tz-Serie: Geschichten aus der Altstadt

Zentraler geht es nicht: Wohnen im Herzen der Stadt

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Thomas und Claudia T. haben eine Wohnung mit 40 m2-Terrasse in der Kaufingerstraße.

Grünwald und Bogenhausen waren gestern, heute zieht es die Reichen mitten in die City.

Privatiers, die unter der Woche in ihrer Villa am Starnberger See wohnen, wünschen sich eine Wochenendwohnung an der Oper. Junge, erfolgreiche Geschäftsleute wollen zu Fuß ins Büro gehen. „Wir haben eine ellenlange Liste vorgemerkter Kunden“, sagt Christian Maas vom Immobilienbüro Duken & Wangenheim. Weil die Wohnungen hier aber ohnehin rar gesät sind – von 100 Objekten bei Wangenheim sind etwa fünf in der Altstadt – schießen die Preise seit einigen Jahren in die Höhe. Noch vor zehn Jahren habe der Quadratmeterpreis für hochwertige Immobilien etwa 15 Euro betragen, heute sind 19 oder 20 Euro keine Seltenheit mehr.

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Das Statistische Amt München hat im Jahr 2000 das letzte Mal nachgezählt: 5637 Wohnungen gab es in der Altstadt, darin lebten 9631 Menschen. Wegen der vielen denkmalgeschützten Gebäude und dem Platzmangel kamen aber seither kaum neue Wohnungen dazu. Die tz hat ein Pärchen und eine junge Frau gefunden, die eine Wohnung im begehrten Viertel ergattert haben. Außerdem stellen wir eine Luxus-Wohnung mitten im Alten Hof vor, die noch einen Käufer sucht.

In der Fußgängerzone

Die kleine Nachtmusik können Thomas (38) und Claudia T. (37) nicht mehr hören. Aber wenn ein Straßenmusikant andere Klassik-Lieder oder mal Jazz spielt, dann setzen sich die beiden auf ihre Dachterrasse, machen eine Flasche Rotwein auf und genießen ihr eigenes Hauskonzert.

Der Bank-Teamleiter und die Pressesprecherin wohnen über den Dächern der Altstadt – direkt in der Fußgängerzone. Tagsüber bemerken die Passanten gar nicht, dass da oben im fünften Stock jemand wohnt – die Schaufenster am Boden sind viel spannender. Nur nachts, wenn Thomas und Claudia die Fackeln anzünden, deuten die Leute von unten auf ihre Terrasse. „Ich habe früher auch nicht gewusst, dass man hier zwischen den Praxen und Läden überhaupt wohnen kann.“

Man kann. Zwar ist die Miete nicht ganz billig, aber das ist es dem Ehepaar wert. „Der Trubel stört uns nicht. Ist doch besser als das Autogehupe, wenn man an einer Straße wohnt. Außerdem sind wir tagsüber eh beim Arbeiten.“ Abends, wenn die beiden heimkommen, genießen sie die Münchner Altstadt. „Nur hier ist das Zentrum noch so traditionell – irgendwie dörflich.“ Weil die Gassen so eng sind, konnten die beiden gebürtigen Münchner schnell Kontakt zu den Nachbarn in den Nebenhäusern schließen, als sie vor einem Jahr hier einzogen. „Die Häuser sind so eng beieinander, dass wir uns von ihrem Balkon oder ihrem Fenster zu unserer Terrasse hinweg unterhalten können.“

Gibt es denn gar nichts, was hier stört? Na ja, sagen die beiden augenzwinkernd: „Ein paar Bäume in der Fußgängerzone wären nicht schlecht – so wie in südlichen Ländern.“ Der andere Wunsch geht an die Stadtinformation, die die Straßenmusikanten auswählt: „Bitte prüfen Sie, ob die Musiker mehr im Repertoire haben als die kleine Nachtmusik.“

Am Rindermarkt für 700 €

Andrea Schulte (35) hatte wenig Hoffnung vor zehn Jahren: Eben erst hatte sie die Uni in Berlin verlassen, dann die Job-Zusage in München. Nun musste schnell eine Wohnung her – und das im teuren München, bei einem Einstiegsgehalt! Nie hätte sie gedacht, dass sie so ein Glück haben würde …

Ein Freund hatte ihr den Tipp gegeben, bei den Annoncen unter „Penthouse-Wohnungen“ nachzusehen. Sie hatte nur gelacht. Dann aber doch reingeschaut. Und siehe da: Unter den Luxus-Wohnungen ab 1500 Euro Miete aufwärts versteckte sich eine Dachterrassen-Wohnung für 700 Euro warm.

Zwei Wochen später war sie stolze Mieterin einer Zwei-Zimmer-Wohnung über dem Rindermarkt mit 16-Quadratmeter Dachterrasse. Was das bedeutet, wurde ihr erst im Laufe der Jahre bewusst: „Wenn ich draußen liege und die Sicht gut ist, sehe ich die Berge. Und einen Blick auf den Alten Peter habe ich immer.“ Die Besucher auf dem Turm sehen sie leider auch. Deshalb zieht sich die Unternehmensberaterin zum Sonnen in die hinterste Ecke in den toten Winkel zurück.

„Ich kann nachts auf der Terrasse feiern – drumrum sind fast nur Büros und Geschäfte.“ Gewöhnungsbedürftig ist die Wohnung für Gäste: „Die fallen morgens fast aus dem Bett, weil überall Glocken läuten.“ Sie selbst hört die kaum mehr.

„Die Liste der Anwärter, die Nachmieter werden wollen, ist lang. Aber den Gefallen tue ich ihnen nicht.“

Pendeln in die Altstadt

Kaum einer, der in der Altstadt arbeitet, wohnt auch hier: 450 000 Menschen fahren täglich nach München zur Arbeit, ein großer Teil davon in die Altstadt. Wie Rechtsanwalt Marc Vendolsky (32) aus Pfarrkirchen in Niederbayern: 160 Kilometer liegen zwischen seinem Wohnort und seiner Arbeitsstelle am Viktualienmarkt. Die tägliche Fahrtzeit von fast zwei Stunden nimmt der zweifache Familienvater in Kauf: „Meine Kinder sollen in der Natur aufwachsen. Ein Haus mit Garten kriegen wir in der Altstadt nicht – und etwas Vergleichbares wäre hier unbezahlbar!“

Der Marienplatz gilt in München als die meistfrequentierte Haltestelle: Die S-Bahn verzeichnet hier täglich 170 000 Ein- und Aussteiger, bei der U-Bahn sind es noch mal so viele. Die Hauptverkehrszeiten sind morgens zwischen 6 und 9 Uhr. Die S-Bahn-Stammstrecke in München gehört sogar zu den meist befahrenen Eisenbahnstrecken in ganz Europa!

Wohnen wie der Kaiser – für 3,95 Millionen Euro

Schon im Jahr 1253 ist der Alte Hof urkundlich erwähnt worden. Damit ist die „Ludwigsburg“, wie sie bis 1827 hieß, eines der ältesten Gebäude Münchens. Vom 13. bis zum 15. Jahrhundert diente es als Residenz der Wittelsbacher. Elfie Zuber vom Münchner Institut Bavaricum berichtet in ihrem Buch „Das Graggenauer Viertel“, dass südlich des Torturms ein Eckhaus stand, in dem zur Zeit der Wittelsbacher die fürstlichen Löwenwärter wohnten und ein Löwenstall untergebracht war. Die Herrscherfamilie schätzte es, ihr Wappentier als Haustier zu halten. Albrecht V. soll mit seinem Löwen wie mit einem Hund durch die Stadt spazieren gegangen sein.

Nach der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg wurden die zwei denkmalpflegerisch wertvollsten Trakte vom Freistaat 2003 wiederhergestellt, die drei anderen sogenannten Stöcke übertrug der Staat der Bayerischen Hausbau im Erbbaurecht. Bis 2006 entstanden hier unter anderem 48 Wohnungen. Im Brunnenstock, wo sich heute auch die rechts beschriebene Nobelwohnung befindet, gab es bis zum 16. Jahrhundert u. a. ein Hofbad, ein Hennenhaus und Stallungen. Von unten kaum zu sehen, residieren hier nun die, die sich bis zu 11 000 Euro pro Quadratmeter leisten können.

Es ist wohl das exklusivste Wohnobjekt in der Altstadt, das aktuell auf dem Markt ist: ein Sechs-Zimmer-Penthouse mit 290 Quadratmetern Wohnfläche, mitten im Alten Hof – für 3,95 Millionen Euro!

Immobilienmakler Constantin Graf von Preysing von Engel & Völkers bezeichnet sie als das „Sahnestückchen“ unter den neuen Wohnungen hier. Über den vierten und fünften Stock verteilt hat sie vier Schlafzimmer, zwei Terrassen und einen Balkon. Der Boden ist aus Walnussholz, an den beiden Treppen führen Glaswände entlang. Wie in den Trend-Hotels in New York ist in einem der Schlafzimmer das Bad integriert. Kann sich das überhaupt jemand leisten? Von Preysing: „Es gibt konkrete Interessenten. Wir rechnen damit, dass wir das Objekt Ende August verkauft haben werden.“

Quelle: tz

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