Wilde Zeiten im Tierheim

München - Im Tierheim herrscht Platznot: Rund 200 Wildtiere müssen die Pfleger derzeit versorgen, darunter etliche Vogelküken. Der Grund: Im Frühling finden Bürger oft Tierbabys in der Stadt, die hilflos wirken - doch dieser Eindruck täuscht häufig.

Ganz allein sitzt das kleine Küken im Gras. Es sperrt den Schnabel auf und fiept mitleiderregend. Kein Nest, keine Mutter in Sicht. Bei so einem Anblick packt viele Tierfreunde in der Großstadt ein Reflex: Sie sammeln das Tier auf und bringen es nach Riem ins Tierheim - denn es braucht ja offensichtlich Hilfe. Oder doch nicht?

„Dieser Reflex, das Tier zu schützen, ist gut gemeint, aber oft nicht nötig“, erklärt Judith Brettmeister vom Tierschutzverein München. Denn: Jetzt im Frühling unternehmen Vogelküken ihre ersten Flugversuche. Das klappt nicht sofort, manchmal landen sie eben im Gras. Dort sitzen sie dann, sperren den Schnabel auf - und starten den sogenannten Bettelruf. „Damit rufen die Küken nach der Mutter“, erklärt Brettmeister. „Die versorgt ihren Nachwuchs dann am Boden weiter.“ Doch weil die meisten Menschen das nicht wissen, kommen sie der Natur zuvor. Das Ergebnis: Die Wildtierstation im Tierheim gleicht einer Vogelhandlung: Meisen, Spatzen, Drosseln, eine eigene Voliere für Krähen. Der kurioseste Neuzugang: Ein Spatzennest im Bierkasten. Ein Mitarbeiter einer Brauerei fand das Nest, als die Küken gerade geschlüpft waren, und brachte den ganzen Kasten nach Riem.

Insgesamt gibt es zur Zeit rund 200 Wildtiere im Tierheim. „Das ist für uns eine enorme Mehrbelastung“, sagt Brettmeister. Nicht nur Vögel, darunter 21 Krähen, knapp 30 Enten, drei Meisen täglich bis zu fünf Buntsprechte, werden hier gepflegt, bis sie groß und stark genug sind, um in die Freiheit entlassen zu werden. Auch Säugetiere hat Wildtierpflegerin Loes Hijmans, 29, zu versorgen. Sieben Marder, ein Hermelin, 30 Jung-Eichhörnchen und etliche Mäusebabys zählen derzeit zu ihren Schützlingen. Und je jünger sie sind, desto mehr Arbeit machen sie. „Mäuse- und Eichhörnchenbabys müssen jede Stunde gefüttert werden, auch nachts“, sagt Hijmans. Zum Glück hat sie Helfer: „Um die Eichhörnchen kümmert sich eine Familie, deren Mitglieder sich bei der Nachtwache abwechseln.“ Auch frisch geschlüpfte Vogelküken halten das Pflegerteam in Atem - „aber nur von Sonnenaufgang, bis es dunkel wird. Die schlafen nachts“, sagt die Wildtierpflegerin. Sie päppelt die Tiere auf, bis sie wieder ausgewildert werden - und erklärt, wie man sich verhalten sollte, wenn man ein Vogelküken findet: „Erst mal nichts tun und die Lage beobachten.“ Aus sicherer Entfernung könne man abwarten, ob die Mutter sich blicken lässt. „Das kann schon mal zwei Stunden dauern.“ Wer nicht so lang warten will, weil das Tier wegen der Nachbarskatze oder einer Straße neben dem Grünstreifen in Gefahr ist, darf ein Vogelküken auch aufheben und woanders hinsetzen - aber niemals so weit weg, dass die Mutter es nicht finden kann. Anders als Haarwild stören sich Vögel nicht am menschlichen Geruch.

Eine Hasenmutter hingegen würde ihr Baby verstoßen, wenn es nach Mensch riecht. Hasenkinder sollte man in den meisten Fällen in Ruhe lassen: „Die Tiere legen ihren Nachwuchs absichtlich vereinzelt in der Landschaft ab“, erklärt Brettmeister. „Die Mutter kommt nur ein, zwei Mal am Tag zum Säugen vorbei.“ Ansonsten verhalten sich die kleinen Hasen ganz still, damit sie niemand findet. Entdeckt ein Mensch sie doch, glaubt er deshalb oft, das Tier sei schwach und krank.

Doch was, wenn es einem Tier wirklich schlecht geht? Natürlich gibt es Fälle, in denen Tierfreunde zu Recht eingreifen: „Wirklich verwaiste und verletzte Tiere brauchen Hilfe“, sagt Brettmeister. Bei den Vögeln etwa gebe es auch Küken, die aus dem Nest fallen, wenn sie noch gar nicht fliegen können - die Nestlinge, nicht zu verwechseln mit den Ästlingen, die bereits Federn haben. Letztere sollte man bei ihren Flugversuchen nicht stören, während erstere ins Tierheim gehören - es ist kompliziert mit der Tierliebe.

Deshalb machen Judith Brettmeister und Loes Hijmans auch niemandem einen Vorwurf, der ein Tier bringt, das es auch allein geschafft hätte. „In der Stadt ist man eben nicht an Wildtiere gewöhnt“, sagt Brettmeister. „Die Leute meinen es ja gut.“

Ann-Kathrin Gerke

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