Iris & Oliver Berben im tz-Gespräch

Die Wagners: Keine Doku, sondern opulentes TV

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Der Wagner-Clan und seine Freunde (von links): der Pianist Karl Klindworth (gespielt von Werner Haindl), der glühende Antisemit, Wagner-Verehrer und Ehemann von Eva, Houston Chamberlain (Heino Ferch), Eva Wagner (Eva Löbau), Cosima Wagner (Iris Berben), Siegfried Wagner (Lars Eidinger), Isolde Wagner (Petra Schmidt-Schaller) und Isoldes Ehemann, der Dirigent Franz Beidler (Felix Klare).

München - Sie sind Mutter und Sohn, Schauspielerin und Produzent – und ein eingespieltes Team. Iris (63) und Oliver Berben (42) stehen für viele Erfolgsgeschichten im deutschen Fernsehen.

Besser spät als nie, mag man sich beim ZDF gedacht haben: Denn der 200. Geburtstag Richard Wagners war zwar schon 2013, das große TV-Ereignis zum Thema kommt aber erst jetzt. Der Wagner-Clan (Buch: Kai Hafemeister, Regie: Christiane Balthasar) ist eine opulent gefilmte und hochkarätig besetzte TV-Saga. Fesselnd, hochspannend, leidenschaftlich und sehr unterhaltsam. Der Film beginnt mit dem Tod Richards 1883 und erzählt die Familiengeschichte aus der Sicht seiner Erben, allen voran seiner Witwe Cosima, die ihre drei Kinder Isolde, Eva und Siegfried brachial einschwört: „Euer Leben hat Richard Wagner zu gehören!“ Was folgt, sind Intrigen, Skandale, Liebschaften. Drama pur.

"Der Wagner-Clan": Experte beurteilt ZDF-Film

Sie sind Mutter und Sohn, Schauspielerin und Produzent – und ein eingespieltes Team. Iris (63) und Oliver Berben (42) stehen für viele Erfolgsgeschichten im deutschen Fernsehen. „Es macht uns riesengroßen Spaß, miteinander zu arbeiten“, sagt er. Und sie erklärt: „Es funktioniert deswegen so gut, weil wir sehr eigenständige Menschen sind. Jeder macht seine Sachen.“ Neben vielen anderen Dingen verbindet die beiden die Leidenschaft für den Film. Das neueste Projekt aus dem Hause Berben ist Der Wagner-Clan. Eine Familiengeschichte. Wir trafen Iris und Oliver Berben in München zum Interview.

Frau Berben, wir haben in unserem Bildarchiv gestöbert und kein einziges Foto gefunden, das Sie bei einer Premiere auf dem Grünen Hügel zeigt. Sie gehören nicht zu den Prominenten, die regelmäßig nach Bayreuth pilgern, stimmt’s?

Iris Berben (lacht): Nein. Ich hatte tatsächlich bereits zwei Einladungen zu Premieren, die ich aber nicht wahrnehmen konnte. Ich gebe aber zu: Ich würde sehr gerne mal nach Bayreuth, vielleicht lieber nicht zu einer Premiere.

Was stört Sie? Die Show drumherum?

Iris Berben:  Ich gehe auch kaum zu Kinopremieren, weil man danach immer gleich ein Mikrofon unter die Nase gehalten bekommt. Ich finde, man muss einen Film oder eine Oper erst einmal sacken lassen, man muss das, was man gesehen hat, auf sich wirken lassen. Und das geht besser, wenn man nicht beobachtet wird.

Hatten Sie denn – schon vor diesem Filmprojekt – einen Bezug zu Wagner?

Iris Berben: Mein Stiefvater war Musiker an der Hamburger Staatsoper, ich bin also mit klassischer Musik aufgewachsen, und Wagner war mir immer ein Begriff. Ich persönlich habe allerdings andere Leidenschaften. Verdi und Beethoven sind mehr meine Gefühlswelt, auch Schubert. Insofern musste ich mich auch erst rantasten an die Familiengeschichte von Richard Wagner und an die, sagen wir, Unstimmigkeiten in der Familie.

Ihr Film, Herr Berben, ist der erste deutsche Fernsehfilm über die Familie Wagner. Was hat Sie an diesem Stoff gereizt?

Oliver Berben: Unsere Idee war es vor allem, die Geschichte etwas anders zu erzählen als ein klassisches Bio-Pic. Nicht linear und streng chronologisch, sondern wir schauen posthum auf das Leben Richard Wagners. Der Film beginnt mit seinem Tod in Venedig 1883.

Haben Sie die Nachkommen von Richard Wagner in den Film eingebunden? Auf dem Grünen Hügel durften Sie zum Beispiel nicht drehen...

Oliver Berben: Wir haben mit einigen gesprochen. Und in der Dokumentation, die im Anschluss an den Film laufen wird, kommen auch zwei Familienmitglieder zu Wort. Aber letztlich muss man wissen: Die Familie Wagner ist sehr groß. Einige Mitglieder möchten nicht über ihre Familie reden. Das ist zu akzeptieren. Wir haben uns in der Recherche sehr darauf konzentriert, die wahren Begebenheiten so zu erzählen, wie sie sind, gestützt auf mehrere Biografien. Natürlich sind manche Sachen zugespitzt, manche verkürzt und verdichtet dargestellt. Das liegt in der Natur eines Films.

Frau Berben, Sie spielen Cosima, Richard Wagners Ehefrau. Sie ist eine eiskalte, berechnende, sehr egoistische Frau, eben die Herrin des Hügels. Gibt es irgendetwas, was Ihnen diese Figur sympathisch macht?

Iris Berben: Ich finde, dass sie in einer sehr frühen Zeit sehr emanzipatorisch war. Sie lebte in einer Männerwelt, aber sie hielt dem stand. Für ihre Zeit war sie eine sehr kraftvolle, sehr eigenständige, sehr selbstbestimmte Frau. Und das macht sie zu einem positiven Menschen. Aber man muss natürlich auch sagen – der Preis, den sie dafür bereit ist zu zahlen, überdeckt jede Form der Emanzipation. Dass sie in ihren Kindern Werkzeuge sah und nicht deren eigene Leidenschaften und Talente – das ist auf eine brachiale Weise egoman.

Stand Ihre Mutter eigentlich von Anfang an auf Ihrer Besetzungsliste für die Rolle der Cosima?

Oliver Berben: Es gab verschiedene Ideen für die Rolle, und es gab auch viele Schauspielerinnen, die die Rolle gerne gespielt hätten (lacht). Aber, doch, es ist so: Iris stand schon recht früh fest.

Iris Berben: Wobei ich finde, dass die Besetzung insgesamt ganz großartig ist. Lars Eidinger, Petra Schmidt-Schaller, Heino Ferch – das sind alles ganz kraftvolle Kollegen.

Haben Sie lange gesucht, bis das Team stand?

Oliver Berben: Ja, das Casting war neben dem Drehbuch die größte Herausforderung bei diesem Film. Wir haben eineinhalb Monate gecastet. Es ging uns vor allem darum festzustellen, ob die Schauspieler zusammenpassen. Lars Eidinger als Siegfried und Vladimir Burlakov als sein Geliebter zum Beispiel. Liebesszenen zwischen zwei Männern können auch ganz schnell „gespielt“ aussehen im Film. Sie brauchen da zwei Darsteller auf gleicher Wellenlänge.

Im Film wird an verschiedenen Stellen klar, dass die Wagners Antisemiten waren. Was nicht klar wird, ist die Tatsache, dass die Familie Wagner über viele Jahre engste Verbindungen zu Hitler pflegte. Warum zeigen Sie das nicht?

Oliver Berben: Sie müssen sich entscheiden, welchen Zeitraum dieser großen Geschichte Sie erzählen wollen. Wir haben den Fokus auf die Familie gelegt, auf Cosima und die Kinder. Auch wollte ich Hitler nicht besetzen müssen. Er kommt bei uns am Ende des Films vor, als er Siegfried und seine Familie besucht. Er steht vor der Tür, man sieht ihn nur schemenhaft, und Winifred, Siegfrieds Frau, sagt: „Onkel Wolf ist da.“ So haben sie Hitler genannt. Damit ist klar, was dann kommt, wir sind schließlich im Jahr 1930.

Iris Berben: Es ist außerdem auch so: Der Antisemitismus der 1920er-Jahre hat mit dem eigentlichen Nationalsozialismus noch gar nichts zu tun. Der Antisemitismus der Familie Wagner war gesellschaftlich verbreitet. Es war, wenn man so will, ein akzeptierter Antisemitismus. Aber sicher: Die Frage, wie es nach dem Tod Cosimas weiterging, werden sich bestimmt viele Zuschauer stellen. Und mir haben tatsächlich auch viele Menschen, die den Film bereits gesehen haben, gesagt, dass sie nach dem Film gerne noch mehr über die Geschichte der Familie erfahren möchten. Ich finde, das ist doch ein schönes Kompliment für einen Film.

"Der Wagner-Clan", Sonntag, 20.15 Uhr, ZDF

Interview: Stefanie Thyssen

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