Was für Freaks!

Forman Brothers mit Deutschland-Premiere

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Eine Dressur-Nummer der völlig anderen Art: Die Tiertrainerin in „Obludarium“ auf ihrem künstlichen Pferd.

München - Die Forman Brothers feierten mit ihrer Rummelplatz-Show „Obludarium“ Deutschland-Premiere auf dem Tollwood.

Schluss mit Cirque Nouveau. Schluss mit lyrischen Einradfahrern, Seifenblasen formenden Clowns und Handstandakrobaten, die uns kopfüber vom Märchenland hinter den drei Regenbögen erzählen. Man muss Begriffe wie Fantasie und Poesie in der darstellenden Kunst nicht überstrapazieren, um gut zu sein. Manchmal ist weniger mehr.

Die Forman Brothers, die mit ihrem Spektakel „Obludarium“ nun auf dem Tollwood Deutschland-Premiere feierten, wagen es sogar, ihre Rummelplatz-Show auf simpelste Prinzipien herunterzufahren. Die Köpfe des tschechischen Ensembles, Matej und Petr, sind die Zwillingssöhne des Regisseurs Milos Forman, der etwa die schrullige Mozart-Biografie „Amadeus“ drehte. Doch folgt ihr Konzept eher einer Szene aus Alfred Hitchcocks Thriller „Saboteur“: Da platzen die Hauptfiguren, ein Mann und eine Dame auf der Flucht, unvermittelt in einen Zirkuswagen mit einer bärtigen Frau, siamesischen Zwillingen und einem kleinwüchsigen Napoleon. Eine Freakshow, wie sie einst zu jedem Jahrmarkt gehörte.

Diese Sorte Freaks, eine mit Fell bedeckte, strippende Sängerin, ein feister Schmied, halbnackt und grimmig, sowie Menschen, die sich bewegen wie Puppen, tummelt sich auch bei den Formans. Schließlich bedeutet das tschechische „obludn“ so viel wie monströs, ungeheuerlich. Allein das enge, mehrstöckige Zirkuszelt beschwört das Skurrile herauf. Werden die klapprigen Angeln zwischen den Logen halten? Oder purzeln die Zuschauer, wenn sie weiter so auf den Rängen herumtrampeln, in die Arme des Zirkusschmiedes, der im Parterre auf sie wartet? Die Ränge bleiben stabil – nur die Elektrik hält der Forman’sche Trupp bewusst auf Sparflamme. Schließlich wirkt es besonders befremdlich, wenn maskierte Manegenstars das Publikum im Halbdunkel aus hohlen Augen anstarren. Wirklich hell wird es eigentlich selten. „Obludarium“ verzichtet also auf eine große Lichtshow. Mit der Perfektion halten es die Formans ohnehin nicht. Das, was sie auf die Bühne – kreisrund, klein, dafür mit einer rotierenden Scheibe ausgestattet – bringen, lebt vom Understatement und einer Liebe zum Grotesken, zum Abseitigen, zum Unbeholfenen.

Ein Sprech-Stallmeister bequatscht das Volk schon vor dem Zelt mit verschwitztem Gesicht in einem Kauderwelsch aus Tschechisch, Italienisch, Englisch und Französisch. Sein Kompagnon schleicht kurz darauf wie ein depressiver Wicht durch die Manege und müht sich, drei publikumsscheue großkopferte Sonderlinge auf Kinderstühlen zu platzieren. Auch Akrobaten und Dompteure treten auf. Aber was für welche! Statt der tollkühnen Dame am Trapez baumelt eine Tiertrainerin mit Sado-Maso-Ambitionen von der Decke. Die Pferde haben sich aus Furcht vor Peitschenhieben längst unter ihren Reifrock geflüchtet. Eine bebrillte Artistin macht es sich lieber auf den Schultern des Schmieds bequem statt Salti zu schlagen, dafür bezaubert sie mit einem fliegenden Tanz quer durchs Zelt.

Überhaupt serviert das Ensemble nie das, was man auf den ersten Blick erwartet. Fader Gesang entpuppt sich als wilde Wettshow. Ein Unhold wird zum großen Künstler. Und ausgerechnet zwei Nummern mit falschen Tieren bringen das auf die Bühne, was man sich vom alten wie vom neuen Zirkus oft verzweifelt erhofft: Spektakel und märchenhaften Zauber.

Mit ihrem „Obludarium“ kommen die Formans dem erlösenden Wesen der Freaks erstaunlich nahe: Einerseits parodiert deren Marionettenhaftigkeit den Normalo, der sich der Gesellschaft unterwirft. Andererseits bilden die Sonderlinge die letzten Inseln der Individualität unter lauter Gleichgetakteten.

von Katrin Hildebrand

Weitere Vorstellungen

bis 21. Juli;

Telefon 0700/ 38 38 50 24.

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