Wohnungslosigkeit steigt und steigt

Münchner Erfolg trifft die Armen immer brutaler

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Die Nacht vor der Zwangsräumung verbrachte Michaela von Schabrowsky im Treppenhaus. Ihr war die Tür zugeknallt worden

München - Sie können die Miete nicht mehr zahlen und finden keine günstige Wohnung mehr: In der reichsten Stadt der Republik müssen sich immer mehr Menschen um das Dach über dem Kopf sorgen!

 Im vergangenen Jahr haben 5520 Haushalte ihre Wohnung verloren und wurden ein Fall für die Wohnungslosenhilfe beim Sozialreferat. Die Zahl ist sprunghaft um mehr als 1000 im Vergleich zum Vorjahr angestiegen. Jeden Tag stehen also 15 Familien ohne vier Wände da. Und der Ausblick ist düster. „Es ist davon auszugehen, dass die Zahlen weiter ansteigen werden“, schreibt Sozialreferentin Brigitte Meier (SPD) dem Stadtrat. Der Münchner Erfolg trifft die Ärmsten der Armen immer brutaler.

Das spüren auch die Berater an der Infothek der Wohnungslosenhilfe: Auch hierher kommen immer mehr Münchner. Suchten 2011 noch 83 Menschen täglich Rat, stieg die Zahl 2012 auf im Schnitt 122 pro Tag.

Die Stimmung im Amt ist zunehmend verzweifelt – und explosiv: Im vergangenen Jahr hatten zwölf Menschen Hausverbot im Bereich Wohnen und beim Jobcenter, 2010 waren es noch sieben. Allein im ersten Quartal heuer hagelte es neun Hausverbote – wegen „verbaler Übergriffe auf die Mitarbeiter“, berichtet die Sozialreferentin und fordert viereinhalb neue Stellen zur Entlastung der 19 bestehenden Mitarbeiter.

Brigitte Meier führt gleich mehrere Gründe an – zuallererst natürlich den äußerst angespannten Wohnungsmarkt. Die Mieten steigen immer weiter, die Spitzenpreise ziehen auch die günstigen Mieten mit, immer mehr billige Sozialwohnungen fallen aus der Preisbindung und verteuern sich über Nacht zum Beispiel von 6 auf 10 Euro.

Dazu kommt aber auch der Erfolg der Stadt bei der Arbeit: Die Attraktivität sorgt für sehr hohen Zuzug, von Studenten und Akademikern – aber auch von Menschen aus Ost- und Südosteuropa, die ihr Glück hier versuchen. Sie haben aber nicht sofort Anspruch auf Wohnungslosenhilfe – dafür müssen sie einige Monate in der Stadt gewohnt haben.

Dazu kommen zwei kleinere Gruppen: Zum einen wachse die Zahl der Flüchtlinge, die in Deutschland bleiben und samt Familie aus den Gemeinschaftsunterkünften ausziehen dürften. Zum anderen steigt die Zahl der Großfamilien mit sechs und mehr Personen.

Sie kämpft!

Die Nacht vor der Zwangsräumung verbrachte Michaela von Schabrowsky im Treppenhaus. Ihr war die Tür zugeknallt worden

In den RTL-Dokusoaps Hausfrauenstreik und Hausputz war sie einst die vergnügteste Putzperle Deutschlands. Dann jedoch geriet Michaela von Schabrowskys Leben aus den Fugen. Im März schließlich stand die Gerichtsvollzieherin vor ihrer Tür in Neuperlach: Zwangsräumung! Mit ihren beiden Malteser-Hunden Butterfly und Sissi landete die 61-Jährige am Ende des Tages im Clearinghaus des Katholischen Männerfürsorgevereins. Vor dort aus regelt sie nun ihre Angelegenheiten und kümmert sich um eine neue Wohnung.

Auch die Tafeln brauchen Hilfe

Die Münchner Tafel um ihre Vorsitzende Hannelore Kiethe kann sich freuen: Sponsoren spenden zwei neue Kühlfahrzeuge für die Helfer! Die Ursache ist traurig: Immer mehr Münchner brauchen die Lebensmittel – derzeit rund 18 000. Darum will Sozialreferentin Brigitte Meier (SPD) den Helfern noch mehr unter die Arme greifen und den Zuschuss der Stadt für vier Hilfsorganisationen fast auf 57 000 Euro pro Jahr verdoppeln. Die 400 Helfer der Münchner Tafel verteilen pro Jahr rund 100 Tonnen Lebensmittel an Bedürftige an 24 Ausgabestellen in der Stadt und in 85 Teestuben oder Frauenhäusern.

Die Kosten für Strom, Gas, Wasser, Heizöl und Benzin seien gestiegen, gleichzeitig gingen die Spenden zurück. Das trifft auch die anderen Tafeln: Die Templer geben pro Jahr 37 000 warme Mahlzeiten an Obdachlose und Bedürftige aus und versorgen 11 000 Menschen mit Lebensmitteln und Kleidung. Die Heilsarmee kocht in ihrer Suppenküche in Obersendling 14 000 Mahlzeiten, dazu besuchen die Helfer 2200 Menschen im Jahr. Die Essenhilfe verteilt in Obergiesing Lebensmittel . Wenn der Stadtrat am Donnerstag zustimmt, dürfen sie sich über mehr Zuschüsse freuen.

David Costanzo

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