tz-Interview mit dem Künstler

HA Schults "Trash People" auf dem Tollwood

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So könnte es demnächst aussehen: In diesem Jahr wird HA Schult seine „Trash People“ aufs Tollwood bringen. Schult: „Sie kommen nach Hause!“

München  - Es ist die größte Kunstaktion der Welt: Seit 19 Jahren reisen HA Schults „Trash People“ um die Welt – im Auftrag der guten Sache. Jetzt werden 500 davon auf dem Tollwood aufgestellt. Wir sprachen mit dem Künstler.

Bis zu 1000 Müllmenschen, aus Blechdosen zusammengebaut, machen auf Umweltverschmutzung und Migration aufmerksam. Und, genauso wichtig: Sie machen einfach Freude.

Vor 12 Jahren wurden die Müllmenschen zu „Matterhorn People“ – sie standen am Stellisee, im Hintergrund ragt der Zauberberg hervor.

„Schreiben Sie nur: Die Müllmenschen kommen heim!“, sagt uns Schult (76) im Gespräch. Weil er hier junge, wilde Jahre verbrachte und den Grundstein seines Erfolgs legte. Wenn Sie also einem Künstler sagen, dass sein Werk Schrott oder gar Müll ist, dann wird er wenig amüsiert sein. Schult hingegen freut sich, weil es erstens stimmt und zweitens der weltberühmte Künstler selbst kein Blatt vor den Mund nimmt. Ein Streifzug durch die Kunst und Welt des HA Schult:

Herr Schult, können Sie sich daran erinnern, wann Ihnen die Idee dazu kam, aus Abfallprodukten Kunst zu machen?

„Die Kinder verstehen meine Kunst sofort“, sagt HA Schult – hier 2011 in der Arktis.

HA Schult: Natürlich, ich bin ja nicht völlig blöd. Ich habe von 1958 bis 1961 an der Düsseldorfer Kunstakademie studiert. Eines Tages sah ich aus dem Fenster auf die Fabriken – Adenauer-Ära. Und ich wusste: Irgendwann werden riesige Müllberge entstehen, also mache ich Müll zur Kunst. Mein Professor Karl Otto Götz, ein wilder Pinselschwinger, sagte damals: „Ich verstehe nicht, was Sie machen, aber machen Sie weiter.“ Er ist heute 102 und in Deutschland weltberühmt.

Warum zogen Sie von Düsseldorf nach München?

Schult: Es gab ja nur Hamburg und die Reste von Berlin. In München hatte ich meine erste Biokinetik-Ausstellung, also Kunst aus Materialien, die organische Prozesse durchlaufen, wie etwa Pilze, und sich verändern. Das war 1969. Eine wilde Zeit, und ich empfinde München noch immer als Heimat. Ich liebe diese Stadt. Sie können ruhig schreiben: Die Müllmenschen waren schon auf der ganzen Welt, aber jetzt kommen sie heim.

Einige Schlaglichter aus Ihrer Münchner Zeit zwischen 1961 und 1978?

Schult: Ich hatte hier etliche Jobs angenommen, vom Werbeleiter einer Bausparkasse bis zum Kipperfahrer auf der Baustelle. Und ich fuhr zwei Jahre lang Taxi und lernte dadurch etliche Stars kennen. Den Moshammer, den Curd Jürgens, die Uschi Obermaier. Die war mit einer Freundin unterwegs und zahlte ihre Fahrt nach Hause in Naturalien.

Ein Künstler muss also, nun ja, im Leben stehen?

Beim Kamel des Pharao … Vor 13 Jahren bestaunten die Dosen-Menschen die Pyramiden von Gizeh.

Schult: Das ist die Kardinalfrage, aber ich glaube das schon. Das gilt auch für andere Berufe: Arzt, Journalist etwa. Ich bin heilfroh, in einer Epoche zu leben, in der man sagen darf, was einem auf der Zunge liegt. Wo kämen wir hin, wenn wir Künstler unsere Freiheiten nicht exzessiv nutzten? Wir sind das Lackmuspapier der Gesellschaft. Manche können das in Poesie, manche in der Satire, und ich mache das eben mit meinen Mitteln.

Welches Lackmuspapier sind denn Ihre Müllmenschen heute?

Schult: Dasselbe wie damals. Meine großen drei Themen sind Umwelt, Mobilität und gesellschaftliche Probleme. Die Müllmenschen wandern durch die ganze Welt. Sie sind Asylanten-Skulpturen und unsere Ebenbilder. Insofern passen sie toll zum Anliegen von Tollwood, Kunst ins soziale Gleichgewicht zu setzen. Das ist das, was wir in den 60er-Jahren genauso versuchten.

In München wurden Sie ja zum vielleicht berühmtesten Künstler Ihrer Zeit  …

Seine große Lenbachhaus-Ausstellung aus dem Jahr 1974 ist legendär – Stichwort: Beckenbauers Mülltonne.

Schult: … was wohl auch an Franz Beckenbauer lag, dessen Mülltonne ich 1974 geklaut und den Inhalt in meiner Ausstellung im Lenbachhaus gezeigt hatte. Danach hatte ich einen Auftritt im ZDF-Sportstudio, und noch am selben Abend hatte ich den Müll für 20 000 Mark verkauft. Das war sehr viel Geld. Beckenbauers Berater Robert Schwan klopfte daraufhin wegen einer Beteiligung an. Aber: Weggeworfen ist weggeworfen. Beckenbauer ist übrigens noch immer in China ein Synonym für Deutschland. Und Strauß.

Franz Josef Strauß?

Schult: Ja. Der Strauß hing als Gemälde beim Direktor eines Hotels in Shintao hinten im Verschlag. Ich entdeckte ihn, und der Direktor sagte mir voller Überzeugung, er sei Deutschlands Präsident.

Empfinden denn die Chinesen Ihre Kunst anders als etwa wir in Deutschland?

Kontrapunkt in China: Schults stumme Begleiter auf der Chinesischen Mauer. Im Jahr 2001 lernte der Künstler auch den jungen Ai Weiwei kennen.

Schult: Auf jeden Fall prägt das soziale und politische System die Wahrnehmung. Als ich 2001 in der Volksrepublik war, war diese Art von Kunst noch gar nicht bekannt. China hatte damals ja sogar noch Probleme mit der Klassischen Moderne. Seitdem ist wahnsinnig viel passiert. Ich weiß noch, wie ich auf der Chinesischen Mauer mit meinen Müllmenschen stand – übrigens unter anderem neben Ai Weiwei, der damals Werbeleiter für Benetton war. Und jeder sah: Kunst ist auch realisierbar in Ländern, wo vieles totgeschwiegen wird. Wie auch etwa in der DDR. Kunst muss sich einmischen in die Gegenwart, und das sehen die Herrscher eines totalitären Systems naturgemäß ungern.

Spektakulär war im Inland unter anderem eine Ausstellung in 880 Metern Tiefe in Gorleben 2004 …

„Stille Tage in Gorleben“ nannte Schult ironisch seine Aktion aus dem Jahr 2004 im Endlager des Atommülls. Es ging runter in 880 Meter Tiefe.

Schult: In dem Salzstock hat bis heute nichts anderes stattgefunden. Wenn man so will, war das die teuerste Kunsthalle der Welt mit einem Preis von über 1,5 Milliarden Euro. Und da reden die Leute darüber, dass es für die Kunst kein Geld gäbe … Die Leute, die unten waren, haben gemerkt: Die Atom-Brennstäbe sind hier wohl besser aufgehoben als im Vorgarten.

Was für Leute waren da?

Schult: Bunt gemischt von Polizei und Feuerwehr bis zu Demonstranten. Die Älteste war 91. Wir haben alle gefeiert und reichlich getrunken. Sie sehen: Solche Gemeinschaften gehen nicht nur beim Fußball, sondern auch mit der Kunst.

Sie haben einst ja auch Angela Merkel als Domina porträtiert …

Schult: Damals verstand sie das nicht so recht – nach drei Jahren Kanzlerin allerdings sehr wohl. Sie rief mich an und sagte mir: „Jetzt weiß ich, warum.“ Sie hatte ja ihre männlichen Kollegen sehr gut unter Kontrolle …

Wird sie ihre Position in der Flüchtlingsfrage halbwegs halten können?*

Schult: Das kann ich nicht beantworten. Ich bin Künstler, der sich in seiner Zeit krümmt. Aber wenn es jemand schafft, dann sie. Und selbst, wenn sie scheitert: Sie hat im Ausland sehr viel für uns getan und Werbung für das neue ­Deutschland betrieben.

Matthias Bieber

* Anmerkung der Redaktion: Wir führten das Interview unmittelbar vor Merkels Einknicken in der Flüchtlingsfrage. Wir fanden Schults Aussagen so spannend und wichtig, dass wir sie hier dennoch drucken.

Der Künstler in seiner "Heimat"

HA Schult 2014 auf Tollwood mit Muse Elke Koska.

Im Sommer 2014 gastierte HA Schult auf dem Tollwood, damals gegen die Massentierhaltung mit seiner „Tierstraße“. Auf dem Foto sehen Sie den Künstler mit seiner farbenfrohen Muse und früheren Ehefrau Elke Koska.

Jetzt also kommen 500 der Trash People erstmals nach München – als Spiegelbilder unserer selbst. Die Armee der Besinnung nach dem Motto „Wir produzieren Müll und werden zu Müll“ wird auf dem Festival (Theresienwiese) Spalier stehen.

In der morgigen Ausgabe erfahren Sie alles über das diesjährige Winter-Tollwood, das vom 24.11. bis 31.12. über die Bühnen gehen wird. Mehr über www.tollwood.de.

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