Wie seine Landsleute reagieren

Das sagen Münchner Türken zum Rücktritt von Özil

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Borhan Arvaneh: „Heimat bleibt Heimat“

Erst Weltmeister, dann Buhmann: Mesut Özil hat nach langem Schweigen über Twitter seinen Rücktritt aus der deutschen Fußball-Nationalmannschaft erklärt. tz fragte Münchner Landleute, wie sie darüber denken.

Man muss zu seinen Wurzeln stehen

Ich bin mit Özil einer Meinung: Man sollte zu seinen Wurzeln stehen. Wer das nicht tut, ist verloren. Man kann hier leben, einen deutschen Pass haben, sich den Regeln anpassen – Heimat bleibt Heimat. Ich bin 1968 nach Deutschland gekommen, hatte nie das Gefühl, als Ausländer angesehen zu werden. Das liegt aber daran, wie man auf die Menschen zugeht. Die Deutschen haben ja selbst ein Problem: Es hat bis zur WM 2006 gedauert, bis sie wieder sagen konnten: Ich bin stolz darauf, deutsch zu sein!
Borhan Arvaneh (61), Kaufmann (Foto oben)

Es wird niemand unterdrückt 

Auch wenn ich nicht auf der Seite seiner Partei bin: Erdogan bringt sein Land vorwärts. Aber die Presse in Deutschland macht ihn oft schlecht. In der Türkei ist niemand unterdrückt, dort ist es frei, genau wie hier. Die deutsche Presse hat auch Özil zum Außenseiter gemacht. Sein Herz schlägt nun mal für die Türkei. Aber er ist kein Politiker, er ist Fußballer! Ich bin Deutscher, ich liebe dieses Land. Aber dass meine Vorfahren Türken waren, das kann ich nicht wegschalten aus dem Kopf. Warum sollte Özil das tun?
S. Zefiroglu (55), Geschäftsmann

Sehr ärgerlich! 

Özil hat das einzig Richtige getan. Die deutsche Nationalmannschaft ist nicht hinter ihm gestanden, er hat das Vertrauen in sie verloren. Dabei wollte er nur Fußball spielen. Gut, er hat dieses Foto gemacht, aber er geht doch nicht auf Wahlkampagnen. Der DFB hat total versagt. Das ärgert mich! Ich selbst lebe seit 48 Jahren in Deutschland, Meine Kinder sind Deutsche. Wir fühlen uns hier gut aufgenommen, werden gut behandelt.
Mehmet Öztürk (56), Kfz-Sachverständiger

Der DFB hat armselig reagiert

Özil hat sich von Erdogan instrumentalisieren lassen. Das war ein Schlag ins Gesicht der türkischen Opposition. Das muss man schon sagen. Der DFB hat jedoch armselig reagiert. Stellen Sie sich vor, Deutschland wäre tatsächlich Weltmeister geworden. Dann hätten sie alle Özil gefeiert. Dabei müsste ja der DFB grundsätzlich für Integration stehen. Wenn die Vorwürfe gegen Grindel stimmen, wäre das beschämend, und man sollte sich fragen, ob er der Richtige an der Spitze des DFB ist.
Gülseren Demirel (53), Grünen-Stadträtin

Wir Türken haben zwei Herzen

Ich finde  Özils Rücktritt jammerschade. Aber ich verstehe ihn. Er musste immer mehr Kritik einstecken. Ich hätte mir mehr Rückhalt für ihn im DFB erwartet. Ich selbst lebe seit 1981 hier in Deutschland. Ich bin nicht rein deutsch und nicht rein türkisch. Wir Türken müssen zwei Herzen haben. Es geht gar nicht anders. Ich spreche nicht aus Frust: Ich lebe gut hier. Dennoch: Wir Türken waren nie so willkommen wie Italiener oder Griechen. Das liegt, denke ich, wohl an unserer Religion.
Meryem Altuntas (44), Inhaberin der Goethe Apotheke in München

Es ist sehr schade

Ich lebe jetzt schon fast 30 Jahre in Deutschland. Ob jemand Türke ist oder Deutscher, sollte doch keinen Unterschied machen. Mensch ist Mensch! Und auch die Religion sollte keine Rolle spielen. Dass sich Mesut Özil nun rassistisch behandelt fühlt und aufhört, für Deutschland zu spielen, ist wirklich sehr schade. Der Junge hat so gut Fußball gespielt!
Hamdi Pascha (55), Getränkelieferant aus München

Ich kann Özil gut verstehen 

Mesut Özil hat die beste Entscheidung getroffen. Alle haben ja auf ihn eingeprügelt wegen dieses Fotos. Dass er sich jetzt rassistisch behandelt fühlt, kann ich verstehen. Auch ich spüre es manchmal, dass ich als Ausländer angesehen werde. Dabei lebe ich seit 40 Jahren hier, eigentlich müsste ich Deutscher sein. Aber auch in 100 Jahren werden wir noch „die Türken“ oder zumindest „Deutschtürken“ sein. Trotzdem liebe ich Deutschland, München ist die beste Stadt.
Alper Yilmaz (40), selbstständig

Rücktritt war konsequent 

Die Wucht der Attacken gegen Mesut Özil hat zu einem seltenen Schulterschluss geführt zwischen Erdogan-Befürwortern und Erdogan-Gegnern. Beide Seiten finden die Kritik an Özil überzogen und rassistisch-motiviert. Sein Rücktritt war konsequent. Er hat seine Kündigung vorweggenommen. Es ist ziemlich offensichtlich, dass Özil zum Sündenbock gemacht wird, um vom Versagen des DFB abzulenken. Vural Ünlü (46), Vorstand der TGD Bayern

Stempel „Türke“... 

Ich bin Türke, aber in Deutschland geboren. Im Umfeld meiner deutschen Frau wurde ich anfangs skeptisch gesehen. Da gab’s den Stempel ‚Türke‘. Auch im Alltag erlebe ich durchaus Rassismus. Özils Rücktritt kann ich verstehen, für den großen Druck hat er mit dem Erdogan-Foto aber auch selbst gesorgt. Die Frage ist jetzt: Was macht Gündogan? Es wäre ein falsches Zeichen, wenn auch er zurücktritt. Jugendliche mit türkischen Wurzeln werden sich ab sofort überlegen, für welches Land sie spielen wollen. Murat Piri (30), Warendisponent

Ich bin hier daheim

Mesut Özils Rücktritt von der Nationalmannschaft ist sehr schade. Er ist ein guter Fußballer, nur wegen dieses einen Fotos mit Erdogan hört er jetzt auf. Dabei ist er doch Deutscher, hat einen deutschen Pass! Ich persönlich lebe seit zehn Jahren hier, ich fühle mich in Deutschland daheim. Hier kann man viel besser leben als in der Türkei. Ich habe auch nicht das Gefühl, die Deutschen sind Rassisten. Es ist doch so: Wir sind alle Menschen. Egal, woher wir kommen, ob wir Christen sind oder Moslems!
Mehmet Eltemur (34), Friseur aus München.

Wir sind integriert 

Mein Opa ist in den 60er-Jahren als Gastarbeiter nach Deutschland gekommen, ich bin hier geboren. Meine Familie ist gut integriert. Trotzdem ist die Hälfte von mir türkisch geblieben. Ich wurde aber noch nie rassistisch behandelt. Darum muss man sich natürlich selbst bemühen. Man muss die Sprache kennen, die Regeln, die Gesetze in dem Land, in dem man lebt. Ich bin gegen die Regierung in der Türkei. Aber dass Özil mit Erdogan ein Foto gemacht hat, hätte man mit ihm als Fußballspieler nicht in Verbindung bringen sollen.
Çagla Sahin (29), Rezeptionistin

Die Diskussionen gehen natürlich auch im Sport weiter. Das sagen Fußballer über den Rücktritt von Mesut Özil.

Lesen Sie auch: Uli Hoeneß attackiert Mesut Özil: Darum liegt er ziemlich falsch

Und: Merkel schwärmt von Özil - Maas spricht von „Armutszeugnis für alle“

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