Schlager-Revolutionär im Interview

Dieter Thomas Kuhn erklärt seine "dumme Idee"

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Dieter Thomas Kuhn tritt mit seiner Band auf dem Tollwood auf.

München - Dieter Thomas Kuhn ist am 12. Juli auf dem Tollwood. Im Interview verrät er, wie er von der Rock-Musik zum Schlager gekommen ist.

Als Dieter Thomas Kuhn 1994 mit seiner Band begonnen hatte, Schlager der 70er-Jahre auf seine eigene Art und Weise zu covern, wusste er nicht, was er damit auslösen würde. Der 49-Jährige verhalf dem Genre zu neuem Ruhm und wird seither auch als Revolutionär des deutschen Schlagers bezeichnet. Die Föhnfrisur gehört dabei ebenso zu seinem Markenzeichen wie das Brusthaar-Toupet und die Glitzeranzüge. Mit seiner „Festival der Liebe“-Tour ist er am Samstag, 12. Juni, auf dem Tollwood zu sehen und hören. Im Interview erklärt der ehemalige Rock-Musiker, warum er sich dem damals verhassten Schlager widmete und weshalb er es vermeidet, wissenschaftliche Arbeiten über sich zu lesen.

Von Dieter Thomas Kuhn bekommt man fernab der Bühne kaum etwas mit: Keine TV-Auftritte, kaum Berichte in irgendwelchen Klatsch-Blättern oder sonstiges. Halten Sie sich da bewusst zurück, um Kunstfigur und Privatmann zu trennen?

Dieter Thomas Kuhn: Ach ich glaube, mein Privatleben ist einfach viel zu unspannend, als dass es jemanden interessieren würde. Zum Glück! (lacht) 

Obwohl Sie sich selbst so unspannend finden, gibt es aber sogar wissenschaftliche Arbeiten über Sie.

Kuhn: Ich hab selbst noch keine gelesen. Ab und zu landet so eine Dissertation mal in unserem Büro. Doch ich gebe zu: Ich möchte es gar nicht wissen, das darin steht (lacht). Es ist schwierig, selbst zu Lebzeiten zu lesen, welche Geschichten sie da hineininterpretieren. Vielleicht lese ich das alles mal später, wenn alles vorbei ist (lacht).

Wenn man in der Presse etwas über Sie liest, fällt gerne mal das Prädikat „Urgestein des deutschen Schlagers“. Fühlen Sie sich schon alt?

Kuhn: Ich habe schon das Gefühl, dass wir lange in der Musikgeschichte mitwirken. Aber um als Urgestein zu gelten, müssten wir ja noch einmal 20, 30 Jahre vorweggreifen. So alt fühle ich mich bei Gott noch nicht. Ich bin sicherlich ein Pionier der Wiederbelebung. Und es ist schön zu beobachten, dass die immer noch anhält.

War denn diese Wiederbelebung damals Ihr Ziel?

Kuhn: Überhaupt nicht. Es gab auch kein Kalkül hinter dieser ganzen Geschichte. Es gab einfach nur den Spaß daran, plötzlich Musik zu machen, die wir selber vermieden haben zu hören wie auch zu spielen. Wir kommen alle aus anderen Musikbereichen. Die Erkenntnis, dass wir sehr viel Spaß haben mit Musik, die uns eigentlich verhasst war, war erst einmal komisch.

Habe ich Sie richtig verstanden? Sie sagten "verhasst"?

Kuhn: Sicherlich. Ich kenne wenige aus meiner Generation, die diese Musik zu dieser Zeit geliebt haben. Wobei ich feststellen musste, dass uns alles bekannt war.

Aber warum macht man das dann?

Kuhn: Weil man Rock-Musik macht, Musik spielen kann und irgendwann auf dumme Ideen kommt mit Menschen, die auch dumme Ideen haben. Dann fängt man mit zwei Liedern im Übungsraum an und merkt, dass es Spaß macht.

Mittlerweile ist aus dem Verhassten aber eine Liebe geworden?

Kuhn: Natürlich. Dieter Thomas Kuhn ist im Prinzip mein Leben. Ich kann das auch nicht mehr genau trennen. Die Dinge sind schon sehr verschmolzen.

Haben Sie die Figur denn damals bewusst gewählt, um das zu trennen?

Kuhn: Der eigentliche Gedanke war, dass ich Schlager auf der Bühne mit Jeans und T-Shirt nicht spielen kann. Ich musste mir etwas überlegen, um diese Geschichte für mich zu legitimieren und sagen zu können: Jetzt darf ich auch die Schlager singen.

Ein großer Erfolg war damals "Über den Wolken". Die Generation aus dieser Zeit kennt das Lied eigentlich nur von Ihnen und eben nicht das Original von Reinhard Mey. Macht Sie das stolz?

Kuhn: Ich finde es sehr amüsant, wenn eine Generation sagt: 'Na klar, 'Über den Wolken' kommt von Dieter Thomas Kuhn.' Stolz wäre ein bisschen zu hoch gegriffen, ich habe den Song ja nicht geschrieben. Wir haben ihn so modifiziert in einer Zeit, in der andere Generationen diese Musik kennengelernt haben. Insofern ist es prima, wenn es die nächsten Jahre auch noch so herausgetragen wird. Ich weiß aus Erzählungen: Auch wenn der Song im Original läuft, sagen einige: 'Hey, das ist doch von Dieter Thomas Kuhn.' Das ist natürlich klasse.

Ist es für Sie denkbar, dass Sie auch mal etwas Aktuelles aufgreifen?

Kuhn: Sie denken jetzt an eine Dieter-Thomas-Kuhn-Version von „Atemlos durch die Nacht"? (lacht)

Ich hätte auch noch andere Beispiele, aber bleiben wir ruhig bei diesem...

Kuhn: Ich kann das im Augenblick ausschließen. Aber man soll ja niemals nie sagen.

Vielleicht etwas von Jürgen Drews? 

Kuhn: Das "Bett im Kornfeld" gab es ja auch schon von uns. Wir haben die Klassiker sozusagen schon alle durch.

Also müssen Sie jetzt doch auf die neuen Sachen zurückgreifen? 

Kuhn: (lacht) Ich weiß nicht, wie groß unsere Not wird in nächster Zeit. Aber wie gesagt: Man soll niemals nie sagen.

Das „Atemlos“-Thema verfolgt Sie aber, oder wie kamen Sie nun darauf? 

Kuhn: Dass eine junge Generation plötzlich auf Helene Fischer und ihre Musik abfährt, ist ja ähnlich erstaunlich wie damals bei uns. Es war für viele nicht nachvollziehbar, dass es so kommt. Und genauso wenig ist es jetzt für mich nachvollziehbar (lacht).

Profitieren Sie denn auch von dem neuen Hype? 

Kuhn: Ich denke schon. Wir haben sicherlich noch viele Fans, die uns treu geblieben sind. Aber ich sehe auch mit Freude, dass wir immer noch sehr viele junge Leute im Publikum haben.

Werfen die denn heute wie damals noch Unterwäsche auf die Bühne? 

Kuhn: Doch, doch. Das ist nach wie vor ein Ritual. Es ist nicht jede Stadt gleich frequentiert, aber es kommt schon noch was geflogen.

In welcher Stadt ist in dieser Hinsicht am meisten los? 

Kuhn: Darüber habe ich keine Statistik (lacht).

Ihr bis dato letztes Album ist 2012 erschienen. Gibt es demnächst etwas Neues? 

Kuhn: Wir sind im Studio und probieren ein paar Dinge. Das dauert meistens seine Zeit, bis wir sehen, in welche Richtung es geht. Ich kann aber nicht sagen, in welcher Geschwindigkeit das passiert.

Es gibt also keinen Zeitdruck? 

Kuhn: Es wäre schlimm, wenn wir unter diesem Druck stünden. Unsere Live-Geschichte funktioniert auch, ohne jedes Jahr ein neues Produkt zu haben. Das ist ein bisschen wie Fußball: Man weiß genau, was einen erwartet. Es wird gespielt - nur mit dem Unterschied, dass bei uns am Ende jeder glücklich nach Hause geht.

Was können die Fans von Ihrer Tour erwarten? 

Kuhn: Ich weiß nicht, wer schon einmal bei uns war. Wer neu dazu kommt, wird sicherlich einen fröhlichen Abend erleben, den er so schnell nicht vergessen wird.

Diesen Satz könnte man auch als Drohung deuten...

Kuhn: Das kann man so und so sehen (lacht). In diesem Fall sollte man es aber nicht als Drohung verstehen. Es wird eine tolle Party.

Interview: Marcel Guboff

Am 12. Juli gastiert Dieter Thomas Kuhn mit Band auf dem Tollwood. Beginn 19.30 Uhr, Karten gibt’s unter Tel. 0700/38 38 50 42.

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