Tierschutz mit spektakulären Installationen

Tollwood: Was steckt hinter dem Riesen-Schwein?

Das Kunstschwein.

München - Seit Dienstag ist es wieder so weit: Das Tollwood-Festival hat seinen Markt und die Zelte geöffnet. Und auch in diesem Winter steht die Kunst auf dem Gelände wieder ganz im Zeichen der Tiere.

Verschiedene Künstler haben das Motto artgerecht für München auf ihre eigene Art und Weise interpretiert. Und so stehen jetzt auf der Theresienwiese auch ein riesiges Schwein in Holz, eine Skulpturengruppe, bei der sich Tiere auf die Hinterbeine stellen, und eine Kuscheltierschlachterei. Sie sollen die Besucher mitten in der Weihnachtsidylle zum Nachdenken bringen. Die tz machte den Test und recherchierte, wie viel Wahrheit in der Kunst steckt.

Alles wirklich arme Schweine

Das Kunstschwein.

Kunst: Es thront richtig über dem Festgelände und ist doch nur ein ganz armes Schwein: Das zehn Meter lange und fünf Meter hohe Holztier ist in enge Gitterstäbe gepfercht. Der ungarische Bildhauer Gabor Miklos Szoke will für artgerechte Tierhaltung sensibilisieren.

Realität: Die Wirklichkeit sieht leider genau so aus wie die Kunst. Zuchtsauen haben zwischen 2,4 und 2,8 Quadratmeter Platz. Über viele Wochen sind sie in enge Kastenstände gepfercht, wo sie nur liegen und stehen können. Umdrehen ist nicht möglich. Zwar ist seit letztem Jahr die Haltung in Gruppen vorgeschrieben. Doch für einige Wochen nach dem Besamen, der Zeit vor der Geburt und dem Säugen der Ferkel, kommen die Sauen hinter Gitter. Auf einen harten Boden ohne Stroh. Ursprünglich wurden die Schweine  eingesperrt, weil man dachte, dass weniger Ferkel erdrückt werden. Mittlerweile weiß man, dass Schweinemütter sich besser um ihren Nachwuchs kümmern können, wenn sie ihm ein Nest bauen und sich frei bewegen können. Auch für das Immunsystem der Kleinen ist so ein Kontakt gesünder. Aber in den Gesetzen haben sich die wissenschaftliche Erkenntnisse noch nicht niedergeschlagen, und so sind die 58 Millionen Schweine, die jedes Jahr in Deutschland aufgezogen und geschlachtet werden, von Anfang an ganz arme Schweine.

Geschlachtet werden Tierkinder

Kunst: Miroslav Menschenkind muss sich oft gegen den Vorwurf wehren, er würde mit seiner Kuscheltierschlachterei die Kinder erschrecken. Er köpft Teddys, zerlegt sie fachgerecht (sein Opa war wirklich Metzger) und dreht sie durch den Fleischwolf, um sie zu Würstchen zu verarbeiten.

Realität: Die Realität im Schlachthof ist ein Töten am Fließband. Im größten Geflügelschlachthof Europas im niedersächsischen Wietze sterben pro Stunde 27 000 Hühner. Insgesamt 600 Millionen Jungmasthühner werden jedes Jahr in Deutschland geschlachtet, dazu 58 Millionen Schweine, 3,6 Milionen Rinder, 10 000 Pferde, 2 1000 Ziegen und 890 000 Lämmer. Bei den Schlachttieren handelt es sich um Tierkinder: Hühner sind gerade mal sechs Wochen alt (Lebenserwartung: über zehn Jahre), Kälber sterben mit acht Monaten, Rinder meist zwischen vier und sechs Jahren (Lebenserwartung: über 20 Jahre Jahre) und Schweine mit sechs bis acht Monaten (Lebenserwartung: bis 20 Jahre). Es ist bekannt, dass beim Akkordtöten nicht jedes Tier so betäubt wird, dass es wirklich nichts spürt. Ein Problem ist auch das Schlachten von trächtigen Milchkühen.

Klagen im Namen der Rechtlosen

Kunst: Was wäre, wenn Tiere auf die Straße gehen und protestieren könnten? Auf das Recht von Huhn, Rind und Co. auf artgerechte Tierhaltung macht die Demonstration der Tiere vom österreichischen Installationskünstler Ludwig Frank und dem japanischen Holzbildhauer Mukai Katsumi aufmerksam.

Realität: Zwar gelten Tiere rechtlich nicht mehr als Sache, und im Grundgesetz ist verankert, dass ihnen ohne vernünftigen Grund kein Leid zugefügt werden darf.  Das heißt aber noch lange nicht, dass sie Rechte haben, die einklagbar wären. Und so werden ihre Bedürfnisse nach Platz und artgerechter Lebensweise ignoriert (Foto), bei Hühnern z. B. im Boden zu scharren oder zur Gefiederpflege im Sand zu baden. Ihnen werden die Schnäbel gestutzt, damit sie sich nicht aus Langeweile und Aggression selbst verletzen. In der Massentierhaltung werden die Tiere den Haltungsbedingungen angepasst und nicht die Ställe nach den Bedürfnissen der Tiere gebaut. Dass geht nur, weil es nur sehr eingeschränkte Möglichkeiten gibt, für Tiere zu klagen. Bisher haben nur in Nordrhein-Westfalen ausgewählte Verbände das Recht, im Namen der Tiere vor Gericht bessere Bedingungen zu erstreiten. 

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