Serie: Meine Welt ohne Wiesn

Herzkasperl-Wirt Josef Bachmaier: Wiesn-Flimmern an der Isar

Isar-Biergarten statt Wiesn: Josef Bachmaier
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Isar-Biergarten statt Wiesn: Josef Bachmaier

Was machen die Menschen, die jetzt jeden Tag auf dem Oktoberfest wären, ohne die Wiesn? Wir haben nachgefragt: Heute bei Josef Bachmaier, dem Wirt vom Herzkasperl-Zelt.

Herr Bachmaier, wie sehr vermissen Sie die Wiesn?

Josef Bachmaier: Schon ziemlich, weil ich damit groß geworden bin und in meiner Jugend viel dort war.

In welchen Momenten?

Bachmaier: Ich merke interessanterweise, dass ich die Wiesn beim zweiten Mal mehr vermisse. Vielleicht deshalb, weil wir 2020 mit dem Landwirtschaftsfest eh ein Jahr Pause gehabt hätten. Aber jetzt fehlt schon was. Langsam wird einem bewusst, was da mit dran hängt. Auch wenn’s banal ist: Ich denke da an Bekannte, zwei junge Frauen, die haben ein Trachtengeschäft, oder die ganzen Musiker, die bei mir spielen. Ich hab um die 50 Gruppen. Man merkt, dass das nicht nur für mich belastend ist und Schmerzen verursacht, weil viele um ihre Existenz kämpfen.

Wie sehr ist die Wiesn derzeit bei Ihnen Thema?

Bachmaier: Voriges Jahr hab ich nichts gemacht. Jetzt haben wir einen Platz direkt am Isar-Hochufer, einen kleinen Biergarten. Du schaust auf die Isar runter. Das ist wirklich ein schöner Ersatz. Man kann das gar nicht positiv genug beschreiben. Die Leute sind ängstlich, die gehen lieber raus und sitzen im Biergarten. Die Isar war sowieso schon als Kind mein Spielplatz. Jetzt am Tisch zu sitzen und auf die Isar zu schauen, das ist grandios. Das gibt’s auf- und abwärts der Isar kaum. Wir haben eine kleine Bühne aufgebaut, da spielt am Wochenende Musik, im Fraunhofer können wir das ja zurzeit nicht machen.

Wird das angenommen?

Bachmaier: Ja, wir haben etwa 100 Plätze. Bei so einem Wetter (blickt nach draußen in die Sonne) ist es voll.

Haben Sie zur Oktoberfestzeit auch etwas geplant?

Bachmaier: Am Samstag hatten wir Anzapfen, um 12 Uhr, wie es sich gehört. Los ging’s mit den Wirtshaus-Musikanten, die auch auf der Wiesn gespielt hätten.

Wiesn-Wirt Josef Bachmaier in seinem Herzkasperl-Zelt

Danach ziehen Sie praktisch zwei Wochen eine kleine Ersatz-Wiesn an der Isar auf?

Bachmaier: Genau, man ist aber immer abhängig vom Wetter. Natürlich haben wir auch was anderes zu trinken als Bier. Aber das Wiesn-Bier gibt’s nur dann, nicht davor, nicht danach. Das wird aus dem Holzfass ausgeschenkt, wie auf der Wiesn. Ich freue mich schon drauf, gerade in Zusammenhang mit der Isar ist das was Außergewöhnliches. Die Isar ist für mich faszinierend.

Erklären Sie das bitte.

Bachmaier: Oh, das kann man gar nicht alles erzählen. Für uns Kinder war das ein Platz, wo man sich getroffen hat. Da war man Schlittschuh laufen – oder hat Waffen gesucht, Gewehre, Säbel, Bajonette, Revolver. Mit Brandbomben sind wir spazieren gegangen wie mit Kommunionskerzen. Heute, wenn irgendwo eine gefunden wird, kommt gleich die Feuerwehr. Ein besonderer Spaß war, die Patronen mit einem Stein zu zerhauen, mit dem Pulver aus dem Inneren eine Spur zu legen und die anzuzünden. Das war hochgefährlich. Im Nachhinein mache ich mir Gedanken. Ich hab sehr liebevolle Eltern gehabt. Wenn die das gewusst hätten!

Sie kamen ja aus einem wilden Viertel...

Bachmaier: Dazu eine Geschichte. Mit einem Freund war ich auf dem Teufelsrad. Da musstest du dich immer vorstellen und sagen, wo du her bist, also aus Sendling, Giesing, der Au. Ich hab gesagt: Morassistraße. Die war berühmt. Der Mann vom Teufelsrad hat nur gesagt: „Oh, oh“ – und hat’s den Leuten erklärt. Er meinte: „Die aus der Morassistraße sind so gefährlich wie die aus Sendling alle zusammen.“ Aber zu meiner Zeit war die Straße dann schon ruhiger.

Voriges Jahr haben Sie einen kleinen Corona-Garten angelegt – wie geht’s den Pflanzen?

Bachmaier: Die gedeihen wunderbar. Ich warte jetzt auf die Ernte. Einen Teil meines Gartens hab’ ich nach Niederbayern gebracht. Da hab ich eine kleine Mühle in der Nähe von Geiselhöring.

Ist Ihr Leben als Gastronom mittlerweile wieder normal?

Bachmaier: Eigentlich schon. Es war ohne Corona schon ruhig im Sommer. Gut, das Theater ist zu, im Kino geht nicht viel. Aber meine Leute sind beschäftigt – das ist toll und für mich ein wichtiges und gutes Gefühl. Dafür verzichte ich auf jeden Urlaub, den ich sowieso schon lange nicht mehr gemacht hab. Das Einzige, was ich vermisse, ist, dass ich durch Corona nicht mehr zum Wörthsee rauskomm. Da schwimm ich normal im Sommer abends eineinhalb, zwei Stunden am Stück. Das tut mir gut. Ich hab noch nicht einmal probiert rauszufahren in der Corona-Zeit, die Menschen stehen so dicht aneinandergedrängt in der S- und U-Bahn. Das Schwimmen vermisse ich sehr. Wenn sich alles ein bisschen normalisiert, hab ich mir vorgenommen, dass ich im Winter ins Dante zum Schwimmen geh.

Glauben Sie an ein Oktoberfest im kommenden Jahr?

Bachmaier: Mittlerweile bin ich so weit. Ich kann nur noch nicht sagen, ob der Wunsch auch Realität wird. Der Glaube ist da. In irgendeiner Form müsste es hinhauen.

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