: „Du hast mir alles im Leben bedeutet – wir sind zwei schicksalsgeschlagene, gebrannte Kinder.“

Immer wieder zitiert er die Bibel, erzählt Fabeln, schreibt Sätze wie „Jeder ist für sich selbst verantwortlich – Schicksal ist das, was man selber tut.“ Auch reflektiert er seine früheres Verhalten: Als Kind habe man ihn geschlagen und gedemütigt. „Irgendwann habe ich beschlossen, genau so zu werden wie die, die mir das angetan haben. Aber das war der falsche Weg.“ Und: „Die Menschen haben ein falsches Bild von mir, in Wahrheit bin ich bin sensibel und verletzlich.“

Dann plötzlich, wenn Gorazd B. von seiner Zeit in Haft spricht, wechselt er in einen Staccato-Stil. „Eingesperrt – Wut – Stolz – Verbitterung.“ Aber auch: „Ich bin kaputt, fertig, am Ende meiner Kräfte, die Schale ist zerbrochen und darin spiegelt sich ein kleiner Junge mit wasserblauen Augen, der geliebt werden möchte.“ Er würde gerne um Hilfe schreien, schreibt er, „aber es käme niemand“.

Stundenlang verlesen die Richter die Briefe. Gorazd B. sagt nichts mehr. Er hat die altbekannte Pose eingenommen: die Hände in den Hosentaschen vergraben, hockt er mit malmendem Kiefer da und fixiert starr den Staatsanwalt, der ihm gegenüber sitzt. Der Prozess geht heute weiter.

bl

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