Wo wurde der Schulmädchen-Report gedreht?

München - Der Schulmädchen-Report sorgte in Deutschland für große Aufregung. Gedreht wurde der Teil „Was Eltern nicht für möglich halten“ in München. Wo eigentlich genau?

Fünf Jahre vor der Freigabe der Pornografie in Deutschland und dem Aufkommen der Sex-Kinos entsetzt eine Filmproduktion vor allem Eltern, Pädagogen und Kirchenvertreter: der Schulmädchen-Report. Groß ist der Aufschrei, was die Lust an dem verruchten Kino-Hit erst recht weckt: Millionen Deutsche zieht es 1970 in das Sex-Filmchen „Was Eltern nicht für möglich halten“. So manchen Kritiker aus München empört allein die Tatsache, dass seine Stadt als Drehort für die umstrittenen Aufnahmen herhalten musste. Als Kulisse wählten die Produzenten die Seidlvilla in Schwabing.

"Schulmädchen Report": Die besten Bilder der Kultfilme

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Der Film an sich basiert auf Recherchen des deutschen Autors Günther Hunold, der Ende der 60er-Jahre mit Beiträgen zur sexuellen Aufklärung bekannt wird. Die Neugier der Bevölkerung auf Details zu entsprechenden Tabu-Themen ist zu dieser Zeit groß. 1969 befragt der gebürtige Sachse in München 36 Schulmädchen. Sie sollen sich mit 157 Fragen zu Themen wie Träume, Geschlechtsleben, Empfängnisverhütung, Masturbation und Homosexualität auseinandersetzen. Zwölf dieser Interviews mit 14- bis 20-jährigen Realschülerinnen und Gymnasiastinnen veröffentlicht Hunold in einem Buch. Noch im selben Jahr verkauft er die Filmrechte, ohne auf eine prozentuale Beteiligung am Einspiel-Ergebnis zu bestehen. Offenbar glaubt der Autor nicht an den Erfolg einer Verfilmung.

Weit gefehlt: Filmproduzent Wolf C. Hartwig bejubelt später die „Geschäftsidee seines Lebens“, der eine zwölfteilige Filmreihe folgt. Im Gegensatz zu den auf Plakaten angekündigten Mädchen aus Mittelschulen und Gymnasien engagiert der Produzent zunächst unter anderem Kaufhaus-Verkäuferinnen, denen er Tages-Gagen verspricht, die nur knapp unter ihrem Monatsgehalt liegen. Er lädt sie in die Seidlvilla, die ihm als passende Kulisse erscheint. Was machte diesen Schauplatz für die Filmwelt so attraktiv?

Zum Zeitpunkt der Aufnahmen hat das schlossartige Wohnhaus, das Architekt Emanuel von Seidl Anfang des 20. Jahrhunderts nach Art der deutschen Renaissance mit Jugendstilelementen konstruiert hat, bereits eine wechselvolle Geschichte hinter sich. Hausherrin ist anfangs Franziska Sedlmayr. Die Witwe eines Eigentümers der Spaten-Brauerei lässt sich damals die Innenausstattung mit Fußböden aus rotem Marmor, Wandtäfelungen und reichem neoklassizistischem Deckenstuck einiges kosten. Nach der Inflation vermietet sie 1924 ein paar Räume des Anwesens. Durch Erbschaft wechselt die Villa den Besitzer und sieht in den folgenden Jahrzehnten etliche Nutzer kommen und gehen: im „Dritten Reich“ die NS Gauleitung, nach Kriegsende die Amerikaner, dann das Goethe-Institut und die Bayerische Akademie der Wissenschaften, zeitweise steht das Gebäude auch leer.

1969 will ein neuer Besitzer das gesamte Areal am Nikolaiplatz platt machen und ein mehrstöckiges Geschäftszentrum errichten. Das lassen sich die Schwabinger aber nicht gefallen: Sie protestieren für den Erhalt der „Idylle“. Noch bevor die Stadt das Bauvorhaben verhindert, nutzen Filmemacher die Villa für Spielfilme – eben auch für die Aufnahmen des Schulmädchen-Reports.

In den folgenden Jahren halten sich Gerüchte, die Seidlvilla solle abgebrochen werden. „Nicht mit uns!“, sagen sich die Schwabinger. Eine neu gegründete Bürgerinitiative sammelt 16 000 Unterschriften, zahlreiche Münchner ziehen in einem Demonstrationszug durch Schwabing. Mit Erfolg. Die Stadt erwirbt das Anwesen, am Nikolaiplatz steigt ein rauschendes Straßenfest. Dort, wo einige Jahre zuvor minderjährige Mädchen über ihr Sexualleben plauderten, ziehen die Sittenwächter persönlich ein: Die Villa dient so lange als Polizeiinspektion, bis der Verein „Bürgerzentrum Seidlvilla“ 1987 die Trägerschaft übernimmt.

Heute ist dieses offene Haus aus dem Gemeinschaftsleben des Stadtteils nicht mehr wegzudenken. Hier haben mehrere Institutionen und Initiativen wie Bezirksausschuss, Schwabing-Archiv und Bund Naturschutz ihren Sitz. Darüber hinaus locken Ausstellungen, Konzerte, Vorträge, Tagungen und Festlichkeiten jedes Jahr mehrere 10 000 Besucher in das Bürgerhaus.

Corinna Erhard

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