tz-Interview mit der neuen Sozialministerin Christine Haderthauer

„Wir brauchen bald eine Familienzeit!“

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Christine Haderthauer in ihrem noch kahlen Büro im Sozialministerium an der Winzerersraße: "Ich werde natürlich noch ein paar schöne Bilder aufhängen"

Christine Haderthauers neues Büro ist noch nackt und kahl. Keine Bilder an der Wand, keine Familienfotos, keine Blumen zieren den Raum.

Nur direkt neben dem großen Panoramafenster – mit Blick Richtung Olympiaturm – steht ein riesiger Schreibtisch. „Der ist noch von Christa Stewens“, sagt Bayerns neue Sozialministerin, während sie auf das helle Holz klopft. „Den behalte ich. Er ist ja noch gut in Schuss.“ Christine Haderthauer setzt sich und lächelt. Sie lächelt viel und gern. Noch immer – trotz der harten letzten Wochen: Erst die Wahl-Pleite Ende September, dann der Rücktritt als CSU-Generalsekretärin und nun der Wirbel um ihr neues Amt. „Ich bin halt ein positiver Mensch“, sagt die Ingolstädterin. Wie die 46-Jährige da so an ihrem großen Schreibtisch sitzt – sie wirkt dennoch einsam ...

Gut eine Woche ist es nun her, dass Ministerpräsident Horst Seehofer verkündete: „Christine Haderthauer wird Ministerin für Arbeit und Sozialordnung, Familie und Frauen“, – wie das Amt offiziell genannt wird. Stewens raus – Haderthauer rein. Eine Überraschung. Kritische Fragen ließen nicht lange auf sich warten: Warum gerade die gescheiterte Generalsekretärin? Kann sie dieses wichtige Zukunfts-Ressort überhaupt ausfüllen? tz-Redakteur Armin Geier besuchte Bayerns neue Sozialministerin und sprach mit ihr über den Druck, über ihre Kompetenz und über ihre Ziele:

Frau Haderthauer, die letzten Wochen müssen anstrengend gewesen sein.

Haderthauer: Das stimmt. Teils kam ich nur noch mitten in der Nacht für wenige Stunden nach Hause. Ich pendle ja jeden Tag nach Ingolstadt, wo ich wohne. Das ist mir wichtig. Ich will meinen Mann wenigstens noch kurz am Abend sehen. Und wenn es nur eine halbe Stunde ist.

Jetzt sind Sie Sozialministerin. Für viele kam das völlig überraschend. Was qualifiziert Sie für diesen Job?

Natürlich ist das eine riesige Verantwortung. Aber ich bitte jetzt erstmal darum abzuwarten – und mir eine Chance zu geben. Ich habe einige Anknüpfungspunkte. Ich habe mich nach dem Examen bewusst als Anwältin niedergelassen, weil ich direkt mit Menschen zusammenarbeiten wollte. Und ich habe mich darauf spezialisiert, die Interessen von Arbeitnehmern zu vertreten. In einem Großunternehmen vor anonymen Akten zu sitzen, da wäre ich nicht glücklich geworden. Mein Mann und ich verbinden seit über 20 Jahren erfolgreich Familie und Beruf, wir haben als Studenten unsere Kinder bekommen, so dass sie jetzt erwachsen sind. Die Familie ist das Zentrum in unserem privaten Leben. Außerdem bin ich als Stadträtin aktiv in Ingolstadt und dort seit Jahren ehrenamtlich engagiert – unter anderem im Bereich der körper- und mehrfachbehinderten Menschen und der Frauenförderung.

Sie treten in große Fußstapfen. Ihre Vorgängerin Christa Stewens war sehr beliebt ...

Keine Frage – Christa Stewens hat immense Maßstäbe für dieses Amt gesetzt. Durch ihre fachliche Kompetenz wie auch durch ihre menschliche Art. Das sehe ich als Vorbild. Sie war glaubwürdig und hat auch schwierigste Themen zu einer Lösung gebracht, immer im Dialog mit den Beteiligten. Das in ähnlicher Weise zu schaffen, sehe ich als große Herausforderung. Mein Ziel ist es auch, dass die Bayerische Sozialministerin auch zukünftig bundesweit so anerkannt ist, wie Christa Stewens das war.

Was wollen Sie ändern? Was sind Ihre Ziele, wenn’s um ihr Amt geht?

Arbeitgeber gegen Arbeitnehmer, Alte gegen Junge – diese Frontstellungen, die oft noch aufgebaut werden, bringen uns doch nicht weiter. Davon müssen wir wegkommen. Das ist eines meiner großen Ziele. Da muss ein Umdenken einsetzten. Wir brauchen mehr Miteinander und Füreinander. Besonders auch in Anbetracht der Altersentwicklung wird das immer wichtiger. In diesem Sinne auf die gesellschaftlichen Einstellungen einzuwirken, ist beispielsweise eine Aufgabe, die ich mir gesetzt habe. Das heißt konkret?

Das betrifft viele Bereiche, aber auch unser drängendstes Zukunftstema: die Pflege. Uns muss klar sein, dass in den nächsten Jahrzehnten die Zahl der Pflegebedürftigen steigt und wir nicht alle in Heimen versorgen können. Das will auch keiner. Weder die Pflegebedürftigen – noch die Pflegenden. Daher brauchen die Angehörigen unbedingt eine größere Unterstützung, wenn sie zu Hause ihre Liebsten versorgen.

Auch finanziell? Die minimale Erhöhung um teils 33 Cent pro Tag durch die Reform beim Pflegegeld war ja eher ein Witz.

Dazu gehört das Finanzielle, da wir jeden fördern sollten, der diese Leistungen in der Familie übernimmt. Aber es gehören auch unterstützende Strukturen dazu. Ich denke hier an eine Art Familienzeit, die vom Staat unterstützt wird.

So wie die Elternzeit für Mütter und Väter, bei der der Staat monatlich bis zu 1800 Euro zahlt?

Ja, so könnte man sich das vorstellen. Durch dieses neue Projekt von Ursula von der Leyen wurde auch sehr schnell ein gesellschaftliches Umdenken erreicht. Viele Väter nehmen nun eine berufliche Auszeit, weil sie sich für eine Weile um die Kinder kümmern wollen. So etwas sollte es auch geben, wenn eine Frau oder ein Mann beispielsweise die Mutter pflegen will. Auch das muss gesellschaftlich eine Normalität werden. Genauso wie bei der Kindererziehung gehört die Pflege zur Familienarbeit und genauso wie bei der Kindererziehung braucht die Gesellschaft hier die Beteiligung von Männern und Frauen. Das wird in der Diskussion meist noch zu sehr auf den Rücken der Frauen plaziert.

Schon in knapp 30 Jahren ist jeder Dritte über 60. Eine gesellschaftliche Herausforderung ...

Zweifelsohne! Besonders, da wir eine neue vierte Generation an Menschen bekommen. Früher hatten wir lapidar gesagt: die Jungen, die Erwerbstätigen und die Alten. Nun haben wir glücklicherweise eine neue Generation dazwischen – die topfitten Älteren. Menschen zwischen 60 und 75 , die noch voll im Leben stehen. Auf ihre Kompetenz und ihr Wissen können wir nicht verzichten. Sie sind ein Stück Reichtum unserer Gesellschaft.

Wie lange werden Sie Sozialministerin bleiben?

(Lacht) Ich würde das gerne sehr lange machen. An mir soll’s jedenfalls nicht liegen.

Armin Geier

Quelle: tz

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