Premierenkritik

Nächster Halt: Wahnwitz - bei "Erster Klasse"

+
In diesem Zug geht’s drunter und drüber: Szene aus Rainer Pauses „Erster Klasse“-Inszenierung frei nach Ludwig Thoma, die jetzt auf dem Münchner Tollwood Premiere feierte.

München - Eine Gaudi, wenn auch politisch nicht ganz so bissig wie erhofft: Die Satire „Erster Klasse“ frei nach Ludwig Thoma auf dem Tollwood.

Passen tut’s allemal auf Münchens Tollwood: Ludwig Thomas berühmtes Satirestückl über bayerisch-preußische Eigenarten „Erster Klasse“. Schon weil das hochrangige Kabarettisten-Quartett Alexander Liegl, Helmut Schleich, Robert Urban und Rainer Pause (auch Regie) den 1910 uraufgeführten Klassiker umgewerkelt hat: auf Bayern heute mit heutigem Kommunikations- und Verkehrs-Standard – durchs MUH-Zelt fährt kein dampfbetriebener Personenzug, sondern ein Intercity.

Aber flotte Fahrt? Statt verladenem Ochsen, wie anno 1910, liegt nun eine „Büdhon“ (?? Ach klar, so ein exotisches Wohlstands-Reisemitbringsel) auf den Gleisen, wie trocken mitgeteilt wird von der Ossi-Schaffnerin. Ihr aggressiver Ton, Marke Mindestlohn, boykottiert glattweg den von Fritz Stüve erwarteten Luxus-Speise-Service.

Stüve, im Original der preußische Düngemittelhändler, jetzt Unternehmensberater – im aktuellen Fall natürlich für die bayerische Staatsregierung – wird bei Thomas Wenke zum Handy-Dauerquatscher im konstanten Wechsel zwischen Geschäftspartner und Scheidung fordernder Gattin; zum egomanischen Nörgler („downgegraded vom ICE auf IC!“) und zum Nervtöter für die Mitreisenden in diesem Erste-Klasse-Abteil.

Auf-den-Keksgeher made in modern Bavaria, Kopfhörer inklusive, sind auch Constanze Lindner und Alexander Liegl als das weiblich dominierte Pärchen Flohmi und Grizzlytiger, das bei Sichtermosers Radioquiz eine Reise zur Staatskanzlei gewonnen hat. Philipp Moll als Ministerialrat von Scheible ruht in sich wie ein Abbild fränkisch gelassener Schlitzohrigkeit.

Helmut Schleichs Landtagsabgeordneter Josef Filser füllt seinen Sitzplatz mit bayerischer Bierruhe und Brotzeit. Und Filsers Spezl, den Gebäudesanierer Gsottmaier, fläzt Uli Bauer in die Polster. Irgendwie quetschen die beiden Kabarett-Stars noch ihre Paraderollen, Franz Josef Strauß und Münchens OB Christian Ude, in den frei behandelten Thoma rein.

Und was alle sechs im Coupé da so kreuz und quer stammtischreden, streift die marode Bundesbahn, den Landtags-Skandal um die Familien-Angestellten, die Baugeschäftchen – ermöglicht durchs Spezl-Prinzip „eine Hand wäscht die andere“. München Endstation? Ja doch. Aber die ist hier eine schaumtriefende „Handwasch-Anlage“.

So richtig „politisch bissig“, wie versprochen und ja auch erhofft, war der Abend nicht. Da hat diesmal die Zeit zum Scharfzahntexten wahrscheinlich nicht ganz gereicht. Aber die Post-Thoma-Typen wurden gut gespielt: nervig, schrill, hinterfotzig, dennoch, ob Preuß’ oder Bayer, nicht unsympathisch. Sängerin Conny Kreitmeier und Jan Eschke an der Quetschn sorgten für den musikalischen Pfiff mit einer Handvoll Songs, die Kreitmeier geschickt auf den Abend umgedichtet hat. Fazit: „Rolling, Rolling, Rolling“ oder „The Road to nowhere“. Also a Gaudi war’s scho.

Weitere Vorstellungen vom 16. bis 21. Juli; Telefon 089/ 54 81 81 81 oder 0700 38 38 50 24.

Von Malve Gradinger

auch interessant

Kommentare