Haarfeine Impulse

"Cirque Ici" auf dem Tollwood: Die Kritik

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Lattenkost: So sieht es aus, wenn Johann Le Guillerm auftritt

München - Johann Le Guillerm hielt uns schon 2004 auf Tollwood in Atem. Jetzt ist er zurück mit dieser noch weiter in den Wahnwitz getriebenen Performance.

Phänomenal und voller ungewöhnlicher Risiken! Aber Johann Le Guillerms Cirque Ici braucht nicht den Kitzel der hochgefährlichen Luftnummer, wie sie vergangenen Samstag in Las Vegas zum Todessturz aus 15 Metern Höhe einer Cirque-du-Soleil-Artistin führte. Le Guillerms Secret (Geheimnis) hielt uns schon 2004 auf Tollwood in Atem. Jetzt ist er zurück mit dieser noch weiter in den Wahnwitz getriebenen Performance.

Das Zelt auf der Theaterinsel ist klein. So wird man gleich hineingezogen in Guillerms klangraunenden, auch mal kerzenumflackerten, alchimistisch anmutenden Kosmos. Hier ist einer am Werk, der unentwegt ausprobiert, der die extremsten Experimente wagt: Dieser Mensch – beige Beinkleider, Torso nackt, das blonde Haar zu einer Art Irokesen-Frisur gezwungen – schiebt eng aufeinander liegende Latten vor sich her, türmt sie mit Zug der Arme auf. Beklettert diesen und bewirkt, jetzt mit festem Tritt, neue Gipfel.

Immer mit diesem mittelalterlichen Magierblick rudert und reitet er auf einem mit Stelzen versehenen, Seepferdchen-ähnlichen Gefährt. Nie die Anstrengung verbergend, verbiegt er eine dicke Metallstange zum Reifen, zur Spirale, die dann – wie auch die obigen beiden Holz-Objekte – wunderbar eigenmotorisch, rollend und staksend, in die Kulissen abtreten.

Le Guillerm ist ein Künstler des haarfein bemessenen Impulses, der Gewichtung und Balance. Dabei ein Schufter. Bei ihm rinnt nicht, sondern trieft der Schweiß. Unerklärlich, wie dieser schmale Mann noch Kraft für die folgenden Nummern hat, in denen er, lange Stangen zu filigranen Mikado-Skulpturen, zu Wigwam und, mit soliden Brettern, einen Kletterbaum zusammensteckt. Und rätselhaft, wie er das hochkomplizierte Steckmuster behält und wann er welche Latten herausziehen muss, um diese fragilen Gebilde gefahrlos zum Einsturz zu bringen.

Macht Le Guillerm noch Zirkus? Klar doch! Als Objektkünstler (mit Sylvain Beguin), als Statiker, als Performer hat er den Post-Nouveau-Cirque kreiert. Sein Kampf mit der Materie ist eine Metapher für die menschliche Existenz.

Malve Gradinger

5.-7. und nochmals 10.-12.7., 20 Uhr, Karten-Tel. 54 81 81 81.

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