Aufruhr in Kinderklinik Harlaching

Wurden Frühchen falsch behandelt?

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Die Harlachinger Kinderklinik

München - Das städtische Klinikum München wird erneut von einem Brandbrief der eigenen Beschäftigten erschüttert. Sind Frühchen in Harlaching falsch behandelt worden?

Das Pflegeteam der Intensivstation der Harlachinger Kinderklinik erhebt schwere, möglicherweise strafrechtlich relevante Vorwürfe gegen den eigenen Chefarzt.

Der Chefarzt soll Frühchen falsch behandelt haben, sogar von Todesfällen ist die Rede. Die Geschäftsführung des Stadtklinikums hat nach einem Bericht des Münchner Merkur sofort die Staatsanwaltschaft eingeschaltet, hält die Vorwürfe bisher aber für unbegründet.

Laut dem Brief fühlen sich die Mitarbeiter durch ihre Vorgesetzten „zunehmend bedroht“. „Wir haben erhebliche Zweifel an den Entscheidungen und insbesondere an der Behandlung extrem kleiner Frühgeborener von unserem Chefarzt und unserer Oberärztin“, steht in dem Papier, das angeblich von 20 Beschäftigten unterzeichnet worden ist. Die Liste der Namen hält der Betriebsrat laut Aussage der Geschäftsführung jedoch geheim.

Die erhobenen Vorwürfe sind erschreckend: Behandlungsmethoden würden nicht der Fachliteratur entsprechen, Eingriffe seien nicht nachvollziehbar. Vorschläge von erfahrenen Medizinern würden übergangen. Kritik von Pflegern werde abgeblockt mit Sätzen wie: „Ich bin der Arzt, ich entscheide!“ Mediziner seien derart eingeschüchtert, dass sie sich nicht mehr trauten, die Behandlungsmethoden eigenständig zu verändern. Das Pflegeteam sei „zutiefst verunsichert“. Auf die Frage, ob man die Sondennahrung bei Frühchen nicht anwärmen solle, habe der Chefarzt geantwortet: „Egal, Frühchen sind sowieso wie Leichen.“

Nabelkatheter seien „mehrere Wochen liegengelassen“ worden. Frühchen hätten zu hoch dosierte Spülungen erhalten, bis es zu Rissen im Darm gekommen sei. In einigen Fällen soll es deswegen sogar zum Tod der Babys gekommen sein.

Die Geschäftsführung des krisengeplagten Konzerns nimmt den Brief sehr ernst. Die Kinderklinik in Harlaching genießt einen guten Ruf, der jetzt in Gefahr gerät. „Im Sinne einer lückenlosen Aufklärung“ habe man sofort die Staatsanwaltschaft eingeschaltet, berichtet der medizinische Geschäftsführer Hans-Jürgen Hennes. Zudem habe man einen externen Gutachter – den Neonatologen Egbert Herting von der Uni-Klinik Lübeck, beauftragt, alle Todesfälle seit Amtsantritt des neuen Chefarztes vor 15 Monaten zu prüfen. Fünf Frühchen seien seitdem verstorben. Allerdings wurden allein im vergangenen Jahr mehr als 60 Frühgeborene in Harlaching behandelt. Die Sterberate bei Frühchen ist hoch, laut Hennes liegt sie je nach Gewicht des Kindes bei bis zu 80 Prozent.

So ernst man die Vorwürfe auch prüfen will, derzeit geht die Geschäftsführung davon aus, dass sie „allesamt unbegründet“ sind. Deswegen habe man auch keine personellen Konsequenzen gezogen, der Chefarzt und die Oberärztin seien weiter im Dienst. Der Chefarzt habe zudem eine eidesstattliche Versicherung abgegeben, den Satz, Frühchen seien wie Leichen, nie ausgesprochen zu haben. Die Klinik-Leitung nimmt den so heftig angegriffenen Mediziner demonstrativ in Schutz. Man habe „keine Zweifel an seiner Kompetenz“. Seit er im Amt ist, habe sich die Sterbe- und Komplikationsrate nicht verschlechtert, sondern verbessert. Man erziele überdurchschnittlich gute Ergebnisse bei ex­trem kleinen Frühgeborenen.

Rückendeckung bekommt der Chefarzt auch von der Stadt. Der für die Kliniken zuständige Referent Joachim Lorenz (Grüne) betont, der Arzt sei eine „Koryphäe“ auf seinem Gebiet, würde deutschlandweit Behandlungs-Leitlinien für Frühchen festlegen. Zudem habe das Gesundheitsamt die Kinderklinik Anfang des Jahres verdachtsunabhängig überprüft. „Ohne Beanstandungen“, wie Lorenz betont. Über die Kritik aus der Belegschaft „kann ich mich nur wundern“.

Dass es bei der Zusammenarbeit innerhalb der Kinderklinik Probleme gibt, ist nicht neu. Laut Geschäftsführer Hennes habe man mehrfach Gespräche und Mediationen zur Teambildung durchgeführt – offenbar mit wenig Erfolg. Das Arbeitsklima scheint vergiftet zu sein. Es gibt Stimmen, die vor einem internen Machtkampf mit dem Betriebsrat warnen. Andere sehen vor allem den Chefarzt als Schuldigen. Er selbst wollte sich gestern nicht äußern. Laut Hennes ist er jedoch sehr „betroffen“.

Thomas Schmidt

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