Das Starkbier-Duell

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Doppeltes Derblecken: Django Asül (l.) zieht die Polit-Prominenz im Hofbräuhaus durch den Kakao, Luise Kinseher auf dem Nockherberg.

München - Starkes Bier und starke Sprüche – das gab’s bisher nur am Nockherberg. Doch die Konkurrenz ist jetzt aufgewacht. Immer mehr Brauereien drängen mit ihrem Starkbieranstich in die Öffentlichkeit.

Der Grund ist einfach: Der Werbeeffekt ist unbezahlbar.

Der „Fonsi“ hat gerade ordentlich ausgeteilt: gegen Wulff, gegen Seehofer, gegen Ude. Es war eine heftige Starkbierrede, teilweise nahe an der Gürtellinie. Jetzt lehnt der ewig nörgelnde Kassierer aus Schloss Neuschwanstein – alias Christian Springer – an der Bar direkt neben der Bühne im Münchner Löwenbräukeller. Er trägt noch die blaue Uniform, schwitzt unter der Schiebermütze. Der Wirt Christian Schottenhamel beugt sich zu ihm, während die Fotografen noch Bilder von den beiden machen. „Hat wunderbar gepasst“, flüstert Schottenhamel. „Wir haben ja gesagt, wir machen’s gar nicht politisch.“ Schottenhamel grinst spitzbübisch. Denn eines war die Rede ganz sicher nicht: unpolitisch.

"Mir ist wurscht, ob Seehofer kommt"

Dem schon etwas bierseligen Publikum im Löwenbräukeller hat es gefallen, sie haben gebuht, gejohlt, geklatscht. Es war ein bisschen wie früher, als Christian Springer noch die Fastenrede mit Michael Lerchenberg schreiben durfte, die jener dann auf dem Nockherberg vortrug – vor Millionen Fernsehzuschauern. 2010 war Schluss: Die beiden mussten gehen, nachdem sie sich im Ton vergriffen hatten.

Christian Schottenhamel witterte damals seine Chance – und engagierte Springer. Zum zweiten Mal stieg heuer „Fonsis Starkbieranstich“ im Löwenbräukeller. „Bei uns hat der Fonsi Redefreiheit“, sagt Schottenhamel und grinst wieder. Ein Seitenhieb auf die Kollegen vom Nockherberg. „Für mich ist die Rede auch eine Überraschung“, beteuert er. Das Ziel ist jedenfalls klar: Der Nockherberg soll Konkurrenz bekommen. Und das gleich von mehreren Seiten.

Noch wird tiefgestapelt. „Es geht nicht um Konkurrenz, wir verstehen uns als münchnerische Ergänzung“, sagt Schottenhamel. Springer stimmt zu. „Ich war ja am Nockherberg, daher weiß ich, wie singulär das Derblecken dort ist.“ Er wolle eher den Starkbieranstich bei Löwenbräu wiederbeleben und verjüngen. „Mir ist wurscht, ob der Ministerpräsident kommt oder nicht.“

Noch sitzen Horst Seehofer und seine Minister nicht bei Löwenbräu in der ersten Reihe. Schottenhamel gibt sich da lässig: „Wir rollen keinen roten Teppich aus, bei uns macht den Charme auch aus, dass jeder kommen kann.“

Bei Hofbräu ist man schon weiter. „Der mächtigste Mann Bayerns kommt heute: Uli Hoeneß“, witzelte Kabarettist Django Asül vergangenes Jahr beim Maibockanstich der Brauerei. Da lachte auch Seehofer und lobte nach der Rede: „Das war das Highlight in diesem Jahr.“ Der Ministerpräsident muss es wissen, schließlich war er nur Wochen zuvor auch auf dem Nockherberg derbleckt worden.

„Der Django zieht“, sagt Stefan Hempl von Hofbräu, „der lockt auch die Polit-Prominenz an.“ Die Staatsbrauerei hat dem Nockherberg still und leise den Kampf angesagt. Als Django Asül 2008 nach seiner Premiere beim Paulaner-Derblecken nicht mehr eingeladen wurde, griff Hofbräu zu. Zwar gibt es den Maibockanstich im Hofbräuhaus schon seit 1871, aber er fristete bis vor wenigen Jahren ein Schattendasein. Statt einem Kabarettisten hielt Finanzminister Kurt Faltlhauser jahrelang selbst die Starkbierrede. Auch wenn Hempl beteuert, es seien „begnadete Reden“ gewesen – der Nockherberg schien übermächtig.

Das hat sich geändert: Voriges Jahr, nach Asüls drittem Maibock-Auftritt, fand nicht nur Seehofer, dass der Niederbayer deutlich besser war als Luise Kinseher, seine Nach-Nachfolgerin auf dem Nockherberg. Offiziell will auch Hofbräu keinen Wettbewerb erkennen. „Wir möchten keinen Vergleich mit dem Nockherberg“, sagt Hempl, „jede Veranstaltung hat ihren eigenen Charme.“ Aber er fragt auch: „Wo passt ein politisches Kabarett besser hin als in eine staatliche Brauerei?“

Die einzige Münchner Brauerei, die sich bisher raushält, ist Augustiner. Obwohl auch sie seit Jahren einen Starkbieranstich hat. Wirte-Legende Richard Süßmeier hält die Rede. „Bei uns sieht das ein bisschen anders aus“, sagt Brauerei-Chef Jannik Inselkammer. „Im Vordergrund steht der Augustinerkeller, der das für seine Stammgäste veranstaltet.“ Politprominenz werde nicht gezielt eingeladen, an eine Fernsehübertragung habe man nie gedacht.

Das Kräftemessen der Brauer ist nicht unbemerkt geblieben. In der ersten Reihe im Löwenbräukeller sitzt an diesem Abend die scheidende Oktoberfest-Chefin Gabriele Weishäupl. „Es gibt eine Bewegung weg vom Nockherberg“, sagt sie. „Die anderen Brauereien versuchen, dem Derblecken a bissl das Bier abzugraben.“ Ein paar Tische weiter sitzt Wiesn-Stadtrat Helmut Schmid und outet sich als Starkbierfan. „Ich geh überall gern hin“, sagt der SPD-Politiker. „Der Nockherberg ist eine Kultveranstaltung, aber in den letzten Jahren holen die anderen Starkbieranstiche auf.“ Für Schmid liegt der Grund auf der Hand: „Die haben alle erkannt, dass das eine super Werbung ist.“

Das Derblecken am Nockherberg und jüngst auch der Maibockanstich von Hofbräu werden vom Bayerischen Fernsehen übertragen. Beide Veranstaltungen sind Quotenhits. 2011 schalteten 2,4 Millionen Menschen zum Nockherberg ein, den Maibockanstich verfolgten mehr als eine Million Zuschauer: ein Marktanteil von 36,2 Prozent und 17,4 Prozent aller Zuschauer in Bayern. Sonst erreicht das Bayerische Fernsehen im Schnitt 7,2 Prozent. Und alle Zuschauer sahen nicht nur Kinseher und Asül, sondern auch das Logo der Brauereien.

„Aus unserer Sicht ist der Nockherberg eine absolut sinnvolle und wertvolle Markenpositionierung“, sagt Ronald Focken von der Münchner Werbeagentur Serviceplan. Würde man einen zweistündigen Werbespot schalten, wäre der Effekt nicht so groß wie beim Derblecken. „Redaktionelle Sendungen sind viel glaubwürdiger als Werbespots“, erklärt Focken. Der Nockherberg werde ganz eng in Verbindung mit Paulaner gebracht. „Starkbier wird mit Paulaner gleichgesetzt.“

Focken glaubt deshalb auch nicht, dass die Vormacht des Nockherbergs leicht zu brechen ist: „Das sind alles Kopien, und der Zweite ist nie so gut wie der Erste.“ Auch deshalb betonen Hofbräu und Löwenbräu, dass man ein eigenes Konzept habe. Doch am Ende steht eben immer ein Kabarettist auf der Bühne und macht sich über Politiker lustig.

Dass es auch um Reklame geht, bestreitet Schottenhamel nicht. Er steht inzwischen mit Bernhard Klier an der Bar. Klier ist bei Löwenbräu Verkaufsleiter für Gastronomie und das Oktoberfest – und begeistert vom Erfolg des Starkbieranstichs im Löwenbräukeller. „Das gibt dem Triumphator wieder Aufwind“, sagt er. Dem dunklen, süßen Bier. Klier ist zufrieden, obwohl das Fernsehen nicht aus dem Löwenbräukeller sendet. Ob sich das ändert? „Das ist ein Münchner Ereignis, das kann man immer übertragen“, sagt er. Beim BR plant man so etwas aber nicht. Noch nicht.

Aber die Zeitungen berichten, da lohnt sich der Starkbieranstich auch ohne Fernsehen. „Es ist natürlich keine Veranstaltung, die sich selbst trägt“, sagt Klier. „Die Kosten werden geteilt, weil Löwenbräukeller und Brauerei profitieren.“ Über Geld sprechen die Brauereien und Wirte ungern. Stefan Hempl von Hofbräu lässt sich als Einziger immerhin eine Größenordnung entlocken: Einen hohen fünfstelligen Betrag koste der Maibockanstich – nicht eingerechnet die Beteiligung an den Übertragungskosten des Fernsehens.

Wird aus dem Zweikampf bald ein Dreikampf?

Mit solchen Summen dürfte der Nockherberg nicht auskommen. Überhaupt gibt man sich gelassen. „Da halten wir es mit Oscar Wilde: Nachahmung ist die höchste Form der Anerkennung“, sagt Paulaner-Chef Andreas Steinfatt. Auch Luise Kinseher, die heuer wieder als Bavaria auf dem Nockherberg derbleckt, sagt: „Ohne die Kollegen in ihrem Ansehen schmälern zu wollen: Der Nockherberg hat einfach ein bisschen mehr Beachtung.“ Steinfatt kann sich eine Spitze nicht verkneifen: Man freue sich mit Springer und Asül über deren Erfolg. Aber: „Beim Paulaner Salvatoranstich ist Django Asül das erste Mal in dieser Form aufgetreten, wir haben ihn sozusagen dafür entdeckt.“

Warum aber kann die Konkurrenz aufholen? Am Nockherberg gab es zuletzt viele Neuerungen, Redner kamen und gingen. Eine Krise des Derbleckens will Steinfatt nicht erkennen. „Wir haben in jedem Jahr mehr Anfragen, als wir Gäste einladen können, und ein Millionenpublikum im Fernsehen.“

Doch das kann Hofbräu auch von seinem Maibockanstich behaupten. Aus dem Duell könnte mit Löwenbräu bald sogar ein Dreikampf werden. Christian Springer sieht das gelassen. „Für mich ist’s immer da am schönsten, wo ich grade bin“, sagt er und nimmt die Mütze ab. Der „Fonsi“ hat jetzt Feierabend.

Starkbieranstiche im TV

Die Starkbieranstiche werden auch heuer übertragen. Vom Nockherberg berichtet der BR live am Mittwoch, 7. März, um 19 Uhr, vom Maibockanstich mit Asül am 3. Mai, um 21.45 Uhr.

Philipp Vetter

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