Wie Handy-Firmen und Polizei Ihre Daten nutzen

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Eingeschaltete Handys funken immer den nächst gelegenen Sendemast an und verraten damit, wo Sie sich gerade befinden.

München - Täter hinterlassen ihre Spuren nicht mehr nur mit Fingerabdrücken, Haaren oder Körperflüssigkeiten. Sie werden immer häufiger durch unsichtbare Spuren überführt. Das zeigt sich auch im aktuellen Mordfall Poschinger im Januar.

 Anhand der Handyverbindungsdaten von Täter und Opfer konnte die Polizei die ­letzten Minuten vor der Tat zurückvollziehen. Die Beamten wussten, wann und von wo aus telefoniert wurde. Heute wäre das in dieser Form nicht mehr möglich. Das Bundesverfassungsgericht entschied sich im März 2010 gegen die Datenvorratsspeicherung. „Das ist bedauerlich. Die Daten der Handyortung konnten oft ein wichtiger Mosaikstein bei den Ermittlungen sein“, sagt Polizei-Pressesprecher Peter Reichl. Allein 2009 half die Handyortung in 1015 Fällen bei der Aufklärung von Straf­taten. „Nach heutigem Stand können wir der ­Polizei auf richterlichen Beschluss nur sagen, wo sich ein Tatverdächtiger aktuell befindet, nicht mehr, wo er sich vor einer Woche aufgehalten hat“, sagt Markus Goebel, Sprecher des Mobilfundienstleisters O2.

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Poschinger-Mordwaffe: Ja, es gab Hinweise!

Anders verhält es sich bei der Suche von Vermissten. „Geht es darum, eine hilflose Person, einen Vermissten oder Suizidgefährdeten zu finden, dann kommen wir immer noch rasch an die Daten ran. Schließlich geht es da um Leben und Tod“, sagt Reichl. Doch wie ist es technisch möglich, jemanden zu Orten? „Unsere Sicherheitsabteilung kann anhand der Nummer identifizieren, in welcher Mobilfunkzelle sich das Handy befindet“, erläutert Vodafone-Sprecher Thorsten Hoepken. Mit „Zelle“ ist der Bereich gemeint, den ein Sendemast abdeckt. Das Handy kommuniziert immer mit dem nächstgelegenen Sendemast. Dieser gibt an den Mobilfunkbetreiber weiter, welche Handys ihn anfunken. So kann auch der Wechsel von einem zum nächsten Sendemast registriert werden. Mit den Koordinaten des Sendemasts und dessen Reichweite lässt sich die Position eines Gerätes dann ungefähr feststellen.

„Per Triangulation ermitteln wir dann zum Beispiel den genauen Standort“, so Hoepken. Um angepeilt zu werden, muss ein Handy nur eingeschaltet sein und Netzempfang haben. Das bedeutet allerdings nicht, dass jeder geortet werden kann (siehe unten). „Es braucht keiner Angst zu haben, dass er überwacht wird“, versichert Thorsten Hoepken. Werde man nicht von der Polizei gesucht, kann auch der Netzbetreiber nicht einfach ein Handy orten. „Nein, wir können keinem Kunden helfen, sein Handy wiederzufinden“, stellt Hoep­ken klar.

Es gibt allerdings noch weitere Daten, die Einiges über das Leben der Kunden verraten. So speichern die Mobilfunkbetreiber unter anderem alle erhaltenen, abgehenden und erfolglosen Anrufe, die zugestellten und gesendeten SMS sowie von wem diese kommen. „Die meisten dieser Daten brauchen wir für die monatlichen Abrechnungen, und sie müssen daher auch gespeichert werden“, sagt Hoepken. Doch auch diese sehr speziellen Informationen unterliegen strengen Sicherheitsvorschriften. Über Inhalte von Gesprächen und SMS habe der Betreiber selbstverständlich keine Daten.

Tanja Wolff

Der gläserne Telefonierer

Von einer Überwachung per Handy kann in Deutschland nicht die Rede sein. Wer nicht gefunden werden will, der wird es auch nicht – es sei denn, er ist als mutmaßlicher Mörder, Räuber oder Erpresser im Visier der Polizei.

Allerdings gibt es heutzutage jede Menge Applikationen, Funktionen und Programme, die es ermöglichen, den Standort von Freunden oder dem Ehepartner ausfindig zu machen. Voraussetzung ist dabei jedoch immer die Zustimmung des Handyinhabers. „Nach meiner Erkenntnis gibt es keinen Dienstleister, der anbietet, jemanden gegen seinen Willen zu orten“ sagt O2-Sprecher Markus Goebel. Willigt der Handybesitzer aber in die Ortung ein, dann läuft das Ganze nicht über Funkzellen, sondern über GPS ab.

Ortungssysteme wie beispielsweise Google Latitude funktionieren dann wie folgt: Das Gerät empfängt eine Nachricht, der Handybesitzer antwortet auf diese per Mail oder SMS. Beim Versand wird eine Messung durchgeführt, die dem Peilungssystem anzeigt, wo das Handy gerade genutzt wird. „Apple bietet mittlerweile auch eine Funktion an, mit der man sein verlorenes oder gestohlenes Handy wiederfinden kann, ohne eine Nachricht zu versenden“, erklärt Goebel.

Dafür muss der iPhone-Besitzer vorher allerdings selber eine Funktion freischalten. Auch wenn die Handyortung ohne Zustimmung sicher zu sein scheint, gebe es mittlerweile dennoch eine Funktion, die es ermöglicht, jemanden gegen seinen Willen zu finden. „Facebook-Places ist sehr umstritten, weil einen dort auch Freunde einchecken können, ohne dass man das will“, sagt Goebel. Bei dieser Funktion geben Facebook-Nutzer freiwillig ihren Standort an, dabei haben sie die Möglichkeit, auch mitzuteilen, welche Freunde mit ihm dort sind: „Wer das nicht möchte, sollte dringend seine Sicherheitseinstellungen bei Facebook überprüfen.“

taf

Tausende Daten für Zimmermann-Fall

Bei diesem Anruf ist tz-Leser Stefan Harth (31, Name geändert) das Herz stehengeblieben. „Grüß Gott, Kriminalpolizei. Wo waren Sie am 7. Juni 2009? Wir ermitteln in einem Mordfall.“ Zuerst konnte sich der Münchner nicht erinnern – denn das war schließlich schon ein ganzes Jahr her.

Mordfall Zimmermann: Die Wahrheit kennt nur der Wald

Es ist ruhig geworden um den Mordfall Luise Zimmermann, bei dem eine Rentnerin (73) bei einer Wanderung im Egmatinger Forst (Lkr. Ebersberg) sexuell missbraucht und erwürgt wurde. Der Täter ist noch nicht gefasst. Aber dieser Fall eines Lesers zeigt, dass Handydaten offenbar ein wichtiges Mittel der Ermittlungen sind. Auch jetzt noch: Wie die tz aus sicherer Quelle weiß, wurden mindestens zwei weitere Personen, die im Zeitraum der Ermordung im Umkreis des Tatortes telefoniert hatten, in den vergangenen Monaten zur Polizei zitiert. Also über ein Jahr nach der Tat!

Die zuständige Polizei Oberbayern Nord sagt dazu nur so viel: „Es ist kein Geheimnis, dass Kommunikationsdaten für Ermittlungen herangezogen werden.“ Andrea Titz von der Staatsanwaltschaft München II erklärt: „Es sind sicherlich Tausende Daten gesichert worden, es handelt sich ja um ein schwerwiegendes Delikt – aber schon direkt nach der Tat.“

Dass viele Bürger erst jetzt kontaktiert werden, läge daran, dass immer erst näherliegenden Spuren nachgegangen werde. Es ist davon auszugehen, dass hier sehr viele Personen aufgrund ihrer Handydaten befragt werden. Denn im Falle von Stefan Harth war der Handymast etwa 15 Kilometer vom Tatort entfernt …

nba.

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