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50 Quadratmeter für 1,2 Millionen – So werden die Münchner aus der Maxvorstadt vertrieben

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Von: Klaus Vick

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Stefan Sasse hat ein Vierteljahrhundert in der Türkenstraße 50 gewohnt.
Stefan Sasse hat ein Vierteljahrhundert in der Türkenstraße 50 gewohnt. © Markus Götzfried

Stefan Sasse hat ein Vierteljahrhundert in der Türkenstraße 50 gewohnt. Nun entstehen hier sündteure Eigentumswohnungen.

München – Stefan Sasse war standhaft. Lange Zeit. Bis auch er im Juni 2021 nach 25 Jahren aus dem Gebäude an der Türkenstraße 50 ausziehen musste. Als letzter Mieter im Haus mit 62 Wohnungen. Sasse hat Glück gehabt und wieder eine Bleibe gefunden. Nicht in der Maxvorstadt, aber in Haidhausen.

Türkenstraße in München: „traumhafte Eigentumswohnungen“ statt Mietwohnungen in der Maxvorstadt

Die Entmietung des Hauses an der Türkenstraße ist für ihn ein Paradebeispiel dafür, „wie alteingesessene Personengruppen verschwinden“. Wie begehrte Viertel sich verändern. Und plötzlich Luxuswohnungen entstehen. Als „Max Höfe“ wird das Neubauprojekt bereits im Internet angepriesen. Bezugstermin 2025. Von „traumhaften Eigentumswohnungen in der Maxvorstadt“ ist die Rede. Jedenfalls nichts für den kleinen Geldbeutel. Ja nicht einmal etwas für Besserverdiener. Es ist schier der blanke Wohnwahnsinn – mitten im Museumsviertel.

Beispiele gefällig? Auf Immobilienscout24 wird die Kaufpreise-Bandbreite der geplanten 59 Wohnungen auf 955.000 bis knapp acht Millionen Euro beziffert. Angeboten werden etwa eine Zwei-Zimmer-Wohnung mit 50 Quadratmeter für knapp 1,2 Millionen Euro, eine Drei-Zimmer-Wohnung (93 Quadratmeter) für 2,37 Millionen Euro oder eine Vier-Zimmer-Wohnung (124 Quadratmeter) für rund 3,5 Millionen Euro. Das sind in allen Fällen weit mehr als 20.000 Euro pro Quadratmeter. Wer sich das leisten kann? Antwort überflüssig.

Luxus-Neubau in der Maxvorstadt München: Hunderte Mieter werden auf der Türkenstraße vertrieben

Stefan Sasse und einige Aktivisten vom Jungen Forum München erzählen bei diesem Ortstermin der SPD, dass allein an der Türkenstraße auf einer Länge von 500 Metern in den vergangenen fünf Jahren 323 Mieter ihre kostengünstigen Wohnungen verloren haben. Und weitere Gebäude in unmittelbarer Umgebung seien von der Abrissbirne oder Luxussanierung bedroht. Das Haus nebenan ist auch bereits fast leer, nur noch drei Parteien leben dort. Das Gebäude steht allerdings unter Denkmalschutz und kann vorerst nicht abgerissen werden.

Kampf gegen Luxussanierung: Das sagt der OB

Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) ist an diesem Montag frisch aus dem Urlaub zurück. Und wird gleich wieder mit dem Thema Nummer eins in München konfrontiert: der Verlust von kostengünstigem Wohnraum. Es nerve ihn einfach, dass die Stadt gegen Spekulationsobjekte wie an der Türkenstraße so gut wie nichts unternehmen könne. Schuld ist nach seiner Ansicht und nach Ansicht des Vorsitzenden der SPD-Landtagsfraktion, Florian von Brunn, auch die Bayerische Staatsregierung.

Das Baulandmobilisierungsgesetz, das Luxussanierungen erschwert (siehe Haupttext), müsse endlich umgesetzt werden, fordern beide SPD-Politiker unisono. Auch die Vorschriften zur Zweckentfremdung von Wohnraum seien in Bayern noch immer „eine stumpfe Waffe“. An die Adresse von Bayerns Bauminister Christian Bernreiter (CSU) gemünzt, erklärt Reiter mit beißender Ironie: „Um nicht zu erkennen, dass München eine Stadt mit angespanntem Wohnraum ist, muss man schon hinter Tirschenreuth wohnen.“

Auch der Geschäftsführer des Mietervereins München, Volker Rastätter, ist zu dem Termin gekommen. Er berichtet, dass der Verein aktuell zwei neue Rechtsberater anstellen müsse, um den Ansturm verzweifelter Mieter bewältigen zu können. „Betroffen sind größtenteils keine armen Leute, sondern die Mittelschicht.“ Rastätter fordert: „Wir brauchen Gesetze, um diese Spekulation zu beenden.

Video: Mieten oder Kaufen? Die ewige Frage

Paradebeispiel für Wohnwahnsinn in München: Türkenstraße in der Maxvorstadt

Organisiert hat den Ortstermin, zu dem am Montag außer Sasse andere ehemalige Mieter gekommen sind, der Vorsitzende der SPD-Landtagsfraktion, Florian von Brunn. Auch Parteigenosse OB Dieter Reiter und Mitglieder seiner Stadtratsfraktion sind dabei. Sie fordern von der Staatsregierung, endlich das Baulandmobilisierungsgesetz in Bayern umzusetzen. Und zwar jenen Passus der Verordnung, der stadtweit die Umwandlung von Miet- in Eigentumswohnungen erschwert – und nicht nur in Erhaltungssatzungsgebieten. Dort besitzt München eigentlich ein Vorkaufsrecht für von Luxussanierung bedrohten Wohnraum.

Das Haus an der Türkenstraße lag jedoch nicht in einem solchen Gebiet. Für Stefan Sasse und viele andere Mieter in der Maxvorstadt käme die Gesetzesnovelle ohnehin zu spät.

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