Sinnlicher Start in sechste Münchner Jahreszeit

Das Tollwood tanzt den Limbo

Die Limbo-Mannschaft leistet sich 75 Minuten lang keinen einzigen Durchhänger.

München - Am Dienstag gab es auf dem Tollwood eine beeindruckende Limbo-Premiere. Lesen Sie hier den Bericht.

Man muss auch mal Glück haben im Leben. Wir sitzen genau an dem Tisch, zu dem sich aus steiler Höhe die schöne (zum Glück in dieser Nummer nicht feuerspuckende) Fee mehr und mehr zu uns hinabbeugt. Fast zum Greifen nahe – dann streckt sie auch noch huldvoll lächelnd den Arm entgegen. Aber es fehlen die entscheidenden Zentimeter zur Berührung dieses dämonischen Lichtwesens. Was bleibt ist die Erinnerung an die wohl schönste, zauberhafteste Nummer aus Limbo, die am Dienstag bei Tollwood Premiere hatte.

Drei Menschen sitzen auf drei biegsamen, langen Stangen, pendeln immer wieder aufeinander zu und voneinander weg, kreisen, berühren sich dann und wann (mit Absicht), driften wieder auseinander. Das alles eingebettet in Livemusik, die nie dräuend daherkommt, sondern bei allem Effekt peppigen Witz hat und durch etwaige Stile berserkert. Sprich: toller Tollwood-Start im Spiegelzelt! So kann die sechste Jahreszeit weitergehen.

Das Mitreißende an der australischen Produktion ist, dass die nicht gerade neue Mischung aus Tanz, Akrobatik und Gefühl ohne Gefühligkeit zelebriert wird. In rund 75 Minuten gibt es keine Durchhänger. Jeder der Artisten fesselt auf seine Art, jeder macht etwas ganz Eigenes, und dennoch steht alles unter einem gemeinsamen Drive und Druck, dass Abschalten so gut wie unmöglich ist.

Die gesamte Crew.

Das liegt auch an der Livemusik auf insgesamt rund 50 Instrumenten von der Tuba bis zur Flöte, von Schlagzeug bis zur E-Gitarre, von Mundharmonika bis zur Beatbox. Sie überbrückt die kurzen Umbaupausen, dazu gibt’s immer wieder hübsche Anzüglichkeiten. Ein Schelm, wer bei dieser Feuerschluckerin nicht das Schwert sein will. Dass die Dame allerdings auch noch eine gefühlt 1,23 Meter lange Neonröhre in ihrem Schlund versenkt, entlockt dem begeisterten Premiere-Publikum ein deutliches Schaudern in der Kehle.

Limbo – die zweite Show der Truppe nach Cantina auf Tollwood – ist umwerfend unkonventionell, entwaffnend ehrlich und energetisch wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Bleibt die alljährliche Frage: mit oder ohne? Wir plädieren für ohne. Soll heißen, ohne das hinzubuchbare Vier-Gänge-Menü, das geschmeidige 35 Euro extra kostet. Nur die „Pavlova“ konnte uns überzeugen. Das ist das Dessert und wird nach der Show serviert. Die „Venus“ war allerdings alles andere als sinnlich (Selleriesüppchen), die „Mata Hari“ ein sehr geheimnisloses Grillgemüse im Reismantel mit Tomatensalsa und die „Lolita“ nicht gerade zart und knusprig. Lolita ist der Perlhuhnschenkel mit einer Beilage aus geschmacksneutralen Tomatenhälften mit Couscous.

Aber es geht schließlich um die Kunst. Und dafür sind 38,95 Euro (erm. 33,20 Euro) – also ohne – wahrlich nicht zu viel.

Matthias Bieber

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