Konzertkritik

Verstörend und betörend: Roisin Murphy auf dem Tollwood

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Die irische Musikerin Roisin Murphy, hier bei einem Auftritt Ende Mai in Berlk

München - Die irische Ex-Moloko-Chanteuse Róisín Murphy hat am Donnerstag das Tollwood-Festival beehrt. Schnell war klar, das wird kein normales Konzert. Hier gibt's die Konzert-Kritik.

Eine Frau schlurft im Halbdunkel auf die Bühne der Tollwood-Musikarena, eingehüllt in einen Regenmantel, vornübergebeugt, mit Kopftuch, Sonnenbrille und Handtasche; sie murmelt die Zeilen des Crookers-Liedes „Royal T“, ehe sie plötzlich ein extravagantes Glitzerkleid entblößt und in einen seltsamen Tanz verfällt. Schon mit diesem Auftakt macht die Ex-Moloko-Chanteuse Róisín Murphy bei ihrem Münchner Auftritt deutlich: Das wird kein normales Konzert, sondern eher eine Performance – mal verstörend, mal betörend, irgendwo zwischen documenta X und lasziver Disco-Anmache.

Gemeinsam mit fünf Musikern zelebriert die glamouröse Königin des Elektropop vor allem einige Songs ihres phänomenalen dritten Albums „Hairless Toys“, aber auch ein paar Moloko-Nummern. Musik mit Widerhaken, die bisweilen nach verrauchtem Jazzclub klingt, bisweilen aber auch nach verruchtem Dancefloor. Flirrende Elektronik trifft auf pumpende Bässe, funky Gitarren und mutierte südamerikanische Rhythmen. Im einen Moment wird der Gesang nur vom zarten Zupfen einer akustischen Gitarre begleitet, im nächsten entfacht das Sextett eine infernalische Lärmorgie.

Prickelnde Musik in prickelnden Outfits

Róisín Murphy, deren Stimme von Eisfee-Kühle bis zu fauchender Erotik viele Facetten zeigt, serviert die prickelnden Songs in prickelnden Outfits: Mit Lust an der Verkleidung wirft sie sich in schräge Fummel, versteckt sich hinter abgefahrenen Masken und präsentiert Kopfbedeckungen, die eher an Installationen erinnern als an Hüte. Mit ihren extravaganten Bewegungen wirkt sie mal wie ein Tanzschuppen-Vamp mit Talentüberschuss, mal wie Marlene Dietrich, die sich in „Das Phantom der Oper“ verirrt hat. Im auf Italienisch gesungenen Klassiker „Non credere“ schreit sie ein leidenschaftliches „No“ heraus; bei „Jealousy“ drückt sie ein Stofftier schier zu Tode. 

Abgerundet wird ihre Darbietung durch eine aufwändige Lichtshow: Art-Pop, der sämtliche Genre-Grenzen sprengt – durchgeknallt, abwechslungsreich, rauschhaft.

Marco Schmidt

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