Sonnenbrandgefahr auf dem Wintertollwood

+
Ein Wintertollwood wie im Sommer: Am vergangenen Wochenende lockte das schöne Wetter Zehntausende in die Zeltstadt.

München - Ein Wintertollwood, auf dem man sich einen Sonnenbrand holt – das ist selten. Zum ersten Advent präsentierte sich die Zeltstadt auf der Theresienwiese bei Bombenwetter als Besuchermagnet: 120 000 kamen insgesamt seit Festival-Beginn.

Noch mehr Informationen rund ums Wintertollwood gibt es hier

Sie sind fröhlich, sie sind viele – und sie sehen erst mal gar nichts. In dem Moment, als der U-Bahnhof Theresienwiese die Tollwood-Besucher ausgespuckt hat, sind sie von der schräg stehenden Sonne geblendet und müssen sich blinzelnd orientieren. Man kommt sich vor wie im falschen Film: Wintertollwood, war das nicht gleichbedeutend mit Bummel im Frost, mit eisigen Händen, die an der Glühweintasse langsam wieder auftauen? An diesem Sonntag dagegen hat man nicht mit Schneematsch zu kämpfen, sondern mit Sonnenbrand und dem Staub, der von den vielen tausend Füßen aufgewirbelt wird und durch die Gassen der Zeltstadt weht.

„Der Staub ist nervig“, gibt Doreen Wolff zu. Sie steht hinter der Theke der „Feuerzangenbowle“-Bar – eines Wintertollwood-Klassikers also. Aber man sieht hier nur wenige Gäste, die sich an dem starken Gebräu wärmen – müssen sie ja auch nicht, bei 15 Grad im kaum vorhandenen Schatten. „Das Geschäft geht so mittel“, sagt Wolff. „Zur Hälfte verkaufen wir Kaltgetränke.“ Abends brumme der Laden aber doch, betont sie und fügt augenzwinkern hinzu: „Der Scheematsch kommt noch früh genug.“

Zwei immerhin lassen sich die die Winter-Atmosphäre nicht vermiesen: Susanne und Stefan Angerer aus München stehen mit dampfenden Schnabeltassen neben der Bar. „Das ist für uns Kult“, sagt Susanne. „An jedem ersten Advent gehen wir aufs Tollwood und trinken eine Feuerzangenbowle – egal, wie das Wetter ist.“ Und Stefan Angerer fügt lachend hinzu: „Und wenn wir im T-Shirt kommen müsen.“

So eisern sind nicht viele: Auf den Stehtischen überwiegen Weißbier, Bionade und Caipirinha. Man sieht sogar Männer in Shorts herumlaufen, junge Eltern schieben mit einer Engelsgeduld Kinderwägen durch das Chaos. „Man merkt, dass viel mehr Besucher sich draußen aufhalten als in den Zelten“, bestätigt Tollwood-Sprecherin Karen Marscholik. 120 000 seien es in den ersten Tagen insgesamt gewesen – auch für den gewöhnlich besucherstarken Auftakt einer Festivalsaison ein hervorragendes Ergebnis. „Für uns war es ein außergewöhnlich schönes und gutes erstes Wochenende.“

Draußen gibt’s wieder einige Neuheiten: An der „Safari Grillstation“ kann man zum Beispiel Afrikanisch unter freiem Himmel essen, am „Washaki Grill“ kredenzt man Bratwürste aus Bisonfleisch, die auf einem Lavasteingrill zubereit wurden – und als Digestiv einen Ingwer-Caipirinha. An der Raclette-Alm kann man alles vom Raclette bis zum Grießkaiserschmarrn versuchen, und der Stand „Met Amensis“ bietet nicht nur Honigwein, sondern für Furchtlose auch vielsagende Getränke wie „Drachenblut“, „Koboldtropfen“ und „Elfen Trunk“.

Wenn’s draußen heiß ist, könnte man die Temperaturen im „Mercato“-Zelt als tropisch bezeichnen. „Langsam wird mir warm“, sagt lachend Michaela Maduawan. Die Designerin steht mit grauer Wollmütze und rotem Schal an ihrem Stand und gerät ins Schwitzen – kein Wunder, sie handelt mit handgestrickten Mützen aus Nepal. Fair Trade natürlich, und um die schlechte Ökobilanz auszugleichen (schließlich muss die Ware aus Asien eingeflogen werden), unterstützt sie dort auch noch ein Schulprojekt. „Letztes Jahr, als es von Beginn an knackig kalt war, lief das Geschäft schon besser“, gibt sie zu.

Dennoch ist auch das „Mercato“-Zelt übervoll. Die Besucher probieren am „Erzgebirge“-Stand selbstgebaute Jonglier-Spielzeuge aus Holz, kaufen anderswo Strohsterne, lassen sich am „Phantasia Schoko-Laden“ von 200 Schokoladensorten verführen und bestaunen die „Untergrundbewegung“, die alte Holzdielen aus Berliner Abbruchhäusern verkauft. „Das Wetter tut dem Kaufverhalten keinen Abbruch“, sagt denn auch Karen Marscholik. „Die Leute kommen ja auch mit dem Ziel, hier Weihnachtsgeschenke zu besorgen.“

Zugute kommt der Sonnenschein den Gegnern der geplanten 3. Startbahn des Flughafens Franz Josef Strauß, die an einem Stand Unterschriften für ein Bürgerbegehren sammeln. „In den ersten Tagen lief es schleppend“, sagt eine freundliche Wutbürgerin, die laufend neue Listen auf den Tresen legen muss, weil die alten vollgeschrieben sind. „Aber heute haben wir in drei Stunden schon 180 Unterschriften gesammelt.“

Unter hunderten Glas- und Metall-Sternen stehen derweil Kerstin Reiner und Janina Brunner im Laden „Rainbow Design“. Wie sie das ungewohnt warme Tollwood finden? „Wir waren ja noch nie hier“, sagt Janina, die aus der Nähe von Passau kommt. Gemeinsam mit Kerstin hat sie gerade eine Ausbildung zur Hotelfachfrau im Hotel Vier Jahreszeiten begonnen. Kerstins Heimat liegt sogar noch weiter entfernt. „Ich komme aus Windhuk in Namibia“, sagt sie. „Meine Urgroßeltern lebten schon da. Und ich muss sagen: So warm finde ich es hier gar nicht.

Johannes Löhr

auch interessant

Kommentare