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Es passiert mitten in München

Zwangsprostitution: Hier spricht ein Opfer

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Zwangsprostituierte erleben die Hölle

München - Dass Mädchen in Deutschland zur Prostitution gezwungen werden, ist kein Einzelfall. Die tz sprach mit Schwerster Lea Ackermann, die Betroffene betreut - zudem erzählt eine Zwangsprostituierte ihre Geschichte.

Die Männer, die eine 18-jährige Rumänin unter falschen Versprechungen nach München gelockt haben und sie hier zwangen, sich zu prostituieren, schweigen eisern. Wie vielen Mädchen sie Leid zufügten, werden wir vielleicht nie erfahren. Aber: Gott sei Dank wurden sie jetzt gefasst. Schwester Lea Ackermann ist die Gründerin der Hilfsorganisation Solwodi. „Zwangsprostitution und Menschenhandel sind Tabuthemen. Keiner will etwas gesehen haben“, sagt die 75-Jährige. Deshalb sei es für die Polizei schwierig, die Täter zu finden. Und die Freier? Die würden es meistens nicht merken, wenn sie bei einer Zwangsprostituierten sind. „Den Mädchen wird Schreckliches angedroht, damit sie schweigen.“ Die tz sprach mit Missionsschwester Lea Ackermann, die heuer das große Verdienstkreuz erhalten hat. Außerdem erzählt eine 15-jährige Zwangsprostituierte, die bei Solwodi in München Hilfe fand, ihre Geschichte.

Susanne Sasse

Hier spricht ein Opfer

Bei ihrer Geburt gaben ihr ihre Eltern den Namen Sunshine, übersetzt „Sonnenschein“. Aber für die 15-jährige Nigerianerin wurde der Name nicht Programm — im Gegenteil. Statt Sonnenschein erlitt Sunshine in Europa viel Leid. Alles fing damit an, dass sich ihre Eltern in Afrika immer mehr verschuldeten. „Der Busfahrer, der zwischen unserem Dorf und der Stadt pendelte, erzählte, dass in Europa junge Mädchen als Altenpflegerinnen gesucht werden und ich dort viel Geld für meine Familie verdienen könnte“, erzählt Sunshine.

Sie traute sich zu, die Verantwortung für die Familie zu übernehmen — obwohl sie damals erst 13 war — und fuhr mit. In der Stadt traf sie auf zwei Frauen, denen sie vertraute. Sie vollführten mit ihr einen sogenannten Juju-Zauber, schnitten ihr ein paar Haarsträhnen ab und taten sie in eine Schachtel.

„Ich musste versprechen, dass ich nie erzählen werde, was mit mir passiert, sonst kommen meine kleinen Geschwister und ich in Gefahr“, sagt Sunshine. Die Frauen ­gaben vor, über die Haare jederzeit Zugriff auf Sunshines Körper zu haben und sie durch Zauber über Kontinente hinweg krank machen zu können. Sunshine hatte Angst und gehorchte, ertrug das Leid, das ihr fremde Männer zufügten. Bis sie ausriss und von der Münchner Polizei zur Hilfsorganisation Solvodi ­gebracht wurde, die sich für sexuell ausgebeutete Frauen einsetzt.

In der Obhut von Solvodi darf Sunshine jetzt lesen und schreiben lernen. Zumindest, solange sie der Polizei bei der Suche nach den Menschenhändlern helfen kann, wird sie nicht abgeschoben.

In München gibt es noch mehrere Mädchen wie Sunshine: Das Bundesamt für Migration bündelt hier die Fälle von Afrikanerinnen, die ohne Aufenthaltserlaubnis in Deutschland aufgegriffen werden.

Sie hilft den Mädchen

Gefügig gemacht durch Gewalt, Drohung und Zauberei — so verrückt sich Sun­shines Geschichte (siehe oben) für uns anhört: Sie ist kein Einzelfall, sagt Schwester Lea Ackermann (75). „Tausende von Mädchen von überall aus der Welt werden wie Sunshine in Europa von Stadt zu Stadt gekarrt, weil Freier nach Frischfleisch verlangen“, sagt sie. Die Geistliche ging nach dem Studium in München in die Entwicklungshilfe und gründete vor 28 Jahren die Hilfsorganisation Solwodi. Sie setzt sich für Frauen ein, die durch Zwangsprostitution und Zwangsheirat in Not gerieten.

„Ich musste helfen, weil ich unvorstellbar grausame Dinge gesehen habe“, sagt Ackermann. Nicht nur in Afrika, auch mitten in München: Mädchen aus Osteuropa oder Afrika werden gezwungen, an einem Samstagabend 20 bis 25 Freier zu bedienen. „Manchmal gelingt es einer, abzuhauen. Und wenn sie Glück hat, findet sie zu uns“, erläutert die Geistliche.

Fast alle osteuropäische Mädchen halten sich legal in Deutschland auf – im Gegensatz zu den Zwangs-Prostituierten aus Afrika. Denen droht die Abschiebung. „Das trifft mich ganz besonders, man sollte ihnen eine Chance geben“, betont die Helferin. Manche heiraten für eine Aufenthaltserlaubnis — und machen sich damit erneut erpressbar.

154 Frauen baten heuer bei Solwodi in der Beratungsstelle (Dachauer Straße 50 (Tel. 089 / 27 27 58 59) um Hilfe. Deutschlandweit waren es 1772 Migrantinnen. Aber die Dunkelziffer von Zwangsprostituierten ist weit höher, schätzt Lea Ackermann.

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