Mediziner erklärt das Phänomen

Kälteschock im Winter: Immer mehr Münchner schwören auf verrückten Trend - für manche ist er sogar gefährlich

Eine Frau mit Mütze steht im Winter in einem See und lächelt in die Kamera.
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Bloß keine Miene verziehen: Benni Baier lässt ich die Eiseskälte des Wassers nicht anmerken.

Wenn es draußen kalt ist, halten sich die meisten Menschen gern drinnen auf. Doch es gibt immer mehr, die es gar nicht frostig genug haben können. Für sie ist Eisbaden der neue Trend.

München - „Das Atmen nicht vergessen, das Atmen nicht vergessen!“ Wie ein Mantra sagt sich Benni Baier (30) diesen Satz vor, wenn sie ins Wasser steigt. Denn im drei Grad kalten Nass des Eisbachs* bleibt einem leicht die Luft weg. Die Haidhauser Juristin hat vor zwei Monaten mit dem Eisbaden angefangen - und mit ihr viele andere Münchner. Denn der Wintersport wird voll zum Trend.

„Wir wollten unsere negative Stimmung im Lockdown beenden und eine positive Denkweise bekommen“, erzählt ihre Freundin Valerie Haydn (29), die Benni stets begleitet. Und das ganze sollte mit einem besseren Körpergefühl starten. „Wir haben oft Eisbader gesehen und dachten, die Herausforderung nehmen wir an“, ergänzt Benni Baier. „Mittlerweile bin ich froh, es entdeckt zu haben.“

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Eisbaden als neuer Wintertrend: Wagemutige tauschen sich bei Facebook und Instagram aus

Immer mehr Münchner* tauschen sich in Facebook-Gruppen zu diesem Thema aus oder veröffentlichen ihre Fotos auf Instagram*. Die Münchner Gruppe Munich Hot Springs, die vor einem Jahr knapp 300 Mitstreiter hatte, zählt nun beispielsweise bereits 427 Mitglieder. Eisbaden ist der Kälte-Kick in Pandemie-Zeiten!

„Das Gefühl danach ist unbeschreiblich- der Stress ist weg“, so erklärt Margo Steff (48) aus dem Westend die Sucht nach dem eiskalten Schock. „Ich bin nach dem Eisbad superglücklich“, sagt Neuling Benni Baier. Für dieses Hochgefühl gibt es eine medizinische Erklärung. „Das Eisbaden ist eine extreme Stress-Situation für den Körper“, erklärt der Münchner Sportmediziner Martin Halle. „Wenn sich die Gefäße wegen der Kälte verengen, dann schüttet der Körper Stresshormone wie Adrenalin und Noradrenalin aus. Manche empfinden das als bedrohlich, andere als positiv - ähnlich wie beim Bungee Jumping.“

Eisbaden als neuer Wintertrend: Kalte Duschen können eine Vorbereitung sein

Der Präventivmediziner der TU München warnt allerdings: „Für Personen mit Herz-Kreislaufproblemen, Bluthochdruck oder Diabetes kann das Eisbaden gefährlich sein, es kann zu Herz-Rhythmusstörung führen.“ Aber auch bei fitten Menschen schadet es nicht, wenn sie sich langsam an das Eisbaden herantasten und dafür trainieren, etwa mit kalten Duschen. „Der Körper kann sich, ähnlich wie beim Saunagang, daran gewöhnen“, erklärt Prof. Halle.

Münchens Eisbader haben verschiedene Rituale. Benni Baier schwört auf eine Atemtechnik nach der sogenannten Wim-Hof-Methode (benannt nach einem niederländischen Extremsportler). „Ich atme am Ufer 30 bis 40 Mal tief ein und aus und halte dann die Luft an.“ Die 48-jährige Margo Steff dagegen wärmt sich vorher immer zehn Minuten leicht auf. Hilfreich für alle sind wohl Benni Baiers Tipps für danach: „Nehmt lieber zwei Handtücher mit, eines zum Abtrocknen, das andere zum Wärmen. Außerdem habe ich immer eine Thermoskanne mit heißem Tee dabei.“

Ab ins kalte Nass: Margo Steff springt in den Kirchsee.

Über die langfristigen Effekte gibt es verschiedenste Theorien. Zum einen soll das Eisbaden das Immunsystem stärken. Einige sprechen davon, dass das eiskalte Wasser gegen Cellulite hilft. Benni Baier sagt: „Auf jeden Fall macht es Spaß!“ (nba) *tz.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks

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