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Wirbel auf dem Waldfriedhof: Stepan Banderas Grab wiederholt geschändet

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Von: Andreas Daschner

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Grabstätte Stepan Bandera
Im Jahr 2014 wurde das Grabkreuz umgeworfen. © Sven Hoppe

Ein Grab auf dem Waldfriedhof wird immer wieder zum Ziel von Angriffen: Es ist die Ruhestätte des ukrainischen Nationalisten Stepan Bandera.

Eigentlich wollte Valeriia Stepanska auf dem Waldfriedhof eine berühmte Ruhestätte besuchen. Doch als sie am Grab ankommt, traut sie ihren Augen kaum: Ein Bauzaun versperrt den freien Blick auf die Grabstätte. Vor dem Metallgitter liegen Blumen, flattern kleine Ukraine-Fähnchen im Wind. Valeriia steht vor dem Grab des ukrainischen Politikers Stepan Bandera. Der Grund für den Bauzaun: Das Grab muss wieder hergerichtet werden, denn es wurde geschändet. Schon wieder.

„Ich wollte mir das Grab unbedingt mal ansehen“, sagt Stepanska, die aus Kiew stammt. „Er hat viel für die Eigenständigkeit der Ukraine getan.“ Das ist die eine Sicht auf den umstrittenen ukrainischen Nationalisten. Die andere: Er gilt für viele als NS-Kollaborateur und Faschist (siehe Kasten). Wegen dieser zwielichtigen Rolle in der Geschichte wird das Grab immer wieder zum Ziel von Schändungen und Vandalismus.

Valeriia Stepanska steht am eingezäunten Grab von Stepan Bandera auf dem Waldfriedhof München
Valeriia Stepanska fand am Grab einen Bauzaun vor. © Markus Götzfried

Im Jahr 2014 wurde das Grabkreuz umgeworfen

So wie am 17. August 2014: Im Zuge des Konflikts zwischen der Ukraine und der Sowjetunion um die Annexion der Krim wurde das etwa 1,80 Meter große Marmorkreuz des Grabs vom Sockel gerissen, Blumenvasen umgeworfen und Graberde ausgebuddelt. Am zerstörten Grab brachten Bandera-Sympathisanten wenig später einen Zettel mit Zielscheibe an. Die Aufschrift: „Heute erreichte der Terror gegen Ukrainer auch München!“ Wieder gab’s einen größeren Anschlag am 9. März 2021: Der Ruheort war mit roter Flüssigkeit beschmiert, der umliegende Boden mit der gleichen Flüssigkeit getränkt worden.

Oder der jüngste Fall am vergangenen Sonntag: Mit blaulila Farbe wurden unter anderem ein Anarchie-Symbol sowie ein Hakenkreuz auf das Kreuz gesprüht. Auch die Aufschrift auf dem Sockel wurde verunstaltet.

In zehn Jahren wurde das Grab 14 Mal geschändet

Das sind nur drei von einer ganzen Reihe von Vorfällen. „In den vergangenen zehn Jahren hatten wir hier 14 Fälle von Grabschändungen“, erklärt ein Polizeisprecher auf Nachfrage unserer Zeitung. Die Taten reichen von Vandalismus über Schmierereien bis hin zu Sachbeschädigungen. Aber auch politische Symbole seien dort abgelegt worden. Immer wieder.

Gerüchte über Überwachungskamera in einem Grablichtautomaten

Und die Taten häufen sich. „Durch den Krieg ist das Grab wieder mehr in den Fokus gerückt“, sagt der Polizeisprecher. Haben die Beamten die Ruhestätte deshalb nun rund um die Uhr im Auge? Hier wollen sich die Polizisten nicht in die Karten schauen lassen.

Aber: „Durch die regelmäßigen Anzeigen haben wir das Grab mehr im Blick als andere.“ Und auch zu einem kursierenden Gerücht im Internet, wonach sich in einem nahen Grablichtautomaten eine Überwachungskamera befände, sagt der Polizeisprecher nichts.

Stepan Bandera: Der umstrittene Kämpfer

Er ist eine der umstrittensten Persönlichkeiten der ukrainischen Geschichte: Stepan Bandera (1909 – 1959) wird im Westen seines Landes als Nationalheld verehrt, weil er für eine unabhängige Ukraine gekämpft hat. Im Osten der Ukraine sowie im nahen Ausland und in Israel gilt er als Kriegsverbrecher. Denn um seine Ziele zu erreichen, ging Bandera offenbar über Leichen.

Der in Galizien geborene Bandera kämpfte im Zweiten Weltkrieg als Anführer ukrainischer Nationalisten gegen die sowjetische Herrschaft. Historiker werfen ihm die Zusammenarbeit mit den Nazis vor, er soll an einem Pogrom gegen Juden und Kommunisten in Lemberg beteiligt gewesen sein. Auf der anderen Seite saß Bandera mehrere Jahre im Konzentrationslager Sachsenhausen, nachdem er sich gegen die Nazis wendete und einen unabhängigen ukrainischen Staat ausgerufen hatte.

Weil er in der Sowjetunion in Abwesenheit zum Tode verurteilt wurde, flüchtete Bandera 1946 ins Exil nach München, wo er unter dem Namen Stefan Popel lebte. Doch der KGB spürte ihn auf: Ein Agent ermordete ihn am 15. Oktober 1959.

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