Bauen mit Körpern

Tollwood: Die Marokko-Show "Chouf Ouchouf"

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Ein einziges Wirbeln, Pulsieren und Rotieren bietet die Show „Chouf Ouchouf“, die in das Großstadtleben von Tanger entführen will.

München - Zirkus einmal anders: Unter dem Motto "Bauen mit Körpern" steht die marokkanische Show „Chouf Ouchouf“ auf dem Münchner Tollwood-Festival.

Zirkus, das ist längst nicht mehr nur eine Nummernfolge von Dressur und Superkunststück. Der zeitgenössische Zirkus will auch etwas erzählen, über seine Akteure, über seine nationale Herkunft. Und das erlebt(e) man auf Münchens Winter-Tollwood (bis 31. 12.) heuer farbig, facettenreich, mitreißend. Nach dem poetischen „Lang Toi – Mon Village“ mit dörflichen Szenen aus Vietnam und „Urban“, einer wunderbar wild bewegten „Streetdance-Oper“ aus Kolumbien jetzt, im wieder rappelvollen Grand-Chapiteau-Zelt: Marokko.

Die Show „Chouf  Ouchouf“ von 2009 will in das Großstadtleben von Tanger entführen. Die dort beheimatete Akrobaten-Truppe wurde inszeniert von dem Schweizer Duo Martin Zimmermann (Regie/ Choreographie) und Dimitri de Perrot (Musik). Als eine Art Prolog zeigen die zwölf Akrobaten schon geballt, was ihre Spezialität ist: Radschlag auf einer Hand, „Ensuite“- Überschlag, auf der Stelle oder durch den Raum reisend. Und diverse Salti, bei denen sie – so noch nicht gesehen – wie ein zusammengeknülltes Kleiderbündel (in Schräglage!) durch die Luft fliegen. Mit den zwölf Akrobaten in Aktion, ist das ein einziges multiaktionales Wirbeln, Pulsieren und Rotieren.

So wirkt Musik auf unseren Körper

So wirkt Musik auf unseren Körper

Die andere Spezialität: das Bauen mit Körpern. Wenn sie sich auf die Schultern eines Trägers schwingen, sich senkrecht und waagerecht gegenseitig stemmen, stützen und tragen, entstehen in Sekundenschnelle Wände und hohe Türme. Als „lebende Bauwerke“ machen sie eigentlich dem dann in Bewegung gesetzten Kasten-Dekor – symbolisch die Stadt Tanger – Konkurrenz: Fünf grauweiße Schrank-ähnliche Gebilde, zu verschiedenen Formationen zusammengeschoben, formen Häuserfronten, schmale Gassen und Flachdächer.

Wie diese Groß-Lego-Bausteine katzenhaft beklettert werden, wie die Kühnsten des Teams sich von hoch oben im Doppel-Salto in ein von der Mannschaft gehaltenes Auffangtuch fallen lassen, ist grandios. Ein bisschen enttäuscht hat jedoch die Inszenierung. Vielleicht ist man auch verwöhnt durch den flämisch-marokkanischen Choreographen Sidi Larbi Cherkaoui, der 2009 in „Sutra“ mit viel mehr Fantasie große Kasten-Elemente eingesetzt hat. Und 2010 noch einmal in seinem auch musikalisch stimmigen „Babel“ (beide Werke waren in München zu sehen).

De Perrots Kompositionen tragen kaum zur „Tanger-Atmosphäre“ bei, höchstens die von der Truppe gesungenen arabischen Lieder. Und man kann auch das ein oder andere Bild als landeskundliches Zeichen lesen: der Mann mit Fez und Banjo. Der sehr hochgewachsene Akrobat als Lastenträger: Anstelle von Säcken schleppt er vier an ihn geklammerte Kollegen. Die verschleierte Frau, deren gekrümmter Rücken als Fläche für den Handstand eines Mannes dient. Dennoch: Es fehlt dem Abend ein authentisches marokkanisches Flair. Vielleicht ja, weil Zimmermann & de Perrot Schweizer sind.

Vorstellungen

noch an diesem Samstag; vom 17. bis 22.12. noch der tschechische Cirk La Putyka Telefon 089/ 54 81 81 81.

Von Malve Gradinger

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