tz-Serie: Geschichten aus der Altstadt

"Wir verkaufen mehr Helles als Super Plus"

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Die einzige Tankstelle der Altstadt in der Josephspitalstraße: Nachts wird sie zum Party-Treffpunkt

Hier tanken die Nachtschwärmer auf: Die Agip-Tankstelle in der Josephspitalstraße ist die einzige Tankstelle der Altstadt.

Melanie L. (23) hat gar kein Auto, ihr Freund Philipp P. (27) auch nicht. Trotzdem sind sie heute Abend schon zum zweiten Mal an der Agip-Tankstelle in der Josephspitalstraße, Kippen und einen Piccolo kaufen. Das Bier, das sie vor einer Stunde hier gekauft haben, ist alle. Münchens einzig verbliebene Altstadt-Tankstelle – längst ist sie zur Schankstelle geworden.

210 Liter Augustiner-Bier hat Jürgen Stock, der die Tankstelle seit vier Jahren gepachtet hat, heute verkauft. Vom Super Plus-Benzin waren es nur 130 Liter. „Ohne den Alkoholverkauf könnten wir uns hier nicht halten.“ Alle anderen Tankstellen, die es mal in der Altstadt gab – etwa die am Oberanger oder die hinter den Kammerspielen – haben wegen der hohen Benzin- und Mietpreise schon vor Jahren aufgegeben.

Vielleicht zu früh: Seit das Partyvolk und die Clubbetreiber die Altstadt für sich entdeckt haben, ist der Alkoholverkauf an Tankstellen ein lukratives Geschäft. 300 Prozent Umsatzsteigerung hat Stock in vier Jahren gemacht – im Laden, nicht beim Benzin. Seine Jungs sind für Hilfe bei Autopannen geschult, er hat eine Backstube und ein drei Meter breites, leistungsstarkes Kühlregal.

Die drei von der Tankstelle: Pächter Jürgen Stock mit Saldiray Akmese (li.) und Davut Midik

Je näher es auf Ladenschluss um Mitternacht zugeht, desto lauter klirren die Flaschen vor der Kasse. Um 22 Uhr schleppt Aushilfe Saldiray Akmese acht Bierkästen zum Stapel am Eingang. Schüler Maximilian W. (17) schnappt sich einen. „Hey, wart mal“, rufen seine Begleiterinnen Giulia O. und Nicole V. (18). „Wir brauchen noch Whiskey-Cola zum Vorglühen. Bis wir bei der Schlange mal in der Milchbar drin sind, können wir doch nicht auf dem Trockenen sitzen.“

Vorglühen ist der neue Volkssport bei Nachtschwärmern: Vor der Disco mit billigem Alkohol auftanken, damit man in der Disco nicht mehr so viel zahlt. Das Bier kostet auch an den relativ teuren Tankstellen nur etwa die Hälfte wie in Diskotheken.

Hinten im Büro hat Pächter Jürgen Stock die Gruppe gut im Blick: Auf seinem PC flimmern zwölf kleine Bilder, die das Geschehen aus jedem Winkel vor und in der Tankstelle live übertragen. Die Technik hat 15 000 Euro gekostet. „Leider nötig“, sagt er. „Mit normalen alkoholisierten Leuten haben wir keine Probleme. Aber der Alkoholklau hat immens zugenommen.“ Mittlerweile versammeln sich im Laden 16 Leute auf 40 Quadratmetern, bis zu 35 Personen sind keine Seltenheit. „Da kannst du nicht mehr alles im Blick haben.“ Der Chef erhebt sich aus seinem Sessel und geht vor zur Ladentheke. Jetzt muss er mit anpacken.

Vor der Glastür hält ein 3erBMW, schnatternd hüpfen vier Mädels heraus. Als sie vor dem Weinregal ankommen, breitet sich eine Wolke aus Parfüm und Haarspray aus. Gleich werden sie zum Crowns Club kutschiert, für die fünfhundert Meter Fahrt brauchen sie eine Flasche Sekt. „Sonst geht ja keine Party!“, erklären sie dem Kassierer. Schon brausen sie wieder mit dem Auto davon.

Kassierer Akmese schaut schmunzelnd hinterher. Er liebt diesen Job. „Das ist doch spannend. Viele junge Leute, immer was los …“ Diese Meinung haben nicht viele: Sein Chef hat vor kurzem jemanden für die Spätschicht gesucht, nach 20 Anzeigen hat er aufgegeben, jetzt hilft seine Frau aus. Seit Drogenabhängige das Hackenviertel als neues Revier auserkoren haben, ist die Arbeit hier nicht ungefährlich. „Wir hatten schon Spritzen auf der Toilette. Vor kurzem wurde meine Frau von einem Junkie im Laden angegriffen.“ Jetzt überlegt Stock, einen Sicherheitsdienst einzustellen.

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Kurz vor Mitternacht parkt doch noch ein Wagen an einer der vier Zapfsäulen. Der Fahrer, Audrey K. (29), ist den halben Altstadtring runtergerast ist. „Gerade noch geschafft. Das nervt echt, dass es in der Innenstadt fast keine Tankstellen mehr gibt.“

Umso wichtiger, dass Münchens einzige Altstadt-Tankstelle bleibt. Das aber liegt in der Hand der Stadt, der der Grund gehört. Immer wieder kursieren Gerüchte, dass dort ein Hotel oder Geschäftshaus hin soll. Obwohl sich der Pächter oft rumärgern muss, wäre das für ihn undenkbar: „Diese Tankstelle ist Kult. Die muss bleiben!“ Vorerst darf sie das auch, sagt Thomas Haser von der Lokalbaukommission: „Der Bebauungsplan für diese Fläche sieht eine Tankstelle vor. Der Plan müsste extra geändert werden – und das geht nicht von heute auf morgen.

Den Tankkunden Audrey K. wird es freuen. Und das Partyvolk umso mehr.

Nina Bautz

In den Kellern tobt das Nachtleben

Oft kommt es nicht mehr vor, dass Stefan Schneider sich die Nächte in einem der Münchner Clubs um die Ohren schlägt. Dann und wann zieht der Löwen-Stadionsprecher mit der Rod Stewart Frisur aber dann doch noch los, „um sich die Luft der Nacht“, wie er selbst sagt, um die Nase wehen zu lassen.

Sein Revier seit jeher ist die Innenstadt, das Gebiet innerhalb des Altstadtrings. Wenn er dann am Anwesen Herzogspitalstraße 6 vorbei kommt, umschleicht ihn sogar etwas Wehmut. Dort machte er 16 Jahre lang die Nacht zum Tage, zwar mit Unterbrechung, aber immerhin. Seine Heimat war das Sugar Shack, als Gast, als Türsteher, später als Geschäftsführer. Die Rock-Disco galt in dieser Zeit als eine der wenigen Alternativen zum P1, zu den Gästen zählten die Rolling Stones genauso wie Bruce Springsteen, Johnny Halliday oder Eric Burdon, und am Platten verdingte sich ein gewisser Thomas Gottschalk. „In den 80er Jahren gab es als Adresse eigentlich nichts anderes als die Innenstadt,“ erinnert sich Schneider, „die besten Läden lagen innerhalb der alten Stadtmauern.“

Wie das legendäre Why Not, in dem Fürst Johannes von Thurn und Taxis verkehrte, die Baghwan-Disco Far Out, das schwule Henderson, die Wunderbar, oder die Spät- respektiven Frühlokale Adam’s City und Mondi. Damals war die Sperrzeit noch nicht aufgehoben, nur eine Handvoll Läden durfte auch nach 1 Uhr morgens noch Ramba-Zamba veranstalten. „Das war die Chance von Wolfgang Nöth, der in den 90er Jahren der Totengräber für die innerstädtische Club-Kultur war,“ meint Schneider. Mit seinen dezentralen Hallen in Unterföhring (Theaterfabrik), Nachtwerk (Laim), Abflughallen Riem und später mit dem Kunstpark Ost, zog er die Nachtschwärmer aus dem Zentrum ab. Folge: Auch gut eingeführte Clubs mussten wegen Besuchermangel der Reihe nach dicht machen, darunter auch das Sugar Shack.

„Die Entwicklung tat der Stadtentwicklung nicht gut,“ beobachtete Schneider, „plötzlich war am Abend und der Nacht hier tote Hose.“ Was auch den Politikern missfiel, mit Aufhebung der Sperrzeit wollten sie die Stadtflucht aufhalten. Seitdem müssen Münchens Clubs und Diskotheken nurmehr zur Putzstunde dicht machen – und das Nachtleben kehrte ins Zentrum zurück.

Einer der Wirte, die bei der Renaissance des „Altstadt-Clubbings“ mit gewirkt haben, ist Franz Jüttner, Chef des 8 Seasons an der Oper. „Für Leute, die gepflegt weggehen wollen, ist die Innenstadtlage unschlagbar, die sind nicht bereit, an den Stadtrand zu fahren um zu feiern,“ so der Ex-Eishockey-Nationalspieler vom EC Hedos.

Noch bevor er 2004 das ehemalige Telekom-Gebäude in der Maximilianstraße 2 bezog, siedelten sich im Umkreis andere hippe Nachtlokale an: der Elektro-Club Prinzip, der ambitionierte Crown’s Club am Kosttor oder das super-szenige Atomic-Café. Der Erfolg dieser Lokale lockte immer mehr Wirte zurück ins Zentrum, am Karlsplatz baute Thomas Wandinger in ein Kino sein 2rooms, in der Blumenstraße wurde aus der Archiv-Ablage der Stadtwerke die angesagte „Registratur“, und in die Räume der Wunderbar zog die hippe Erste Liga.

Was den meisten Clubs im Zentrum allerdings gemein ist: Sie liegen im Keller. „Anders ist das auch kaum von den Mieten finanzierbar,“ erklärt Franz Jüttner. „für Keller-Clubs zahlst Du Tarife wie für einen Lagerraum, meist unter 20 Euro, ebenerdig kostet es vier Mal so viel.“ Außer man landet einen Glückstreffer wie Jüttner, der für seinen Dach-Terrassen-Club 8Seasons einen günstigen Pachtzins zahlt, „weil das nur eine Zwischennutzung ist.“

Ähnlich legte Rudi Kull mit dem ZKV-Club in den Räumen des Kartenvorverkaufs den finanziellen Grundstein zu seinem Gastro-Imperium, zu dem neben der Bar Centrale, dem Buffet Kull, der Pizzeria Riva und dem Hotel Cortiina auch das Restaurant Brenner gehört. Jüttner macht derzeit gar ein Überangebot an Clubs und Diskos in der Innenstadt aus. „Die Lage ist zwar ein Vorteil, aber wenn die Inhalte nicht stimmen, nützt das auch nicht.“ Und meint, dass in nächster Zeit sich die ein oder andere Location wieder mangels Nachfrage vom Pary-Netz verabschieden muss. Wie das MIA, das Wiesn-Stadl oder das City-Stadl, allesamt Nachfolger von Schneiders alter Liebe Sugar Shack.

Thomas Oßwald

Quelle: tz

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