"Ich bin ein Glückspilz!"

Wie Zuhal (47) zwei Erbeben überlebte

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Zuhal und ihre erste Bergtour: Für die BR-Sendung „Gipfeltreffen“ machte sich Werner Schmidbauer auf den 1645 Meter hohen Vorderen Rauschberg oberhalb von Ruhpolding

München - Zuhal Soyhan (47) sitzt im Rollstuhl, musste über 100 Knochenbrüche aushalten, wurde zweimal Opfer eines Erdbebens. Doch sie sagt über sich: "Ich bin ein Glückspilz!"

Es hilft nicht, sich über die schlechten Karten zu beklagen, die einem das Leben so bereithält, meint Zuhal Soyhan (47). „Entscheidend ist, dass du auch mit einem miesen Blatt gut spielst.“ Das Spiel des Lebens meinte es alles andere als gut mit ihr, doch heute sagt sie: „Ich bin ein Glückspilz!“ Ein Glückspilz, der im Rollstuhl sitzt, über 100 Knochenbrüche aushalten musste, der zweimal Opfer eines Erdbebens geworden ist. Eine Frau, die nur 1,30 Meter klein ist und jetzt ihren Mann fürs Leben gefunden hat.

Nur ein Schluck Bier am Gipfel, schließlich muss Zuhal Soyhan später noch Autofahren

„Sie ist energisch, selbstbewusst und mich beeindruckt, wie gewitzt sie ist“, sagt Axel Mössinger (50) und schaut stolz rüber zu seiner Frau. Am 7. Juli 2012 haben die beiden geheiratet. Sie ist erfolgreiche Journalistin beim BR (Wir in Bayern) in München, er arbeitet in Stuttgart als Disponent. „Wir sind ein ganz normales Paar mit Fernbeziehung“, sagt Zuhal. „Nur dass ich behindert bin und Axel nicht.“ Für ihn ist sie viel auf der Straße. „Wegen ihm muss ich jetzt immer nach Schwaben düsen“, erzählt Zuhal und lacht. Mit dem eigenen Auto natürlich. Ein Kombi, in den sie selbst einsteigen und den sie selbst steuern kann. „Ich will unabhängig sein. Meine Krankheit ist nichts Besonderes. Anderen Leuten ist viel Schlimmeres passiert“, glaubt die 47-Jährige. Bemerkenswerte Worte, denn von ihren Eltern ist sie bereits für die Beerdigung hergerichtet worden. „Doch dann habe ich die Augen aufgeschlagen und mir gesagt: ‚Nein, das kann es noch nicht gewesen sein!‘“ Zuhal war da drei Jahre alt.

Zuhal und ihr Vater: Drei Jahre am Stück war sie in der Klinik

In einem kleinen türkischen Dorf am Schwarzen Meer bebt 1969 die Erde. Das kleine Mädchen wird verschüttet und kann erst nach sieben Stunden befreit werden. Mit deformierten Knochen, leblos. Doch Zuhal kommt wieder zu sich, die Ärzte in der Türkei erkennen jedoch nicht, dass die Brüche nicht nur vom Erdbeben stammen können. Ihre Tante aus Deutschland holt sie nach München. An der Orthopädischen Klinik Harlaching die Schock-Diagnose: Zuhal leidet an der Glasknochenkrankheit. Ein unheilbarer Gendefekt, bei dem kleine Kinder noch laufen können, aber später meist im Rollstuhl sitzen. „Ich war drei Jahre auf der Station, wahrscheinlich, weil sie nicht wussten, wohin mit mir.“

Zuhal und ihr Mann: Am 7.7.2012 heiratete sie ihren Axel

Zuhal lernt Deutsch, geht später zur Schule, doch bei den geringsten Erschütterungen brechen die Knochen. „Erst nach der Pubertät werden sie stabiler“, erklärt sie. Zuhal ist jetzt eine Frau, mit ganz normalen Bedürfnissen und Sehnsüchten. „Aber ich bin jemand, auf den die Männer nicht grad abfahren“, sagt sie heute mit einer gehörigen Portion Selbstironie. Als 18-Jährige sieht es in ihrem Herzen anders aus. Doch irgendwann hat sie sich gedacht: „Entweder du machst jetzt Schluss oder du machst jetzt was aus deinem Schicksal.“

Ihr Lebensmut besiegt die traurigen Gefühle. Sie probiert es bei der Deutschen Journalistenschule. „Dass ich dort keine Chance habe, war von vornherein klar. Also habe ich mich beworben.“ Zuhal wird genommen und ist heute beim BR tätig. Als Redakteurin in Vollzeit natürlich verdient sie ihren Lebensunterhalt. „Das gibt mir Freiheit, ich will nicht dem Staat auf der Tasche liegen.“ Doch 1999 besucht sie ihre Verwandtschaft in der Türkei. Wieder bebt die Erde, 20 000 Tote, Verwandte sterben, Zuhal überlebt wieder, doch der Schock raubt ihr sechs Wochen die Sprache. Zuhal kämpft sich wieder zurück.

Ihre Lebensgeschichte hat sie in einem Buch niedergeschrieben. Ungebrochen hat es die Frau mit den Glasknochen genannt (Patmos-Verlag, 19,90 Euro), seit Februar 2012 ist es auf dem Markt. Doch erst ein paar Monate später schreibt das Leben das schönste Kapitel hinzu. Die Hochzeit mit Axel. Sechs Jahre sind die beiden ein Paar. Wenn Bekannte ihn zum ersten Mal sehen, entgegnet sie gerne den überraschten Blicken: „Da schaust, der ist ja ganz normal und gar ned behindert!“ Zuhal hat sich durchgekämpft, heute sagt sie: „Vielleicht waren alle Stationen notwendig, um das zu werden, was ich bin.“

BR-Bergsteiger Werner Schmidbauer (52) hat sie jetzt rauf auf den Rauschberg (1645 m) geschoben. „Vielleicht war das das beeindruckendste meiner 60 Gipfeltreffen“, schwärmt er. Während er sich mit Zuhal im Rollstuhl über Stock und Stein schindet, erzählt sie ihre Lebensgeschichte. Heiter und ernst, nachdenklich und fröhlich.

Oben am Gipfel fragt Schmidbauer, was sie zur Brotzeit mag. „Wasser oder Bier?“ Zuhal schaut ihn entgeistert an. „A Bier mag i jetzt! Aber nur einen Schluck, ich muss ja nachher noch Autofahren.“

Stefan Dorner

 

„Gipfeltreffen“ im BR: Ostermontag, 1. April, 18 Uhr

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