Willkommen im Piratennest!

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Piratengeschäftsführer Aleks Lessmann in der neuen Geschäftsstelle.

München - In Berlin sitzen sie bereits im Parlament, auch in München wollen die Piraten Wähler von sich überzeugen. Die tz hat die etwas andere Partei in ihrem "Piratennest" besucht.

Ein etwas schmuckloses Haus in Milbertshofen ist der neue Heimathafen der bayerischen Piraten. Geschäftsführer Aleks Lessmann (44) und seinen Parteifreunden macht das nichts aus. „Wir freuen uns, endlich einen solchen Treffpunkt für unsere alltägliche Arbeit zu haben“, sagt Lessmann, als er den tz-Reporter durch die neuen Räume führt. Die Internetpartei gibt’s jetzt also offline, zum Anfassen!

Ein wenig kahl ist es - die Partei-Aktivisten sollen sie jetzt mit Leben füllen. Beim Einzug ist ihnen das gelungen. Bis zu 30 Piraten haben einen Monat lang hier geschuftet. „Wann immer jemand Zeit hatte, haben wir uns hier getroffen“, erzählt Lessmann. Zum Streichen, Lampen aufhängen, Kabel verlegen - was eben so anfällt. Die Aktivisten haben Zeit und Arbeit ehrenamtlich investiert - eine Ehrensache bei der chronisch klammen Partei. Um die bisher noch sehr weißen Wände wollen sich jetzt bei den Piraten engagierte Designer kümmern. Möglich wurde das neue Piratennest unter anderem durch eine Spende von Paradiesvogel Rainer Langhans. Der war im vergangenen Jahr heimlicher Star des RTL-Dschungelcamps. „Im Sommer wollte sich Langhans mit unserem Landeschef Stefan Körner treffen“, erinnert sich Lessmann. Die beiden redeten über Gott und die Welt - und Langhans, der schon früher aus seiner Sympathie für die Piraten keinen Hehl gemacht hatte, war überzeugt: Die können mit einem Teil der Dschungelcamp-Gage was anfangen.

Piraten: Was steckt hinter der neuen Partei?

Piraten: Was steckt hinter der neuen Partei?

Mit 8,9 Prozent der Stimmen legte die erst vor fünf Jahren gegründete Piratenpartei einen Sensationserfolg hin. Doch wofür stehen die Piraten eigentlich? Wer wählte sie und wer gehört der Partei an? © dpa
Bisher wurden die Piraten vor allem mit Internetthemen wahrgenommen. Die Freiheit des Netzes und das Thema Transparenz sollen auch weiterhin Schwerpunkte der Piratenpolitik sein. © ap
Mehr Mitspracherechte der Bürger stehen ebenfalls auf der Agenda. "Das drängendste Thema für uns ist die Beteiligung. Wie schafft man es, diesen Wunsch der Berliner, sich aktiv in die Politik einzubringen, auch stärker ins Abgeordnetenhaus mitzunehmen?“, sagte der Spitzenkandidat Andreas Baum. © ap
Außerdem setzen sich die Piraten auch für ein kostenloses Fahren mit BVG und S-Bahn sowie einen öffentlichen Raum ohne Kameraüberwachung ein - Ansätze, die man auch als populistisch bezeichnen könnte, bei Protestwählern aber einschlugen, wie die Hochrechnungen zeigten. © ap
Das Publikum bei den Wahlpartys spiegelt das Image der Piratenpartei wider: jung, wild und frech. Viele Gäste tragen ein schwarzes Shirt mit der Piratenflagge, Anzüge sieht man kaum. Und wenn doch, so sind deren Träger auch schon Mal mit einem orangenem Irokesen frisiert. © dpa
Erst vor fünf Jahren gegründet hat die Piratenpartei vor allem von einer latenten Anti-Parteien-Stimmung in Berlin profitiert und der etablierten Konkurrenz Wählerstimmen abgejagt. © ap
Der Erfolg der Piratenpartei geht aus Sicht von Berlins Regierendem Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD), dem Sieger der Wahl vom Sonntag, auf Protestwähler zurück. “Sie haben sich von den Etablierten abgewendet, ob dauerhaft oder nur temporär, weil für einige die Wahl schon gelaufen war“, sagte Wowereit bei 105'5 Spreeradio. Es sei eine neue Partei entstanden, “die sich hier im linken Lager als vierte Kraft etabliert“. © dpa
Die Piratenpartei kann nach den Hochrechnungen alle 15 Kandidaten ins Landesparlament entsenden. Eine zu dünne Personaldecke fürchtet Baum gleichwohl nicht. © ap
"Wir arbeiten natürlich als Team. Wir haben nicht nur die 15 Kandidaten auf der Liste, sondern wir haben 12 000 Mitglieder bundesweit und allein in Berlin mehr als 1000“, sagte der Spitzenkandidat. “Unsere Mitglieder werden uns ganz aktiv unterstützen, wie sie das auch bei der Entwicklung des Wahlprogramms getan haben. Darauf setzen wir, und das wird auch eine unserer Stärken sein.“ © dpa
Dass die Piratenpartei großen Zulauf von Grünen-Wählern bekam, sieht Baum als Beleg für das besondere Interesse der Bürger an Mitsprache. “Das ist ein klarer Hinweis an die Grünen, dass es nicht reicht, nur im Wahlkampf eine Beteiligungs-App und Ähnliches zu starten“, sagte er. “Wir sind da breiter aufgestellt. Uns geht es nicht nur im Wahlkampf um Beteiligung, sondern um ein grundlegendes Angebot.“ © dpa
Größter Hafen für die Piraten in Berlin ist nach Angaben der Landeswahlleiterin Friedrichshain-Kreuzberg, wo jeder siebte (14,3 Prozent) für die junge Partei stimmte. Auch in Pankow (10,1 Prozent) und Mitte (9,8 Prozent) ist sie stark. Selbst in Steglitz-Zehlendorf haben die Piraten mit 6 Prozent reichlich Wasser unterm Kiel. In den Bezirken gilt die Drei-Prozent-Hürde. © ap
Schon äußerlich unterscheidet sich Baum deutlich von etablierten Politikern. In einem Anzug kann man sich ihn nur schwer vorstellen, und gleich in einem seiner ersten Fernsehinterviews nach der Wahl machte er deutlich, dass er auch im Parlament nicht daran denke, seine Garderobe zu ändern. Er verkörpert so hervorragend das Image der Piraten. © dapd
Baum wurde 1978 in Kassel geboren und schloss eine Ausbildung zum Industrieelektroniker ab. In Berlin lebt er seit 2003. Dort arbeitet Baum im technischen Service eines Telekommunikationsunternehmens. Bald erwartet ihn zusätzlich die parlamentarische Lernarbeit. © dapd
Über die Diätenbezüge habe er sich schon einmal “grob“ kundig gemacht, nachdem Zeitungen und Blogger über ihn hämisch herfielen, weil er in einer TV-Wahlkampfdebatte die Höhe der Berliner Schulden mit “vielen, vielen Millionen Euro“ angab. Inzwischen weiß er, dass es 63 Milliarden sind. Trotzdem freut Baum sich weiter über “Beratung und Unterstützung“, was parlamentarische Dinge anbelangt. © dpa
“Angst“ allerdings hatte er vor dem Einzug in das Hohe Haus nicht, wie er sagt. In seiner Partei ist Baum für die Themen Stadtentwicklung und Verkehr zuständig. Zumindest in der Parteiarbeit ist Baum kein Neuling mehr. Von 2008 bis 2011 führte er den Landesverband der Piraten, der in dieser Zeit wegen der aufkeimenden Debatte über eine vermeintliche Zensur des Internets stark an Mitgliedern gewann. © dpa

„Die Idee einer Geschäftsstelle hatten wir schon lange, aber mit den 20 000 Euro von Rainer Langhans hatten wir ein Polster“, so Lessmann. Mit den neuen Räumlichkeiten wollen die Piraten einem ihrer Hauptanliegen gerecht werden: der Transparenz. „Alles, was wir machen, soll öffentlich sein. Von der Vorstandssitzung bis zu den Treffen kleiner Arbeitsgruppen“, sagt Lessmann. Bisher mussten oft Privatwohnungen der Mitglieder herhalten - nicht so transparent, wie es sich die Piraten wünschen. Ein anderes Defizit wollen die Piraten schnellstmöglich beheben: Die Toiletten sind nach Männern und Frauen getrennt - rückständig für eine Partei, die das Geschlecht ihrer Mitglieder nicht erfasst.

„Jeder kann Pirat sein: Ob Mann, Frau, Homo oder Hetero - sogar transsexuelle Eichhörnchen“, sagt Lessmann übers Piraten-Lebensgefühl. Und so werden die Schilder an den zwei Klos in naher Zukunft durch die Abbildungen transsexueller Eichhörnchen ersetzt werden. Ihren eigenen Witz und Charme wollen sich die Piraten auch in den neuen Räumen erhalten. In der Nachbarschaft haben sie sich schon auf die Piraten eingestellt. „Seit einem Monat gibt es im Getränkeladen gegenüber Club Mate“, erzählt Lessmann. Das koffeinhaltige Getränk genießt bei Hackern und Piraten Kultstatus. Von Milbertshofen aus wollen die Piraten nicht nur den Bürgermeister-Wahlkampf in Landsberg unterstützen, sie haben größere Ziele. Im kommenden Jahr wollen sie das Maximilianeum entern. Und vielleicht gibt’s dann auch bald in der Landtagskantine Club Mate.

Marc Kniepkamp

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