Tendenz steigend

Wohnungslose in München: „Die Zahlen sind explodiert“

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Wenig Grund zum Optimismus: Rudolf Stummvoll rechnet mit weiter zunehmender Wohnungsnot. 

1300 Menschen kommen täglich aufs Wohnungsamt in München. Und es werden wahrscheinlich immer mehr, glaubt Rudolf Stummvoll Leiter des Münchner Amts für Wohnen und Migration. Lesen Sie hier ein Interview.

München - Es gibt wohl wenige, die ihn um seinen Job beneiden. Als Leiter des Münchner Amts für Wohnen und Migration steht Rudolf Stummvoll (63) vor großen Herausforderungen: In den vergangenen zehn Jahren hat sich die Zahl der Wohnungslosen in der Stadt mehr als verdreifacht. Ende 2017 waren es rund 9000 Menschen, Tendenz: steigend.

Hand aufs Herz: Würden Sie nicht manchmal lieber im Wirtschaftsreferat arbeiten?

Rudolf Stummvoll: Niemals. Würde mich überhaupt nicht reizen.

Aber dort gibt es wesentlich mehr positive Nachrichten als in Ihrem Haus.

Stummvoll: Ja und nein. Natürlich ist es manchmal tief frustrierend, wenn man so wenig machen kann. Mengenmäßig gesehen. Aber in vielen Fällen können wir eben doch helfen. Das ist auch der Grund, warum ich mal Sozialarbeiter geworden bin. Man versucht, Wege und Lösungen zu finden. Mal gelingt es, mal nicht.

Wie sieht die Bilanz für 2017 aus?

Stummvoll: Das Jahr war nicht mehr geprägt durch hohen Flüchtlingszuzug, wie die Jahre zuvor. Und die Integration der Menschen, die gekommen sind, funktioniert gut. Andererseits ist 2017 geprägt von rasant steigenden Vormerkzahlen für Sozialwohnungen, die einhergehen mit nicht erfüllbaren Hoffnungen. Ich kann nur ein Drittel der Wohnungen zur Verfügung stellen, die gebraucht würden. Unterm Strich bedeutet das: zwei Drittel nicht erfüllte Hoffnungen.

Wie hat sich die Zahl der Wohnungslosen entwickelt?

Stummvoll: Die Zahlen sind explodiert. Wir hatten 2017 25 Prozent mehr Anträge auf eine Sozialwohnung als im Jahr zuvor, insgesamt rund 30.000. Die Zahl der Haushalte, die besonders dringend eine Wohnung brauchen, explodiert auch, auf mehr als 13.000. Demgegenüber stehen rund 3000 Wohnungen, die wir pro Jahr vermitteln können.

Wie viele Menschen kommen täglich ins Wohnungsamt?

Stummvoll: Bis zu 1500. Und das in einem Haus, das ursprünglich mal für 400 Menschen ausgelegt war. Das ist eine riesige Herausforderung. Und führt auch zu Spannungen.

Deshalb auch die 25 Sicherheitsmitarbeiter?

Stummvoll: Ja, die brauchen wir leider. Zum einen, um die Kundenströme zu steuern. Zum andern hat sich in der Gesellschaft der Umgang miteinander geändert. Was müssen sich zum Beispiel Rettungssanitäter oder Zugbegleiter alles anhören. Bei uns geht es zudem um existenzielle Probleme. Und wenn man die Hoffnungen der Menschen nicht erfüllen kann, ist es klar, dass es zu Äußerungen oder Szenen kommt, die nicht so schön sind.

Wie kommt das Personal damit klar?

Stummvoll: Die Kolleginnen und Kollegen machen das richtig gut. Die könnten ja auch woanders arbeiten, aber sie wollen hier arbeiten. Natürlich unterstützen wir sie auch, wo wir können, zum Beispiel mit Schulungen oder eben mit Security. Sie haben Verständnis für die Situation der Menschen und dass diese manchmal nicht höflich oder adäquat reagieren. Und in schlimmen Fällen verhänge ich auch mal ein Hausverbot gegen Klienten.

Die Zahl der Wohnungslosen hat sich seit 2008 verdreifacht. Wo wird das enden?

Stummvoll: Ich glaube, die Zahl steigt weiter. Vielleicht wird es in zwei oder drei Jahren besser. Aber keiner weiß das. Seit Jahren gibt es einen Zuzug von 20.000 Menschen und mehr nach München – viel zu viel Druck für den Wohnungsmarkt. Vielleicht lässt der Zuzug nach. Vielleicht gibt es auch mal Friedensverhandlungen im Nahen Osten. Dann könnten einige der Menschen von dort, die derzeit hier leben, zurückkehren. Aber das ist alles Konjunktiv. Derzeit ist jedenfalls nicht erkennbar, dass sich der Wohnungsmarkt entspannt.

Wen trifft es besonders hart?

Stummvoll: Die am wenigsten Geld haben. Und mittlerweile geht es auch schon kräftig in die Mittelschicht hinein. Wenn man sieht, was der Wohnungsmarkt jemandem abverlangt, der hier leben möchte – das ist happig.

Eine Familie steht plötzlich auf der Straße. Können Sie in absoluten Notfällen überhaupt noch helfen?

Stummvoll: Ja, dafür sorgt die Stadt. Wir können immer noch Notunterbringungsmöglichkeiten organisieren. In den vergangenen Jahren entstanden viele Notquartiere, auch wenn es nicht immer einfach war. Ich weiß nicht, auf wie vielen Einwohnerversammlungen ich Überzeugungsarbeit bei den Nachbarn leisten musste. Aber es gilt nach wie vor der Satz: Es muss in München niemand unter der Brücke leben. Manchmal war es aber schon sehr sehr knapp.

Hat die Politik zu spät reagiert?

Stummvoll: Ich glaube, dass diese extreme Entwicklung nicht vorherzusehen war und das die Anstrengungen der letzten Jahre, den Wohnungsbau anzukurbeln, immens waren. Viel mehr geht eigentlich nicht. Der kommunale Wohnungsbau stößt an seine Grenzen. Das ist keine Frage des Geldes, sondern eher der Fläche. Und es ist schwer, die Münchner ins Boot zu holen, wenn in der Nachbarschaft gebaut wird. Nachverdichtung, Bebauung freier Flächen – da wird um jede Wiese gekämpft, was auch nachvollziehbar ist.

Gibt es noch Münchner, die Ihren Kunden Wohnungen vermieten?

Stummvoll: Vor einigen Jahren hatten wir noch etwa 4500 Sozialwohnungen im Amt zu vergeben. Dazu konnten wir 3000 bis 4000 Wohnungen auf dem freien Markt akquirieren. Das lief über Kautions- und Provisionszusicherungen – also, dass wir als Amt beides bis zu einer bestimmten Höhe übernehmen. KP-Schein nennt man das. Mittlerweile bekommen wir darüber noch etwa 300 Wohnungen. Ich habe gehört, dass bei Besichtigungen Makler sagen, wer einen KP-Schein habe, könne gleich wieder gehen.

Welche Schlagzeilen wünschen Sie sich für 2018?

Stummvoll: „Münchner freuen sich über ihre neuen Nachbarn“ zum Beispiel (lacht). Keine Diskussionen mehr bei der Schaffung neuer Notquartiere. Oder „Viele Münchner finden wieder bezahlbaren Wohnraum“. Was leider total unrealistisch ist.

München, du arme reiche Stadt: 22.000 Kinder leben in Hartz-IV-Familien. Sozialreferentin Dorothee Schiwy (SPD) befürchtet, dass sich immer weniger Menschen München leisten können. Mit diesen Maßnahmen möchte die Politikerin einen gerechteren Mietspiegel erzeugen.

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Kältebus München
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Interview: Doris Richter

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