Foto Reiter und die Sammlung Holzinger schließen

Nach 40 Jahren: Aus für zwei Münchner Institutionen

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Heinz Reiter schließt im März seinen Laden.

München - Foto Reiter, dieser kleine Laden auf der Rückseite des Rathauses, atmete Münchner Geschichte und G’schichten. Jetzt ist nach über 40 Jahren Schluss - ebenso wie beim Privatmuseum Holzinger im Hofgarten.

Was passiert, wenn einer Stadt wie München, die so an ihrer Tradition hängt, schleichend, Schritt für Schritt, die Identität verlorengeht? Wenn Institutionen, die jeder kennt, nach und nach verschwinden? Was bleibt dann vom Selbstverständnis einer Stadt, die zwar groß scheint, aber dennoch ein gemütliches Dorf geblieben ist? Foto Reiter, dieser kleine Laden auf der Rückseite des Rathauses, atmete Münchner Geschichte und G’schichten – nun ist am 31. März nach 44 Jahren Schluss.

„Einige Kunden haben gemeint: Jetzt hör ich auf zu fotografieren!“, sagt Inhaber Heinz Reiter. In einer Zeit, in der jeder Elektromarkt Fotoapparate verscherbelt, wirkte sein „Individuellfotodigitalvideofachgeschäft“ schrullig – jedoch auch angenehm aus der Zeit gefallen. „Aber jetzt reicht’s. Ich kann hier ja nicht stehen, bis ich umfalle“, sagt der 72-Jährige.

1971 hat Reiter den Laden gegründet, jung, ohne viel Geld, blauäugig, aber „irgendwie auch mutig“, wie er es beschreibt. Schnell kamen die ganz Großen in den kleinen Laden am Marienplatz: Schauspieler, Politiker, Sportler und sogar angehende Staatspräsidenten, wie der Indonesier Bacharuddin Jusuf Habibie. „Ein Leica-Fan. Immer, wenn ein neues Modell reinkam, einmal silbern, einmal schwarz, hat er mal eben beide gekauft“, erinnert sich Reiter. Doch eines war ihm stets wichtig: Seinen Kunden, auch wenn sie noch so reich waren, niemals das Geld aus der Tasche zu ziehen. „Wenn da ein Anfänger eine Profi-Kamera für 5000 Mark wollte, blieb ich anständig. Dann hab ich ihm ein preiswerteres Modell verkauft!“

Der Kaiser zu Besuch: Franz Beckenbauer gibt Autogramme.

An einen erinnert sich Reiter besonders gern: Kaiser Franz höchstpersönlich. „Der Beckenbauer war selber ein ganz Anständiger. Hat hier 1974 eine Autogrammstunde gegeben und mir damit sehr geholfen.“ Meterweit standen die Menschen damals Schlange vor seinem Laden, sogar die Polizei rückte an, um den Ansturm zu bändigen. Auch den unzähligen Touristen stand Reiter zur Seite: „Denen habe ich die Technik erklärt, anderen die Kamera aufgeladen. Die ganze Welt war zu Besuch!“

Aus und vorbei. Reiter betont: „Daran waren nicht die Stadt oder horrende Preise schuld. Ich bin zu alt.“ Jung genug scheinbar, um nun endlich sein Golf-Handicap zu verbessern. Wünsche für die Zukunft? Zwei Dinge: Dass ein Junger seinen Laden übernimmt: „Sonst geht München wirklich etwas verloren.“ Und eine Partie Golf: gegen den Kaiser höchstpersönlich.

"In München sind wir wirklich der Letzte"

Hans Holzinger in seiner Kunstsammlung, die bald schließt.

Alles begann 1974 mit einem Satz von Gunter Sachs: „Herr Holzinger, sammeln Sie, was noch keiner sammelt und was Sie sich als Buchdrucker auch leisten können.“ Und Holzinger Senior fing an zu sammeln. Und zwar Laienkunst. „Das sind Bilder und Gemälde von ungelernten Malern. Vom 85-jährigen Müllkutscher bis zum 27-jährigen Elektriker“, erzählt Hans Holzinger (74), der Sohn des Gründers. Den Ausstellungsraum im Hofgarten übernahm der Sohn 1997 vom Vater, jetzt gehen auch hier Ende März nach über 40 Jahren die Lichter aus.

„Die Galeriestraße hat sich sehr verändert. Heute ist das eine reine Straße zum Parken, die Menschen laufen unaufmerksam an unserem Laden vorbei“, sagt Holzinger. Seit zehn Jahren habe das Geschäft deshalb nichts mehr abgeworfen. Dabei war das kleine Privatmuseum eines der letzten seiner Art. Holzinger: „Für viele Laienkünstler, Sammler und Galerien war hier ein Ort des Entdeckens und Entdecktwerdens. Nun schließt mit uns einer der letzten Orte in Europa, an dem auch ungelernte Künstler ihre Werke präsentieren konnten. In München sind wir wirklich der Letzte.“

Keine leichte Entscheidung für Holzinger. Auch ein wenig Wut schwingt mit: „Die Stadtoberen waren stets hochnäsig gegenüber dieser Kunstform.“ Jetzt brauchen sie sich darum nicht mehr zu kümmern.

Tobias Scharnagl

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