Kritik: BAP auf dem Tollwood

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Schulterschluss bei der Gitarrenarbeit: Wolfgang Niedecken (re.) und BAP-Saitenmann Helmut Krumminga auf der Tollwood-Bühne.

München - Wolfgang Niedecken beweist beim Konzert von BAP auf dem Tollwood, dass er seinen Schlaganfall weggesteckt hat. Lesen Sie hier die Kritik:

Logisch, dass Worte jetzt auf der Goldwaage liegen. „Ab und zu fühlt man sich schutzlos“, „Nix wie bisher“, „Auch die kostbarsten Momente gehen vorbei“: Vieles, was Wolfgang Niedecken heute im stickigen Tollwood-Zelt singt (natürlich auf Kölsch), bekommt plötzlich eine neue Bedeutung. Der 61-jährige Sänger der Band BAP hatte im November einen Schlaganfall erlitten – und steht ein gutes halbes Jahr später schon wieder auf der Bühne, spielt ein dreistündiges, umjubeltes Konzert.

Auch wenn mancher Satz also wirkt wie der Stoßseufzer eines Mannes, der mächtig Schwein gehabt hat – geschrieben wurden die Songs vor der Erkrankung. Und Niedecken spart sich das Thema erst mal. Er beginnt programmatisch mit dem Titelsong des aktuellen Albums, „Halv su wild“ – „Halb so wild“, die Tatsache, dass das Publikum ihn erleichtert feiert, quittiert er mit der Frage: „Trügt mich der Verdacht, dass hier relativ viele Exil-Rheinländer am Start sind?“

Er ist bester Laune, und die Band scheint ihm mehr noch als zuvor Stütze und Stab. So etwa Gitarrist Helmut Krumminga, der fast mehr Rampenlicht bekommt als der Chef (und ein paar Mal zu oft das Elfte Gebot – „Du sollst Dir lange und weilige Soli verkneifen“ – bricht), und Trommler Jürgen Zölle, der für eine karnevaleske Alberei nach vorne kommt. Besonders aber Geigerin Anne de Wolff bereichert das Team: Sie verpasst vielen Songs einen exotischen Anstrich, wie einst Scarlet Rivera das für Bob Dylan bei dessen „Rolling Thunder Revue“ tat.

Überhaupt wird Niedecken seinem großen Vorbild immer ähnlicher: Mit Jeanskluft und Melone wirkt er blendend gereift – und sollte sich jemand im Vorfeld gefragt haben: „Kann der noch?“ Er kann noch. Niedecken feuert an, „verzällt sich jet“ über seinen Großvater oder über Gottvater im Alten Testament („wie Clint Eastwood im Spätwerk: immer schlecht drauf. Aber gerecht“). Wortgewaltige Epen wie „Alexandra, nit nur du“ oder „Diego Paz wohr nüngzehn“ (dem verstorbenen „Deep Purple“-Organisten Jon Lord gewidmet) zeigen zudem: Er ist prima bei Stimme. Beim Hit „Verdamp lang her“ steht die Hütte natürlich kopf, und am Ende entlässt Niedecken seine Treuen mit den zwei schönsten BAP-Songs, „Jupp“ und „Do kanns zaubre“.

Und der Schlaganfall? Irgendwann wird der Sänger dann doch noch konkret: „Es ist nicht normal, dass so viele Menschen für einen beten – teilweise sogar bis nach Mekka. Das ist nicht normal.“ Den nächsten Song widmet Niedecken seinem Schutzengel.

Johannes Löhr

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