Peter Gauweiler über APO, Demos, Strauß und Franz Mohr

„Wir waren die Contras!“

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Peter Gauweiler erinnert sich an die 68er.

Der Münchner CSU-Bundestagsabgeordnete Dr. Peter Gauweiler (58) studierte während der APO-Jahre an der Ludwig-Maximilians-Universität Jura.

Er war einer der Sprecher der Anti-Linken und Vorsitzender des Rings Christlich-Demokratischer Studenten (RCDS). Die tz hat ihn über die wilden 68er-Zeiten in München befragt.

Herr Gauweiler, wie viele Eier haben Sie als CSU-Student bei Vollversammlungen der Universität an den Kopf bekommen?

Peter Gauweiler:Gar keines. Einmal wurde ich mit einer Tomate beschmissen. Ich habe sie aufgefangen und aufgegessen. Das hat Eindruck gemacht. Ich kann mich aber erinnern, dass wir im Audimax der Uni ein Teach-in mit dem CSU-Bundestagsabgeordneten Konstantin von Bayern organisiert hatten, und der hat ein vom Balkon geworfenes Ei voll am Kopf abgekriegt. Doch mit aristokratischer Grandezza hat er sich die Stirn abgewischt und seelenruhig weitergesprochen. Das hatte Stil.

Wie muss man sich die Widersprüche unter den Studentengruppen damals vorstellen. Regierte der blanke Hass?

Gauweiler:Nein. Wir sind im Mutti-Bräu in Schwabing ab und zu ein Bier trinken gegangen oder im Hahnhof auf einen roten Einser. Das war der billigste Rotwein, und das Brot war umsonst. Mit Fritz Teufel verband mich eine lustige Gegen-Kameradschaft. Aber ich habe politisch immer einen klaren Trennungsstrich gezogen, da gab es keinen Kuschelkurs. Ich glaube, das hat auch den APO-Leuten ganz gut entsprochen.

Wie waren an der Münchner Uni die politischen Mehrheitsverhältnisse?

Gauweiler:Bei den Juristen hatten wir vom RCDS klar die Nase vorn. Wenn ich mich richtig erinnere, stellten wir für den Konvent fünf von sieben Mitgliedern. Aber insgesamt war der Mainstream klar links. Die drei großen Links-Organisationen waren der SDS, der SHB und der LSD. Letzterer nannte sich zwar Liberaler Studentenbund Deutschlands, war aber linksaußen. Der LSD stellte mit dem später im Austausch gegen den entführten Berliner CDU-Vorsitzenden Peter Lorenz frei gepressten Rolf Pohle auch den AStA-Vorsitzenden.

Und Sie waren der Sprecher der Minderheit?

Gauweiler:Logo. Es gab auf APO-Demos immer wieder den skandierten Spruch der Linken: „Wir sind eine kleine radikale Minderheit!“ Eigentlich waren wir das – die universitären Christlich-Demokraten in einem roten Meer. Wir waren die eigentlichen Contras! Auch haben wir immer ein bisschen Happening gemacht. Auf dem Höhepunkt der „Enteignet Springer!“-Kampagne haben wir uns demonstrativ in die Mensa gesetzt und die Bild-Zeitung gelesen. Meine Freunde vom SDS sagten: „Gauweiler, das geht entschieden zu weit!“ So was freut einen natürlich.

Haben Sie auch demonstriert?

Gauweiler:Natürlich. Auch wenn ich CSU-Mitglied war, stand die nicht gerade umwerfende Hochschulpolitik von CSU-Kultusminister Ludwig Huber auf dem Prüfstand. Die haben wir kritisiert. Mein fast täglich mitgebrachtes Utensil war ein Megaphon. Man musste ja auf alles gefasst sein. Besonders kritisiert wurden wir von den linken Gruppen für unsere Parteinahme für die Israelis. Wir sind auch auf die Straße gegangen, als die Warschauer-Pakt-Staaten am 21. August 1968 in Prag einmarschiert sind. Wir hatten damals ein Transparent dabei mit der Aufschrift: „Gegen den Imperialismus von Sowjetunion und USA!“ Denn den Vietnam-Krieg fanden wir auch nicht in Ordnung. Nach der Demo kam ein junger Journalist von der Süddeutschen Zeitung zu mir und hat mich zu dem Transparent beglückwünscht und gesagt, dass er darüber einen Artikel schreiben würde. Der Mann hieß Christian Ude.

Und hat er auch positiv über Sie geschrieben?

Gauweiler:Ein wenig. Die Zeitungen schrieben ziemlich viel über uns. Schließlich wurde ich zu einem Gespräch ins Allerheiligste der CSU, zu Franz Josef Strauß einbestellt. Es sollte zehn Minuten dauern, zwei Stunden sind’s geworden. Wenige Wochen später wurde ich in der CSU zum „Referenten für besondere Aufgaben“ berufen, der dem damaligen Generalsekretär Max Streibl direkt unterstellt war. Das hat dem damals eher überalterten Establishment der Jungen Union gar nicht gefallen, dass da so ein studentischer Jungspund daher kommt. Aber Sie müssen sich nur vorstellen: Im Landesvorstand der JU saßen knapp Vierzigjährige, deren Kinder bereits die Tanzstunde besuchten. Die lebten in einer anderen Welt.

Wie sehen Sie rückblickend die Münchner 68er-Zeiten?

Gauweiler:Es hat mir politisch viel gebracht, dass ich dabei war. Die damalige APO war eine Bewegung, mehr der Romantik verhaftet als der Realität. Eine Sturm-und-Drang-Generation, sehr moralisch, sehr deutsch. Ein bisserl wie Franz Moor bei den „Räubern“ von Schiller. Dass sie auch unter den Bildern von Massenmördern durch unsere Straßen zog, war nicht in Ordnung. Trotzdem: Der rebellische Geist dieser Zeit, der Widerspruch, die neuen Formen – das hatte etwas, wozu wir selbst nicht in der Lage waren.

Quelle: tz

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