Konzertkritik

Cypress Hill auf dem Tollwood: Dampf unterm Zeltdach

+
Rapper Louis Freese alias B-Real von Cypress Hill, hier beim Konzert in Frauenfeld (Schweiz).

München - Konzerte von Cypress Hill lassen einen immer ein bisschen ratlos zurück. Wie machen die das?! Die Hip-Hop-Legenden aus Los Angeles vereinen scheinbar Gegensätzliches mit Leichtigkeit.

Das fängt beim Publikum an. Da stehen hispanoamerikanische Schwergewichte mit echtem, also, richtig echtem Straßen-Gang-Hintergrund auf der Bühne und blicken auf ein Meer aus Händen, deren Inhaber nicht unbedingt ausschließlich ausgewiesene Hip-Hop-Fans sind. Gut, das gab's bei den Beastie Boys, Run DMC oder Dr. Dre auch. Aber dass eine Geschäftsfrau im Hosenanzug, ein Bursch' in Lederhose und Karohemd, Tätowierte in Hardrock-Shirts, Rockabillies mit Hawaiihemden, Rastas und jede Menge junger Mädchen in Ethno-Kleidern unter einem Zeltdach deftigste Texte lippensynchron mitrappen, ist schon bemerkenswert.

Weiter geht’s bei den Inhalten: Die Musiker setzen sich seit 25 Jahren für die Legalisierung von Cannabis-Konsum ein – und werden auch auf der Bühne aktiv: Vor dem grün erleuchteten Bandlogo, ein Totenkopf mit Hanfblatt auf dem Hirn, heißt's auch in der Welthauptstadt des Bieres: „Aufzündt' is!“ Und während B-Real, Sen Dog, DJ Muggs und Percussionist Eric Bobo da bestimmt keine Light-Zigarette anfeuern, singt das ausverkaufte Zelt glückselig das Medley aus jenen Hymnen mit, die der Truppe zu mehrfachem Platin-Status verhalfen: Dr. Greenthumb, Hits From The Bong oder I Wanna Get High.

Vielleicht passen die vermeintlichen Gegensätze deswegen so gut zusammen, weil auch ihr dampfiger Hip-Hop-Sud seine Würze aus Gegensätzen bezieht: Entspannte Beats zu schnellen, nasalen Raps, erdige Kontrabass-Loops zu kühlen Drum-Machine-Sounds, Latin-Percussion zu Oldschool-Turntablism. Und dazu Samples mit Sinn für die Musikgeschichte: Son Of A Preacher Man, Sly & The Family Stone, Henry Mancini, Black Sabbath oder Bill Cosby werden kunstvoll durch den Wolf gedreht.

Von Song eins bis zur letzten Zugabe, eine Stunde zwanzig später, gab's also höchst hörenswerten Hip Hop zu erleben. Da kein aktuelles Album vorzustellen war, geriet die Show zur genussvollen Cypress-Hit-Parade, die manche Klassiker gleich blockweise abfrühstückte. Dass diese auch als Konzentrate ihre Wirkung voll entfalteten, zeigte sich am Publikum, das nonstop mitjubelte, mitsang und mitfeierte. Am Ende dieses relativ kurzen, aber temporeichen Konzerts gab's nur ein Haar in der Suppe: den Sound. Ständig pfiff irgendetwas, die Samples schrien schrill gegen die Live-Percussion an. Von einer Hip-Hop-Show dieser Güteklasse hätte man sich druckvolleren, ausgewogeneren Sound erwartet – und vor allem Bässe, die berühren.

Christoph Ulrich

auch interessant

Kommentare