Am Samstag findet die Lange Nacht der Demokratie statt

„Wir brauchen wieder eine Streitkultur“ - Luise Kinseher im Interview

Luise Kinseher ist bekannt als Mama Bavaria
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Luise Kinseher ist bekannt als Mama Bavaria

Am Sonntag haben die Münchner frei und geheim gewählt. Aber wie steht es ansonsten um unsere Demokratie? Antworten gibt am kommenden Samstag die 2. Lange Nacht der Demokratie im Werksviertel.

Bei der Langen Nacht der Demokratie am 2. Oktober wird es viele Mitmach-Aktionen sowie Gespräche geben. Mit dabei: Kabarettistin Luise Kinseher, die eine Liebeserklärung an die Demokratie macht. Wir haben vorab mit Mama Bavaria gesprochen.

Frau Kinseher, warum eine Liebeserklärung an die Demokratie?

Man vergisst Liebeserklärungen ja immer bei denen, die man für selbstverständlich hält. Genau deshalb sollte man sie in der langen Nacht feiern.

Was gibt‘s zu feiern?

Unser Grundgesetz, unsere Freiheit und dass wir in einem zivilisierten Land leben, in der Minderheiten geschützt werden. Aber unsere Demokratie muss gepflegt werden.

Wo hakt es derzeit?

Die Debatten sind so mühsam geworden. Egal ob beim Klimawandel oder der Pandemie. Es muss immer die Schuldfrage geklärt werden, dabei bringt uns das nicht weiter. Und keiner traut sich mehr, öffentlich etwas zu sagen. Deshalb sind die Politiker so profillos geworden.

Aber im Internet ist genau das Gegenteil der Fall.

Die Digitalisierung kann demokratische Prozesse auch gefährden. Die Debattenkultur dort ist respektlos geworden. Früher hat einer im Wirtshaus was dummes gesagt, alle haben gelacht - und das war‘s. Die dumme Idee gab‘s ja immer schon. Aber zurzeit hat sie viele Feiertage, weil sie sich schnell verbreitet. Aber nicht falsch verstehen: Die anderen haben auch Gründe für ihre Meinung, etwa beim Thema Impfen. Damit müssen wir in einer Demokratie leben. Mit Zwang erreichen wir nichts. Oder indem wir sagen: „Du bist blöd.“

Ihre Lösung?

Wir brauchen wieder eine kultivierte Streitkultur. Wir müssen uns wieder respektvoll aufeinander zubewegen, andere Meinungen respektieren und trotz Leidenschaftlichkeit Distanz bewahren. Es bringt nichts, wenn sich Veganer und Fleischesser die Köpfe einschlagen.

Haben Sie Hoffnung?

Die Bundestagswahl hat zumindest unterstrichen, dass die Bürger sich bewusst sind, dass es jetzt eine gemeinsame Kraftanstrengung braucht. Deshalb war die Wahl ein gutes Signal für die Demokratie.

Bei welchem Themen beteiligen Sie sich?

Ich unterstütze gerne das Thema Mietenstopp. Ich bin leidenschaftliche Atomkraftgegnerin und Tierschützerin. Und das allerwichtigste: Ich beteilige mich am Kampf gegen Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit.

Was halten Sie von direkter Demokratie?

Auf kommunaler Ebene bin ich ein großer Freund davon, zum Beispiel in München bei der Hochhausdebatte, aktuell bei der Diskussion um die Paketposthalle.

Oft werden Volksentscheide in Deutschland aber nicht ernst genommen …

Aber über kurz oder lang üben Volksentscheide Druck aus. Parteien wollen ja wieder gewählt werden. Der Volksentscheid zum Thema Bienen hat zu einem fundamentalen Umdenken in der CSU geführt. So kann man Trends setzen. Volksentscheide sind Teil des demokratischen Prozesses, nicht das Ende der Fahnenstange.

Funktioniert die Demokratie in München?

Es gibt immer mehr Möglichkeiten, sich zu beteiligen – auch durch das Internet. Bei mir in der Schwanthalerhöhe gibt es beispielsweise eine gute Initiative für autofreie Zonen. Man muss es nur machen. Wlan wäre halt wichtig, dass man‘s hat. Sonst ist gleich Schluss mit der Demokratie heutzutage …

Interview: Nina Bautz

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