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Winnetou-Debatte: Aktivistin hält nichts von einem Verbot – Bibliothekarin sieht „tote“ Karl-May-Bücher

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Von: Laura May

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"Winnetou"-Debatte
Indianer-Darsteller: Pierre Brice in seiner Paraderolle als Winnetou bedient ein romantisiertes Klischee von Karl Mays wildem Westen. © Horst Ossinger

Die Debatte um Winnetou-Filme und Karl-May-Bücher vergisst die eigentlichen Probleme der Indigenen, sagt eine Aktivistin. Sie wendet sich gegen Verbote.

Landkreis – Bunter Federschmuck, weite Prärie, Tipis und Büffelherden – wer in Deutschland an Indianer denkt, hat klare Bilder nordamerikanischer Ureinwohner vor Augen. Viele davon entstammen Karl Mays blühender Fantasie und sind zum einen veraltet, zum anderen nicht korrekt. Ob Bücher und Filme über die romantisierte Vorstellung des Häuptlings Winnetou gestrichen werden sollten, darüber tobt aktuell eine hitzige Debatte in der ganzen Bundesrepublik. Dabei hält selbst Monika Seiller von der Aktionsgruppe Indianer und Menschenrechte nichts von einem Verbot.

Bei Kindern und Jugendlichen sind Karl Mays Romane nicht mehr gefragt

Interessieren sich Kinder heute überhaupt noch für den wilden Westen? „Mich hat noch nie jemand nach Winnetou gefragt“, sagt Brigitte Gebert, Leiterin der Bibliothek in Taufkirchen. Sie habe zwar noch einige Exemplare vorrätig, der Häuptling interessiere die meisten Kinder allerdings gar nicht. Diese Einschätzung bestätigt auch Gertraud Wolejnik, Inhaberin der Unterschleißheimer Buchhandlung Art&Weise. „Jetzt gibt es andere Helden wie Harry Potter für die Kinder – Indianer interessieren sie nicht.“

Buchhändlerin Gertraud Wolejnik aus Unterschleißheim
Buchhändlerin Gertraud Wolejnik. © Gerald Förtsch

Über 500 indianische Kulturen

Warum die verklärte Darstellung der jahrhundertelangen Unterdrückung trotzdem ein Problem sein kann? „Es gibt über 500 indianische Kulturen“, erklärt Monika Seiller. „Natürlich sind die alle verschieden.“ Karl May mische in seinen Geschichten Mode, Lebensräume, Ernährung und Kultur der Stämme wild durcheinander. Oft fehle dabei der Respekt vor den Unterschieden, findet die Aktivistin. „Die Leute wollen sich ihre Indianervorstellung einfach nicht nehmen lassen“, sagt Seiller. Erst vor kurzem meldete sich auch Söder in der Debatte zu Wort.

Wer mit indigenen Wurzeln in Deutschland aufwächst und nicht so aussieht wie Winnetou, dessen Identität werde immer wieder infrage gestellt – das verletze Betroffene. Sowohl in Karl Mays Erzählungen, als auch der aktuellen Kinderversion in Buch und Film würden die indigenen Stämme Nordamerikas auf ihre Rolle im 19. Jahrhundert reduziert.

Bücher und Filme auf keinen Fall wegen vermeintlicher politischer Korrektheit vom Markt nehmen

Bücher und Filme würde Seiller trotzdem auf keinen Fall wegen vermeintlicher politischer Korrektheit vom Markt nehmen. Indigene in Nordamerika hätten andere Probleme als eine Kindergeschichte aus Deutschland. Karl May kenne in den USA und Kanada ohnehin kaum jemand.

Die meisten Stämme kämpfen in der Gegenwart um grundlegende Rechte ihres Landes

Die meisten Stämme kämpfen in der Gegenwart um grundlegende Rechte ihres Landes. Ihre Realität hat nichts mit der vor 200 Jahren gemein. „Das ist diskriminierend, denn niemand interessiert sich für den Uran-Abbau, die Pipelines und das verdreckte Trinkwasser auf indigenem Lebensraum.“ Indigene haben eigene Gesetze, Rechte und Interessen. Die realen Probleme der Indianer spielen in der Debatte aktuell aber gar keine Rolle. Und: „Betroffene werden nicht in die Diskussion mit einbezogen.“

Abseits von Karl May und romantisierten Abenteuergeschichten haben sich Indigene weiterentwickelt und ihre eigene moderne Lebensrealität, die sich in Büchern und Filmen indigener Kreativer ausdrückt (s. Kasten). Wer echtes Interesse an Indianern hat, sollte sich der indigenen Realität von heute widmen. Der wilde Westen nach der Vorstellung Karl Mays ist und bleibt Fiktion – die eher ältere Generationen begeistert.

„Karl-May-Bücher sind tot“, sagt Bibliothekarin Gebert.

„Karl-May-Bücher sind tot“, sagt Bibliothekarin Gebert. Für Kinder gibt es andere Fantasiewelten, „Dinosaurier gehen immer – diese Faszination ist ungebrochen“, beobachtet Buchhändlerin Gertraud Wolejnik.

Indianische Gegenwartskultur

Indigene in Nordamerika werden in Deutschland oft auf wenige historische Klischees reduziert. Dabei gibt es viele verschiedene Stämme mit verschiedenen Kulturen und eine lebendige indianische Gegenwartskultur. Hier eine kleine Auswahl an Filmen und Büchern, welche mit Klischees brechen können und das reale gegenwärtige Leben nordamerikanischer Indigener zeigen:

Romane:

• Sherman Alexie (Coeur d’Alene, USA): Tagebuch eines Teilzeitindianers

• Louise Erdrich (Anishinaabe, USA): Das Haus des Windes

• Richard Wagamese (Ojibwe, Kanada): Der gefrorene Him mel

•Filme:

• Chris Eyre (Cheyyenne/Arapaho, USA): Smoke Signals

• Neil Diamond (Inuit/Cree, Kanada): Reel Injun

• Taylor Sheridan (USA): Wind River

• Alanis Obomsawin (Abenaki, Kanada): Trick or Treaty?

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