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X-Games: Extremer Sport, extreme Unfälle

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Der Olympiapark ist bereit für die ersten X-Games in Deutschland.

München - Die X-Games spiegeln angeblich das Lebensgefühl einer Generation wider, besonders gesund ist das allerdings nicht. Regelmäßig gibt es schwere Verletzungen.

Nyjah Huston wird nicht nach München kommen. Das ist schade für die ersten X-Games in Deutschland, denn der 18 Jahre alte Amerikaner ist einer der besten Skateboarder der Welt - mit dreimal Gold in der Disziplin „Street“. Jetzt aber hat Huston Schmerzen, er ist beim Training gestürzt, „superhart“, wie er einräumt, „es hat mir die Scheiße aus den Rippen gequetscht“. Zum Beweis schickte er ein Bild, aufgenommen am Pool seines Hauses: Zu sehen ist ein sehr hässlicher Fleck auf dem ramponierten rechten Brustkorb.

Huston hat noch Glück gehabt, es hätte schlimmer kommen können. Die X-Games heißen nicht umsonst X-Games: Das X steht für „extrem“. Die Teilnehmer dieses Action-Sports-Spektakels, wie die Veranstalter in München es nennen, sind Extremsportler - und entsprechend fallen ihre Tricks und Sprünge aus: extrem. Doch wer in Physik aufgepasst hat, der weiß: Nicht alles geht. Die X-Games kommen ohne schwere Unfälle selten aus, und wer nicht mindestens einmal ziemlich böse verletzt war, wird vermutlich erst gar nicht eingeladen.

Einer wird gar nicht mehr kommen können. Caleb Moore, 24 Jahre alter Texaner, verunglückte im vergangenen Januar bei den Winter-X-Games in Aspen tödlich. Mit seinem Schneemobil missriet ein Salto rückwärts, das 230 Kilogramm schwere Gerät fiel auf ihn. Nur ein Jahr zuvor war Sarah Burke, weltweit anerkannte Freestyle-Skifahrerin aus Kanada, beim Training für die X-Games 2012 in einer riesigen Halfpipe nach einem Trick schwer gestürzt und mit dem Kopf aufgeschlagen. Neun Tage später starb sie.

Die Veranstalter der X-Games versichern, die Teilnehmer wüssten, was sie tun, und gingen nur kalkulierbare Risiken ein. Doch ziemlich oft klappt das mit der Kalkulation nicht, vor allem beim Motocross. Der bekannteste Crash ist jener von Paris Rosen bei den X-Games in Los Angeles 2010, zu sehen auf YouTube. Rosen verrechnete sich nach einem Sprung über eine riesige Schanze bei einem Salto vorwärts - im Krankenhaus stellten die Ärzte unter anderem fest: Bruch der unteren Lendenwirbelsäule, Leberriss, Lungenquetschung.

Einer der großen Heroen der Szene ist Travis Pastrana, der aus dem kalkulierten Wahnsinn sogar eine eigene Fernsehsendung gemacht hat, genannt „Nitro Circus“: Kein Stunt war verrückt, manche würden sagen bescheuert genug, um in dieser Sendung nicht mal ausprobiert zu werden. Pastrana ist hart im Nehmen. Bei den X-Games 2011 in Los Angeles stürzte er beim Motocross, Disziplin „bester Trick“, brach sich Knochen in den Füßen und Knöcheln. Drei Tage später fuhr er im Rallycross mit: Er nutzte Handarmaturen für Gasgeben und Bremsen.

Vor allem die Motocrosser sind eine Invalidentruppe. Auch die viermalige deutsche Weltmeisterin Steffi Laier, in München einzige deutsche Hoffnung auf eine X-Games-Medaille, hat es schon erwischt, zuletzt im vergangenen August. Bei einem Sturz durchschlug ihr das Motorrad von hinten den Oberschenkel. „Man kann auch daheim von der Leiter fallen“, sagte sie lapidar. Der Schweizer Motocross-Freestyler Mat Rebeaud tat das Risiko in München ab: „Das gehört dazu. Aber lassen Sie uns nicht über meine Verletzungen sprechen.“

Chad Kagy sagt, er zähle längst nicht mehr, wie oft er sich die Knochen gebrochen hat. Der 34 Jahre alte Amerikaner ist einer jener waghalsigen BMX-Fahrer, die sich, wie übrigens auch die Skateboarder, in München von einer 26 Meter hohen Rampe stürzen. Das 112 Meter lange Monstrum aus Stahlrohr steht mitten im Olympiasee, zwischen Absprung und Landezone klafft eine immerhin 17 Meter breite Lücke. Kagy sagt, Verletzungen gehörten zu seinem Job. Unter anderem hat er sich 2003 bei den X-Games das Genick gebrochen.

Die Disziplin „Street“ beim Skateboard sieht da vergleichsweise harmlos aus, doch wer patzt, hat ein Geländer zwischen den Beinen oder eine Treppenstufe in den Rippen. Huston ist bislang verschont geblieben von den obligatorischen Knochenbrüchen, aber er weiß, dass sich das Risiko auch für ihn erhöht hat. „Hindernisse, die wir heute fahren, mussten wir vor zehn Jahren noch nicht fahren. Jetzt gibt es alle erdenklichen Typen - auch richtig gefährliche.“ Aber, sagt der Star der Szene, „wenn du gewinnen willst, musst du alles fahren.“

Und am Streckenrand wartet bereits der Krankenwagen.

SID

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