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Neue Zuversicht nach dramatischem Wochenende

Wiesn und Flüchtlinge: So packen wir das!

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Über 12.000 Flüchtlinge kamen allein am Samstag wieder in München an.

München - Das Wochenende verlief dramatisch: Die Zahl an Flüchtlingen, die nach München kommen, wächst und wächst, es gibt kaum noch Unterkünfte für die vielen notleidenden Menschen. Und nächstes Wochenende startet die Wiesn. So soll das Chaos verhindert werden:

Dieter Reiter.

„München kann vieles – aber das können wir nicht alleine stemmen!“ Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) ist zunehmend frustriert wegen der mangelnden Solidarität der anderen Bundesländer, aber auch wegen der Kanzlerin, die zu wenig Druck auf die Länder-Chefs und die EU-Partner ausübe. Und nicht nur er: Nach Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) kritisierte nun auch der Vorsitzende der Innenministerkonferenz, Roger Lewentz (SPD), Merkel: „Die Länder sind völlig überrascht worden von der Einreiseerlaubnis der Kanzlerin. Wir hätten Zeit für Vorbereitungen gebraucht.“ Innenminister Thomas de Maizière verteidigte die Kanzlerin: Merkel habe wegen einer „humanitären Ausnahmelage“ so schnell entscheiden müssen. Am Samstagabend, als 12.200 Flüchtlinge an einem einzigen Tag in München angekommen waren, zeigte sich Reiter „bitter enttäuscht, dass es nun auf eine Situation zuläuft, in der wir sagen müssen: Wir haben für ankommende Flüchtlinge keinen Platz mehr.“

Am Ende schaffte es München aber auch an diesem Wochenende, allen Ankommenden ein Dach über dem Kopf zu bieten. Doch wenn am nächsten Wochenende die Wiesn startet, braucht München dringend mehr Entlastung. Die tz erklärt das Krisen-Management – und wie der SPD-Bürgermeister und die CSU-Landesregierung es gemeinsam schaffen wollen, trotz Wiesn ein Chaos zu verhindern.

Die Pläne von Stadt, Land & Bund

„Flüchtlings-Bahnhof“ und „Wiesn-Bahnhof“: Die Bahn erwartet ungefähr zwei Millionen Reisende, die per Zug zur Wiesn anreisen – selbst ohne Flüchtlinge ist das eine immense Herausforderung. OB Dieter Reiter hat trotzdem keine Sorge, dass Wiesnbesucher und Flüchtlinge aneinandergeraten könnten. Um brenzlige Situationen zu vermeiden, sollen Züge der Wiesn-Gäste möglichst in anderen Teilen des Bahnhofs ankommen als die Flüchtlinge, die am Starnberger Flügelbahnhof ankommen sollen.

Züge an München vorbeilenken: Zudem sollen während der Wiesn Flüchtlings-Züge möglichst ganz an München vorbei geführt werden. „Wir haben das Ziel, die unterschiedlichen Personengruppen weitgehend zu trennen, um Konfliktsituationen erst gar nicht entstehen zu lassen“, sagte Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU).

Bisher noch eine ungenutzte „Notreserve“: die Münchner Olympiahalle.

Zelte als Notunterkünfte: Am Samstag gab es erstmals die Situation, dass München keine Betten in den regulären Notunterkünften für die 12.200 Ankommenden hatte. Kurzfristig wurden 1000 Plätze in der Olympiahalle als Notreserve vorbereitet (nicht zum Schlafen, aber für eine Erholungspause geeignet). Zudem werden nun Zelte auf dem Gelände der Bundeswehr-Uni Neubiberg errichtet. Auch in der Richelstraße (in der Nähe des Backstage) wurde in der Nacht zum Sonntag eine Zeltstadt errichtet – insgesamt etwa 1000 zusätzliche Betten. Reiter erreichte auch in dieser schwierigen Nacht sein Ziel: „Ich will nicht, dass in meiner Stadt Menschen unter Brücken schlafen.“

Grenzkontrollen: Als Reaktion auf die steigenden Flüchtlingszahlen führt Deutschland wieder Grenzkontrollen ein – an den südlichen Grenzen.

Regelzüge für Flüchtlinge:  Die Bahn setzte Sonntag erstmals einen fahrplanmäßigen Zug allein für den Flüchtlingstransport ein, einen ICE nach Berlin. Reguläre Fahrgäste mussten auf andere Züge umbuchen. Vereinzelte Reisende reagierten erbost, so DB-Mitarbeiter. Doch die Mehrheit der Bahnkunden blieb gelassen und verständnisvoll. Ab Montag sollen Flüchtlinge aber auch in Zügen zusammen mit anderen Reisenden transportiert werden.

Druck auf die anderen Länder: Züge allein lösen das Problem nicht: „Wir können die Menschen nicht in einen Zug setzen, ohne zu wissen, wo er hingeht“, so Reiter, der Sonntag erneut an die anderen Bundesländer appellierte, mehr Flüchtlinge aufzunehmen. Dabei sei auch die Kanzlerin gefordert, ihre Durchsetzungskraft unter Beweise zu stellen, so Reiter. Rühmliche Ausnahme sei Nordrhein-Westfalens Ministerpräsidentin Hannelore Kraft: NRW nahm 10 000 Flüchtlinge aus Bayern auf. „Wir stehen an der Seite der Kollegen in Bayern und schaffen täglich neue Kapazitäten“, sagte ein Sprecher des Innenministeriums. „Wir wissen jedoch nicht, wie lange wir das noch durchhalten.“

Neue Verteil-Drehkreuze: Nach der Absage Leipzigs gibt es neben München noch immer kein weiteres Drehkreuz zur Verteilung der Asylsuchenden – was Reiter zunehmend wütend macht: „Ich verstehe nicht, warum das so lange dauert! Täglich rufe ich im Bundesinnenministerium an, wo ich immer nur vertröstet werde: ,Rufen Sie morgen wieder an‘“, so der OB im Gespräch mit der tz. Zwar gibt es nun das Versprechen, ein Drehkreuz für Norddeutschland in Oerbke bei Bad Fallingbostel (Niedersachsen) zu schaffen– doch wann das starten kann, ist noch offen.

Druck auf die EU-Partner: Die EU-Innenminister beraten Montag über den Vorschlag von EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker, der 120 000 Flüchtlinge nach einer festen Quote verteilen will. Wegen des Widerstands insbesondere der osteuropäischen Staaten allerdings mit wenig Aussicht auf Erfolg. Kanzlerin Merkel appellierte noch einmal an die EU-Partner: „Dies ist nicht nur eine Verantwortung Deutschlands, sondern aller Mitgliedstaaten der EU.“ OB Reiter ist über die Solidarität in der EU enttäuscht: „Wenn Frankreich 1000 Flüchtlinge aufnimmt, klingt das nicht nach Grande Nation, sondern nach Petite (Anm. d. Red.: kleine) Nation“.

Die große Stunde der Helfer - Ehrenamtler im Dauereinsatz

München hat es erneut geschafft, den vielen, vielen Flüchtlingen eine menschenwürdige Aufnahme zu bereiten. Das ist auch das Verdienst Tausender Münchner, die vor allem in den Nächten tatkräftig mit angepackt haben, um den Ankömmlingen zu helfen. Bei fluechtlingshilfe­muenchen.de sind rund 4000 Helfer registriert. Dort im Netz wird aktuell gepostet, was man an Hilfe oder Spenden braucht. Am Samstagabend waren eine halbe Stunde nach dem Aufruf schon genügend Helfer vor Ort. Und als Decken und Schlafsäcke gebraucht wurden, waren innerhalb weniger Stunden zwei Lkw-Ladungen voll davon da! Die Spenden kann man am Infobus vor dem Elisenhof abgeben, wo sich auch die Helfer melden. Hier starten auch die Stadtrundfahrten. Eine Britin sagt: „Das ist unglaublich, was hier geschieht – und eine Schande für England, dessen Regierung nicht helfen will.“

Ohne sie wäre es nicht zu schaffen – drei Beispiele für großes Herz

"Meine siebenjährige Tochter hat im Kroatien-Urlaub Flüchtlingsbilder gesehen und gesagt: „Papi, ich hab so viel, und diese Kinder haben nichts.“ Das war für mich ein Tritt in den Hintern, dass ich helfen muss. Wir sind zwei Tage früher als geplant nach Hause, ich helfe seit Donnerstag. In Riem haben wir eine Nacht lang Klamotten verteilt. Ich kann jetzt nicht mehr aufhören, daheim sitzen geht nicht. Allerdings schlafe ich schon wie gewohnt und am Montag geht die Arbeit wieder los. Ich will das Richtige antworten, wenn mich die Kinder in 20 Jahren fragen: 'Wo warst Du damals?'"

Torben Trulsen (41), Buchhalter

"Die Nacht am Hautbahnhof ist überraschend gut gelaufen. Die Hilfsbereitschaft ist riesig. Über 1000 Menschen waren nachts im Einsatz. Das Gute ist: Wir bei fluechtlingshilfe­muenchen.dekönnen auf 120 Leute zurückgreifen, die wir innerhalb einer Stunde aktivieren können. Insgesamt sind 4000 Helfer sind bei uns registriert, das sind Rentner, Schüler, Studenten, Hausfrauen oder Berufstätige, die gerade Urlaub haben. Und wir hören schon von den Behörden: Ohne uns wäre das kaum zu schaffen.

Colin Turner (35) Wahlkreisbüromitarbeiter von MdB Nicole Gohlke (Linke)

"Ich übersetze in der Messestadt. Ich fragten einen Syrer: „Bist du vor dem IS geflüchtet?“ Er sagte: „Nein, vor Assad. Ich hatte Ländereien und sogar 20 Pferde, die je eine Million Dollar wert waren. Alles ist weg.“ Ein Paar wollte in eine Stadt, wo wenige Flüchtlinge sind – in der Hoffnung, ihr Asylantrag werde schneller akzeptiert. Beide hatten Marketing-Diplome und waren im Management. Ein Syrer berichtete, in Jordanien war es o.k., wenn du Drogen konsumiertest – wenn du Arbeit hattest, kamst du ins Gefängnis. Ein Iraker habe für eine US-Firma gearbeitet und werde mit dem Tode bedroht."

Karim Benh (36) IT-Berater

„Willkommen!“ Roth begrüßt Syrer

Unter den Münchnern, die ankommende Flüchtlinge mit „Willkommen!“-Schildern begrüßen, war am Samstag ein prominentes Gesicht: Bundestags-Vizepräsidentin Claudia Roth (Grüne), die sich – begleitet von tz-Redakteur Marc Kniepkamp – ein eigenes Bild von der Situation am Bahnhof machen wollte.

Claudi Roth spricht mit Flüchtlingen, tz-Redakteur Kniekamp begleitet sie.

An den Gleisen 24 und 25 wartet die Polizei gerade auf einen Regionalexpress aus Passau und einen Railjet aus Wien, in denen sich Hunderte Flüchtlinge befinden. Die Grünen-Politikerin dankt den Münchner Polizisten für ihre Arbeit, dafür, wie freundlich und tatkräftig sie die Flüchtlinge empfangen. Dann fährt der erste Zug ein, der Bahnsteig wird abgeriegelt, die Asylsuchenden sollen zur medizinischen Erstuntersuchung in der Schalterhalle des Starnberger Bahnhofs gebracht werden. Schnell bildet sich eine Menschentraube – Männer, Frauen und Kinder – um Roth. „Willkommen in Deutschland“, ruft sie den Geflüchteten zu, hört sich ihre Geschichten an. Eine Frau erzählt, sie sei aus der syrischen Hauptstadt Damaskus geflohen, durch die Türkei, Griechenland, Mazedonien, Serbien und Ungarn. Erschöpft sind diese Menschen – und glücklich, vorerst am Ziel ihrer Reise zu sein. Glücklich auch darüber, dass sie so freundlich empfangen werden.

Roth macht den Flüchtlingen Mut. Sagt, dass die Polizisten nett sein werden und dass die Flüchtlinge nur kurz warten müssen, um gemeinsam mit Asylsuchenden aus dem Zug vom anderen Gleis zur ersten Registrierung gehen zu können. Und sie sagt den Angekommenen: „Wenn Sie hier Gruppen junger Männer sehen, die laut schreien, dann sind das Fußballfans des FC Bayern oder des FC Augsburg.“

Derweil sucht auf dem Bahnsteig ein in München lebender Iraker nach seinem Schwager, der in einem der Züge gewesen sein sollte, gemeinsam mit seiner vier Jahre alten Tochter. Sie tauchen nicht auf, dafür treffen sich andere Flüchtlinge, die auf unterschiedlichen Wegen nach München gekommen sind, hier am Gleis wieder und fallen sich in die Arme.

So sehr sich Roth über die Freundlichkeit der Polizei und das Engagement der Münchner freut, so sehr ärgert sich die Grüne darüber, dass CSU-Chef Horst Seehofer nun den Schulterschluss mit Ungarns Ministerpräsidenten Viktor Orban sucht: „Ich frage mich, was Horst Seehofer eigentlich von Herrn Orban lernen will, wenn er ihn zur Klausur seiner Landtagsfraktion einlädt. Orban steht wie niemand anders in Europa für Rechtsnationalismus und Islamfeindlichkeit. Diese Einladung ist eine offene Provokation für Kanzlerin Angela Merkel und EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker!“ Und auch die scharfe Kritik an der Kanzlerin ärgert Roth: „Diese Entgleisung wird am Ende Wasser auf die Mühlen derer sein, die auch vor Gewalt gegen Flüchtlinge und deren Unterkünfte nicht zurückschrecken. Das Credo der CSU ist seit Franz Josef Strauß, dass es keine demokratische Partei rechts von ihr geben darf. Die Frage ist aber, wie sie das anstellt: Indem sie selbst Rechtspopulismus betreibt oder die Demokratie in den Vordergrund stellt. Seehofer betreibt ein Spiel mit dem Feuer.“

Klaus Rimpel, Johannes Welte, Marc Kniepkamp

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