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Wie gefährlich sind die billigen Zahn-Füllungen?

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München - Reizwort Amalgam. Sind die billigen Zahnfüllungen Gift? Müssen sie raus?

Leiden nicht Zehntausende unter den Nebenwirkungen der quecksilberhaltigen Plomben?

Seit gestern herrscht endlich Klarheit. In einer groß angelegten wissenschaftlichen Studie untersuchten Ärzte, Zahnmediziner und Naturheilkundler der beiden Münchner Universitäten zwölf Jahre lang, ob Amalgam wirklich schädlich ist. Ob die tickende Zeitbombe in den Zähnen wirklich Kopfschmerzen, Konzentrationsschwäche, Müdigkeit und depressive Verstimmungen hervorruft.

Ergebnis: Nein. „Es gibt keinen Grund, eine intakte Amalgamfüllung zu entfernen“, sagt Zahnarzt Prof. Reinhard Hickel von der Universitäts-Zahnklinik, der an der Studie beteiligt war. „Etwa jeder zweite Münchner hat noch Amalgam-Füllungen von früher im Mund. Und wir setzen es auch heute noch guten Gewissens ein, wenn es die Patienten wünschen oder wenn sie Kunststoff-Füllungen, Gold oder Keramik nicht vertragen.“

Internist und Studienleiter PD Dr. Dieter Melchart ist sich da nicht ganz so sicher Der Leiter des Zentrums für Naturheilkundliche Forschung des Klinikums rechts der Isar: „Ob Amalgam Gesundheitsschäden auslösen kann, lässt sich wissenschaftlich nicht eindeutig feststellen. Denn wir haben in vielen Tests gesehen, dass es keine einzige zuverlässige Diagnosetechnik gibt, die das nachweist.“

Dafür machten Dr. Melchart und seine Mitarbeiter eine andere wichtige Entdeckung: „Wir wissen jetzt endlich sicher, was gegen die vielen Beschwerden der Patienten hilft, die nach eigenen Aussagen durch Amalgam geschädigt wurden.“

Das Ergebnis hat die Forscher überrascht. Dr. Melchart: „Wir konnten zeigen, dass die Beschwerden deutlich besser wurden, wenn der Zahnarzt die Amalgamfüllungen entfernte. Aber wir konnten gleichzeitig beweisen, dass sich die Beschwerden auch allein durch Entspannungsübungen, Bewegungstraining, Ernährungsumstellung und eine gesündere Lebensweise deutlich verminderten. Obwohl die Amalgam-Füllungen der Patienten im Mund blieben.“

Der Anlass der Münchner Amalgam-Studie liegt schon zwölf Jahre zurück. Damals verklagten rund 1500 vermeintliche Amalgam-Opfer die Herstellerfirma Degussa. Die Richter konnten jedoch keine Anhaltspunkte für eine Verurteilung finden. „Aber sie sprachen ein salomonisches Urteil“, so Dr. Melchart: „Gegen Zahlung von umgerechnet 600 000 Euro stellten sie das Verfahren ein. Die Summe sollte ein wissenschaftliches Forschungsprojekt fließen. Wir wurden dann beauftragt, zu erforschen, ob Amalgam schädlich ist und wie man Amalgamschäden feststellen und behandeln kann.“

Die Wissenschaftler befragten zuerst über 5000 zufällig ausgesuchte Zahnarzt-Patienten nach bestehenden Beschwerden wie allgemeine Mattigkeit, rasche Ermüdung, Kopfschmerzen und Stimmungsschwankungen. Resultat: Die Symptome traten bei Patienten mit und ohne Amalgam etwa gleich oft auf. Dr. Melchart: „Es gibt bis heute kein einheitliches Beschwerdebild für eine Amalgamvergiftung. Es handelt sich meist um Symptome, wie sie auch bei Stressbelastung auftreten.“

In einem weiteren Versuch wurden dann 90 Patienten mit Amalgam-Symptomen auf drei verschiedene Arten behandelt. 30 bekamen ihre Plomben entfernt, 30 weitere erhielten zur Plombenentfernung zusätzlich eine naturheilkundliche Ausleitungstherapie mit Vitaminen und Spurenelementen. Die restlichen 30 Patienten behielten ihre Amalgam-Füllungen und unterzogen sich einem Gesundheitstraining. Ergebnis: Alle drei Gruppen erlebten die gleiche deutliche Besserung der Symptome.

Michael Timm

Quelle: tz

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