Tollwood: Sinnliche Begegnung mit Vietnam

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„Lang Toi – Mon Village“: Bezaubernde Akrobatik auf Bambusstangen aus Vietnam.

München - Der vietnamesische Nationalzirkus gestaltet mit „Lang Toi – Mon Village“ einen außergewöhnlichen Tollwood-Auftakt.

„Lang Toi – Mon Village“: junge Dörfler in erdfarbenen Outfits. Sie schleppen bis zu viereinhalb Meter lange Bambusstangen. Stellen sie auf zu Pfeilern und Palisadenwänden. Mit Gummibändern und Seilen errichten sie rekordflink damit Brücken, Flöße und Hütten. Eine Live-Dokumentation über ein vietnamesisches Dorf? Zum Teil schon. Aber wie der Nationalzirkus von Vietnam aus alltäglichen dörflichen Verrichtungen eine akrobatische Choreographie entwickelt, ist ein außergewöhnliches Tollwood-Auftakt-Ereignis im Münchner Grand-Chapiteau-Zelt. Was kennen wir schon von diesem so weit entfernten Land? Den Vietnamkrieg in TV-Schreckensbildern. Verzweifelte Boat-People. Die hier dann etablierten vietnamesischen Restaurants. Aufgefallen ist natürlich, wie problemlos sich die Flüchtlinge im Aufnahmeland integriert haben, wie arbeitsam schnell sie die fremde Sprache sprechen konnten. Hier findet jetzt eine ganz neue Begegnung statt: eine sinnlich-künstlerische.

Der Bambus, traditionelles und biegsames Baumaterial, steht symbolisch für die Widerstandskraft der Vietnamesen. Der Weg zum Überleben in harten Zeiten war/ ist ihre Durchhaltekraft, ihre Disziplin. Und die verwandeln sie hier in ein phänomenales Körperspiel, das Tuan Le und die Brüder Nhat Ly und Lan Nguyen – alle drei an Frankreichs Cirque Nouveau geschult – mit viel Stilgefühl als Brückenschlag zwischen Tradition und Moderne gestaltet haben. Im Laufen und geschmeidigen Hantieren befestigen die Akrobaten die Bambusstangen zu neuen, auch zu Fantasie-Konstruktionen zusammen. Schwingen sich in Salti hoch auf asymmetrische Türme. Balancieren auf senkrecht gehaltenen Pfählen, krabbeln spinnengleich im „Brücke“-Rückwärtsgang über riskante Schrägen. Fliegen in kühnsten Körperhaltungen rasend im Kreis an einem selbst erfundenen „handgetriebenen“ zweigliedrigen Stangen-Karussell. Jede Nummer läuft leicht und mit natürlichem Lächeln ab.

Asiatisch ist wohl dabei, dass keiner des Teams – sechs Mädchen und acht Männer – in den Vordergrund tritt. Der Protagonist ist die Show, die Leistung der Gemeinschaft. Und da fügen sich unauffällig selbstverständlich Dorfszenen – Markttag oder Erntefest – als Ruhepunkte in diese hochvirtuose Szenenfolge, in der schwindelerregend wirbelnde Seil-Akrobatik in der Zeltkuppel, Einhand-Handstand auf kleinstem Bambus-Klötzchen und Frauen im Spagat zwischen den Köpfen zweier Hochseil-Spaziergänger nicht fehlen.

Aber in „Lang Toi“ gibt es auch bei den gängigen Zirkus-Disziplinen immer noch ein Extra: Ein sitzender, wie in Meditation versunkener Mensch schlägt seine in die Luft tanzenden Kugeln in rhythmischen Abständen auf eine vor sich gesetzte Trommel und auf die langen Stäbe seiner zwei Adjutanten neben sich. Eine musikalische Jonglage! Atemberaubend. Und ein Super-Extra die atmosphärische Klangwelt der fünf Musiker an 16 (!) verschiedenen Instrumenten, von Sáo trúc, einer waagerechten Bambusflöte, und Sáo mèo, der Hmong-Flöte, bis zu vietnamesischen Lauten, Zithern, Gongs und Trommeln. Hingehen!!

Malve Gradinger

Letzte Vorstellung:

Am Donnerstag, 29. November. Bis 22. Dezember ist auf dem Tollwood zudem Zirkus aus Kolumbien, Marokko, Tschechien zu erleben. Tel.: 089/54 81 81 81.

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