"Moin moin, Herr Valentin!"

Santiano: Die Nordlichter unterwegs in München

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Wie ist der bayerische Humor, wie der friesische? Santiano mit (v.l) Timsen, Axel, Pete und Björn vor dem Karl-Valentin-Denkmal auf dem Viktualienmarkt. In der tz sprechen sie übers Nord-Süd-Gefälle

München - Mit ihrer Debüt-CD katapultierten sich die Nordlichter von Santiano auf die Nr. 1 der deutschen Charts. Kurz vor ihrem Tollwood-Gig kam es auf der München-Tour zum Kulturen-Clash.

Wie der Friese Björn (50) und seine Schleswig-Holsteinischen Kollegen (ja, das ist ein Unterschied!) Pete (66), Timsen (49) und Axel (48) ihre Heimat ­sehen, lesen Sie hier.

Sehnsucht nach der Heimat

Löwenschnauzen-Reiben an der Residenz.

„Wir sind keine Vermisser. Wenn wir auf Tour sind, dann ist das auch gut“, sagt Björn. Aber es gibt schon etwas, das fehlt. Für Björn und Pete ist das das Segeln: „Wir sind beide Schiffseigner, und gerade bei dem herrlichen Wetter heute wüsste ich, wo wir normalerweise wären.“ Timsen und Axel: „Uns fehlt vor allem die steife Brise, die frische Luft mit Salzwasserduft. Die Luft wird bei euch immer dünner.“ Alle: „Bei uns ist es immer frisch, auch wenn es so heiß ist wie jetzt hier.“ Timsen: „Wenn der Wind von Westen kommt, dann habe ich Nordseeluft, und wenn sie von Osten kommt, dann schmecke ich die Ostseeluft.“

Glaube: Die See als Gott

Vor dem Dom Zu Unserer Lieben Frau.

„Wir sind von der See geprägt und nicht von Gott. Wenn du See-Gesetze brichst, dann gehst du unter. Das ist eine viel ehrlichere Beziehung zum Leben, als an irgendeinen Dunst zu glauben. Wir sind alle protestantisch geprägt, aber mixen Etliches bei, auch Heidnisches – aber nichts Katholisches. Wenn die Katholiken-Hardliner etwas zu sagen hätten, dann hätten wir heute noch Teufelsaustreibungen und Ketzerei. Damit hat man im Norden nie was am Hut gehabt. Und wir lieben unsere kleinen Kirchen, die aus ein paar Brettern gezimmert worden sind. Da kann man sich viel eher vorstellen, dass Gott ab und zu mal wohnt. Und nicht in einem Protzdom, bei dessen Bau viele ­Menschen gestorben sind. Da hätte sich Gott abgewendet.

Auf dem Schiff ist es so: Beten hilft nicht. Du hast alle Hände und Füße voll zu tun. Man muss Gott helfen, dass er seine Wünsche erfüllen kann. Im Norden gibt es viele Freigeister, wir holen uns zum Leben, was uns passt. Festgenagelte Rituale liegen uns nicht.“

Bier: Mögen’s alle herb?

Die Band auf dem Viktu (mit Kulturredakteur Matthias Bieber, 2.v.r.). Weil sie abends noch spielte, gab’s mehr Wasser als Bier.

„Ich mag’s da eh lieber nicht so herb, bin ein Süßwassermatrose“ (Björn). Alle: „Es gibt bei uns jede Menge kleine Privatbrauereien, die kein Mensch hier kennt. Diese Biere schmecken alle. Wer sich an Jever hängt, ist selbst schuld.“ ­Pete: „Auch Astra schmeckt.“ Björn: „Aber nur, wenn man um drei Uhr auf dem Kiez von einem Zuhälter gejagt wird, weil man vorher nicht bezahlt hat.“ Für alle „untoppbar“ ist das „Beugelboddelbeer“ (Flens mit dem Bügelverschluss, d. Red.). Wir empfehlen unser Altenmünster (und Ihnen auch, falls Sie es nicht kennen). Das hat auch einen Bügelverschluss. Und es schmeckt auch noch gut. Dass der herb-bittere Hopfengenuss zum Norden gehört, halten alle vier für ein Klischee.

Glück und Geld

„Glück? Den Spruch musst du genauso drucken: Glück ist wie ein Pups. Wenn du es erzwingen willst, kommt nur Scheiße bei raus. Und Geld? Macht nicht glücklich, hilft aber. Wir haben vor unserem Erfolg ein gutes Leben mit wenig Geld geführt und tun es jetzt immer noch mit mehr Geld.“

Humor

„Der Humor bei uns in Schleswig-Holstein ist sehr derb. Man darf kein Sensibelchen sein. Aber auf Platt kommt auch der härteste Spruch so soft rüber, dass man ihn verknusen kann. Das habt ihr Bayern allerdings auch drauf. Der Humor funktioniert bei uns nur bei Selbstreflektion. Wir können austeilen und einstecken. Motto: Lieber einen guten Freund verlieren als eine Pointe versacken lassen.“

„Rechts? Das ist grundfalsch“

„Es gibt ein paar Stimmen, die uns Nähe zum rechten Gedankengut unterstellen. Das ist grundfalsch. Wir ticken grün und links. Die Unterstellungen können einfach nicht nachgewiesen werden, weil da nichts ist. Alle Versuche sind gescheitert, und das wird auch so bleiben. Wenn wir die Worte „Freiheit“ oder „Heimat“ oder „treu“ mehr als ein Mal singen, dann gehen manche steil – und schon gilt man als rechtsradikale Band. Also: Es ist gut, wenn man das hinterfragt, aber auf Gerüchte soll man nichts geben. Und wer nur einen Zentimeter tiefer gräbt, wird nichts finden."

Matthias Bieber

Santiano auf Tollwood in der Musik Arena: 18. Juli, Musik Arena, Tel. 54 81 81 81.

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