Die verbotene Jagd

Fälle brutaler Wilderei rund um die Stadt häufen sich

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Eine Wildkamera fängt einen Wilderer ein: Mit Tarnkleidung, Sturmhaube und gespannter Armbrust schleicht er um eine Wildschwein-Suhle.

München - Wilderer treiben rund um München ihr Unwesen - sehr zum Ärger von Bayerns Jägern. Die tz verfolgt die Spur der Wilderer.

Seltsame Dinge geschehen im Wald. Jäger finden fremde Reifenspuren, hören Schüsse, die nicht aus ihren Büchsen kommen. Im Landkreis Freising bergen sie eine verendete, hochträchtige Hirschkuh aus einem Weiher, den Unterkiefer in Fetzen geschossen. Bei Starnberg lehnt eines schönen Julitages der abgeschlagene Schädel eines Jungbocks an einer Holzbank. Und im Ebersberger Forst haben sie schon den dritten Wildschwein-Kadaver gefunden – der Kopf abgetrennt. Bayerns Jäger sind sich einig: Das Werk von Wilderern. 

Starnberg, Fürstenfeldbruck, Erding, Freising – die Jagdvereine klagen über Wilderei. Das Polizeipräsidium Oberbayern Nord stellt einen Anstieg fest: 2015 gab es 17 Anzeigen – heuer sind es noch vor Jahresende bereits über 20. Die tz verfolgt die Spur der Wilderer. 

Auf der Pirsch nach den Wilderern

Es knackt im Unterholz. Thomas Schreder geht in die Hocke und inspiziert einen Abduck in der feuchten Erde: „Kein Reh, zu tief der Abdruck, etwas mit viel mehr Gewicht.“ Ein Wildschwein mitten in seinem Revier. Es gibt nur ein Problem. 

Schreder hat zwar sein Jagdgewehr dabei, die Munition aber liegt gut 400 Meter Luftlinie entfernt im Auto. Aber mei, Schreder hat Zeit.

Jäger wissen, welche Tiere sie schießen müssen

Jäger Thomas Schreder vom Bayerischen Jagdverband sagt: „Die Fälle von Wilderei häufen sich.“ Er warnt davor, Wilderer selbst zu verfolgen.

Und das ist der Unterschied. Schreder, Sprecher des Bayerischen Jagdverbandes (BJV) und Vorsitzender der BJV-Kreisgruppe Erding, ist ausgebildeter Jäger. Er kennt sein Revier, weiß, welche Tiere er schießen muss und welche er „stehen“ lässt. Wenn er jagen geht, hat er Zeit, da nimmt er sich am Abend nichts vor, es könnte passieren, dass er ein Reh nicht richtig trifft und zur „Nachsuche“ muss: das verletzte Tier finden und erlösen. „Diese Zeit hat ein Wilderer nicht.“ Wilderer? In Hinterholzhausen? „Nicht nur hier. Zurufe kommen von überall her“, sagt Schreder.

Und tatsächlich: Wer in den Jagdrevieren rund um München herumfragt, hört es von überall: Wilderer. Es habe vor etwas mehr als zwei Jahren angefangen, als im Landkreis Freising eine Wildkamera eine seltsame Gestalt einfängt: Tarnkleidung, Sturmhaube, gespannte Armbrust, Bolzen im Anschlag. Walter Bott, der zuständige Jäger, sagt: „Wir waren uns nicht sicher: Wildert der – oder spielt der?“ Trotzdem, „komisch“ sei das schon. Dieses Jahr habe er schon zwei „Fälle“ gehabt: die trächtige Hirschkuh mit zerschossenem Unterkiefer und vor wenigen Wochen einen Rehbock. „Die Kollegen beteuern, den nicht erlegt zu haben.“

Immer mehr Wilderei in Starnberg

Besonders in Starnberg scheinen die Wilderer immer wieder zuzuschlagen, dort ermittelt die Polizei gegen einen Metzger und einen Wildhändler, bislang erfolglos. „Man kann den Wald nicht überwachen“, sagt Hartwig Görtler, Vorsitzender der Starnberger Kreisgruppe. Im Ebersberger Forst, wo seit Sommer ein Wilderer sein Unwesen treibt und bereits drei geköpfte Wildschweine gefunden wurden, sind sie sich sicher: „Der ist hinter der Trophäe her“, sagt Jäger Jürgen Hörmann, der den letzten Kadaver gefunden hat. „Der Kopf war abgetrennt, keine Schusswunde, er hat die Sau wohl mit einem Kopfschuss getötet – und den Körper zum Verrotten liegen lassen.“

Thomas Schreder, der Erdinger Jäger, kennt all diese Geschichten, sie machen ihn wütend. „Diese Gestalten treten den Tierschutz mit Füßen, haben keinen Respekt. Die Tiere verenden jämmerlich.“ Auch er töte, keine Frage. „Aber ich bin jahrelang ausgebildet und weiß, was ich tue.“ Die Motivation der Wilderer? Für Schreder geht es um Wildbret. „Je näher die Festtage rücken, desto stärker die Nachfrage.“ Um einen Wilderer zu überführen, müsste Schreder ihn in flagranti überraschen – gefährlich: „Das sind Menschen, die eine Waffe in der Hand halten und schon eine Straftat begangen haben.“ Sein Rat: „Aus sicherer Entfernung ein Foto machen, Polizei rufen, abhauen.“

Thomas Schreder und die anderen Jäger sagen, dass niemand den Wald überwachen kann. Trotzdem sollen die Wilderer wissen: Der Wald hat tausend Augen.

Polizist: „Die meisten wollen nur Geld“

Andreas Ruepp (51) ist seit 26 Jahren Polizist, auf die Jagd geht er seit seinem 17. Lebensjahr. Ruepp sitzt im Präsidium des Bayerischen Jagdverbandes.

Herr Ruepp, woran liegt es, dass die bayerischen Jäger vermehrt über Wilderer klagen, die Anzeigen bei der Polizei aber nicht sprunghaft ansteigen?

Andreas Ruepp: Die Zahl der Fälle nimmt zu. Das Problem ist, dass Jäger häufig erst beim dritten oder vierten Vorfall zur Polizei gehen. Die Dunkelziffer ist hoch.

Und die Polizei nimmt die Fälle ernst?

Ruepp: Sicher. Wir müssen die Jäger sensibilisieren, jede Reifenspur kann hilfreich sein. Schon vor Jahren wollten wir eine Stelle schaffen, wo alle Hinweise auf Wilderei zusammenlaufen. Die Politik sah dafür jedoch offenbar keine Veranlassung. In Bayern reden wir von 200 Fällen im Jahr, auf 70 Landkreise aufgeilt ist das offenbar zu wenig. In der Politik scheint sich dafür niemand zu interessieren.

Warum sollte die Politik sich dafür interessieren?

Ruepp: Wilderer sind häufig mit illegalen Waffen unterwegs, sie verstoßen gegen das Gesetz. Sie scheren sich einen Teufel um den Tierschutz, lassen Tiere grausam verenden, schießen in der Schonzeit.

Warum wildern Menschen?

Ruepp: Manche suchen den Kick, andere sind hinter Trophäen her. Die meisten wollen Geld: Für ein Reh bekommt man 200 Euro, vier Rehe pro Woche machen 800 Euro. Ein lukrativer Nebenverdienst.

Strafe: Bis zu fünf Jahre Haft

Wer wildert, muss mit einer Geldstrafe oder einer Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren rechnen. „Jagdwilderei“ ist in Deutschland nach § 292 des StGB eine „Straftat gegen das Vermögen und gegen Gemeinschaftswerte“. In besonders schweren Fällen können Gerichte sogar fünf Jahre verhängen. Dann zum Beispiel, wenn der Wilderer gewerbsmäßig wildert, zur Nacht- oder Schonzeit, Schlingen oder Fallen einsetzt. Häufig verstoßen Wilderer auch gegen das Waffengesetz.

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