Hohe Kosten für Unterbringung

Faktencheck: Darum kostet die Wohnungsnot die Stadt Millionen

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Aus diesem Boardinghaus mussten am Gründonnersttag 180 menschen innerhalb von Stunden ausziehen. 

Nachdem 180 Wohnungslose in Moosach überstürzt eine Unterkunft räumen mussten, werden Fragen laut: Warum greift die Stadt auf private Betreiber zurück? Wie viel gibt sie für die Unterbringung aus? Wie groß ist die Not mit dem Wohnen tatsächlich? Ein Faktencheck.

München - Wie konnte das in Moosach bloß passieren? Wie berichtet, mussten am Gründonnerstag 180 Bewohner des Boardinghauses Am Neubruch ihre Unterkunft räumen. Stadt und Betreiber schieben sich gegenseitig den Schwarzen Peter zu. Die Bewohner werden nicht in dieses Haus zurückkehren, die Stadt hat ihren Vertrag mit dem Betreiber, der 2-Rent Group, zum 31. Juli gekündigt. Fakt ist: Der Vorfall hat viele Münchner aufgeschreckt. Unter all den täglichen Schreckensmeldungen vom Wohnungsmarkt ragt es doch heraus, wenn Menschen binnen drei Stunden aus ihrer Bleibe verjagt werden. Und es wirft die Frage auf, welche Dimensionen das Thema Wohnungsnot angenommen hat.

Tatsächlich kommen bereits mehr als 50.000 Münchner auf dem freien Wohnungsmarkt gar nicht mehr zurecht: Menschen, die wohnungslos sind. Menschen, die Hartz IV oder andere Förderung erhalten. Außerdem, so ist von verschiedenen Stellen zu hören, stehen viele Menschen kurz davor, ihre Wohnung zu verlieren – was die Not weiter verschärfen wird

Wohnungslose: 

Aktuell gelten rund 7700 Menschen in München als wohnungslos. Rund 5100 davon sind in städtischen, verbandlichen oder von der Stadt angemieteten Unterkünften untergebracht. Rund 1800 sind anerkannte Flüchtlinge in Asylunterkünften. Rund 550 Menschen leben auf der Straße. Zum Vergleich: 2012 waren erst rund 3800 Menschen wohnungslos.

Beispiel: Rebecca M. (29) lebt mit ihren drei Kindern bei ihrer Oma (88) in Karlsfeld, seit sie im August ihre eigene Wohnung in München wegen einer Eigenbedarfskündigung verloren hatte. Sie bekommt für sich und ihre Kinder pro Monat 263,44 Euro vom Jobcenter. Bei ihrer alten Wohnung hatte das Jobcenter auch noch die Mietkosten übernommen. Doch seit sie Anfang September zu ihrer Oma zog, gab es kein Geld mehr vom Amt. Begründung: Die Oma helfe hier der Verwandtschaft in gerader Linie. Dazu sei sie ohnehin verpflichtet, und zudem lebte die Enkelin mit den Urenkeln mit ihr in einem Haushalt und nicht in einer abgeschlossenen Wohnung. Nach dem Bericht unserer Zeitung überprüfte das Jobcenter Dachau den Fall näher und bezahlte der Oma schließlich doch die Miete – rückwirkend bis zum September (rund 4000 Euro).

Rebecca M. verlor die Wohnung wegen Eigenbedarf.

Unterkünfte:

In der Wohnungslosenhilfe stehen aktuell 5300 Bettplätze zur Verfügung. Diese verteilen sich auf acht städtische Notquartiere, sechs Clearinghäuser sowie 41 gewerbliche und verbandliche Beherbergungsbetriebe.

Beispiel Männerwohnheim: Der Münchner Rentner Franz Dorfner (70, Name geändert) lebte zweieinhalb Jahre auf der Straße, bis er dann über Umwege einen Platz im Katholischen Männerwohnheim an der Franziskanerstraße in Haidhausen bekam. Dieses Haus ist eine Langzeiteinrichtung für ältere wohnungslose Männer in München. Insgesamt leben dort 51 Männer, darunter seit zehn Jahren auch Franz Dorfner. Er bekommt eigentlich rund 1000 Euro Rente – doch von dem Geld sieht er nichts. Es geht direkt an den Bezirk Oberbayern, Dorfner hat es abgetreten. Dafür bekommt er nun ein Bett in einem Zweibettzimmer, 110 Euro Taschengeld im Monat, Vollverpflegung und ärztliche Versorgung.

Franz D. im Männerwohnheim in Haidhausen. 

 

Wie viel die Stadt aktuell für die Unterbringung der Wohnungslosen ausgibt, konnte das Sozialreferat gestern kurzfristig nicht sagen. Fakt ist, dass der gewerbliche Betreiber des Hauses Am Neubruch ein Bettplatzentgelt von 15 Euro pro Bewohner und Nacht verlangte – was bei Privaten die Untergrenze sein dürfte. Hochgerechnet zahlte die Stadt also monatlich mehr als 80 000 Euro für die 180 Bewohner in Moosach, wobei die „Selbstzahler“ Geld zurückerstatteten. Hochgerechnet dürfte die Stadt für die gesamte Wohnungslosen-Unterbringung jährlich Millionenausgaben im zweistelligen Bereich haben.

 

Die Stadt betreibt zwölf Einrichtungen. 43 Häuser werden durch verbandliche oder externe Betreiber geführt. Insgesamt arbeitet die Stadt aktuell mit rund 40 privaten gewerblichen Beherbergungsbetrieben und drei verbandlich geführten Einrichtungen zusammen

 

Die Stadt hat einen Bestand von rund 74 700 Wohnungen, die über das Amt für Wohnen und Migration vergeben werden. Im Jahr 2016 wurden nur 2900 Wohnungen neu vergeben – während 24 000 Anträge gestellt wurden. Der jüngste Stadtratsbeschluss „Wohnen in München VI“ umfasst ein Volumen von 1,278 Milliarden Euro. Das Geld wird in zahlreiche Wohnprojekte investiert, die den Münchner Markt entlasten sollen.

Beispiel: Aufstocker - Christine S. (58) leidet an Epilepsie, ist zu 90 Prozent schwerbehindert und bekommt 532 Euro Erwerbsminderungsrente. Sie lebt am Oskar-MariaGraf-Ring in einer 42-Quadratmeter-Wohnung, die rund 600 Euro Warmmiete kostet. Das Sozialamt übernimmt davon rund 500 Euro. 100 Euro müsste Christine Stoll selbst zuzahlen. „Doch das kann ich nicht – ohne die Tafel käme ich gar nicht über die Runden. Jetzt werde ich am 4. Mai zwangsgeräumt, wenn nicht doch irgendeine Rettung kommt“, sagt sie. Das Hauptproblem sei, dass sie mit ihren zwei Wellensittichen keine neue Wohnung findet.

Christine S. 

Hartz IV

Nach Auskunft des Jobcenters werden aktuell rund 37 500 Menschen in München, die leistungsberechtigt nach SGB II (Hartz IV) sind, laufend die Kosten der Unterkunft erstattet. Die Stadt zahlt mit Unterstützung des Bundes. Die aktuellen Mietobergrenzen reichen von 642 Euro (eine Person, maximal 50 Quadratmeter) bis zu 1527 Euro (sechs Personen, maximal 120 Quadratmeter).

Beispiel: Karina C.-S. (38) hat zuletzt einen Etappensieg gegen die Ämter errungen. Sie darf noch bis zum Jahresende in ihrer Wohnung in der Groffstraße in Neuhausen bleiben. Die 38-Jährige ist erwerbsunfähig und bezieht Arbeitslosengeld II – also umgangssprachlich Hartz IV. Sie hat einen schwerstbehinderten 18-jährigen Sohn, der die Wochenenden bei ihr verbringt und unter der Woche in einer Pflegeeinrichtung ist. 227 Euro bleiben Karina Celik-Steinert nach Abzug der Warmmiete pro Monat zum Leben. Seit ihr Lebensgefährte ausgezogen ist, ist die Wohnung zu groß für sie – es gab deshalb sogar schon Prozesse vor dem Sozialgericht. Statt den 70 Quadratmetern stehen ihr und ihrem Sohn eigentlich nur noch 65 Quadratmeter zu. Auch ist die Miete zu hoch: Für die 70 Quadratmeterwohnung verlangt der Vermieter 795 Euro Kaltmiete, mit Neben- und Heizkosten sind es 915 Euro. Gesetzlich verpflichtet ist das Jobcenter aber nur, einen Betrag bis zu 732 Euro Kaltmiete zu bezahlen.

Carina C. ist erwerbsunfähig. 

EOF-Förderung: 

In München gibt es 9300 EOF-geförderte städtische Wohnungen („Einkommensorientierte Förderung“).

Beispiel: Sandra H. (40, Erzieherin und zweifache Mutter, 2.v.r.) lebt in einer EOF-geförderten Wohnung am Ackermannbogen (Schwabing). Sie bekommt wie ihre Nachbarn einen Mietzuschuss der Stadt, die sogenante Einkommensorientierte Förderung. Das Problem: Dieser Mietzuschuss bleibt gleich, auch wenn die Miete steigt. Als die Bewohner 2008 einzogen, lag der Mietpreis pro Quadratmeter bei 9 Euro. Inzwischen zahlt Sandra Hanke mehr als elf Euro kalt. Die Warmmiete für ihre 88-Quadratmeter-Wohnung und die Garage beträgt 1300 Euro. „Mehr können wir uns nicht leisten, aber es steht ja wieder eine Erhö- hung an, und dann wieder eine. Das wird immer so weitergehen – es ist wirklich dramatisch“, sagt sie.

Sandra H. mit ihren Nachbarn. 

 

Mit dem Kälteschutz-Programm will die Stadt von November bis Ende April die Menschen vor dem Ärgsten bewahren. In diesem Jahr stehen dafür rund 940 Plätze bereit.

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