Die Enkel von Chaplin

"Slapstick Sonata": Zirkus-Show begeistert Tollwood-Gäste

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Komik und Akrobatik mit „Slapstick Sonata“ auf dem Winter-Tollwood.

München - Münchens Tollwood hat es wieder einmal demonstriert, kann alles sein. Das beweist die Show „Slapstick Sonata“des tschechischen Cirk La Putyka und des finnischen Circo Aereo auf dem Tollwood.

„Zirkus heute“, Münchens Tollwood hat es wieder einmal demonstriert, kann alles sein. Und das auch ohne Elefanten-Reigen und durch Reifen springende Tiger. Was heuer die Truppen aus Vietnam, Kolumbien und Marokko gezeigt haben – letztere nicht ganz so fantasievoll –, das war durchinszeniertes Gesamtschauspiel aus vielfältiger Boden-und-Luft-Akrobatik, Clownerie, Choreographie, Musik und Landeskunde. Den Abschluss machte jetzt „Slapstick Sonata“, eine Koproduktion des tschechischen Cirk La Putyka und des finnischen Circo Aereo.

Die Bühne des Grand-Chapiteau-Zeltes ist diesmal eine verlotterte Baustelle. Sechs „Handwerker“ lungern da so herum, mit offensichtlich null Bock auf Arbeit, dafür mit viel Unsinn im Sinn. Nach einem etwas schleppenden Beginn (ein ohne Ball zu lange herumfuchtelndes Federballspiel) nimmt die „Sonate“ bald Tempo auf. Abgesehen von einer Anno-dazumal-Clownsnummer inklusive fehlgeleitetem Rasierschaum, sind Gag und Slapstick hier die komische Einkleidung für die dargebotene Artistik.

Wenn ein eifriger „Zimmerer“ sich mit seinem geschulterten langen Balken im Kreise dreht, der „Lehrling“ sich blitzschnell ducken oder einfach als Pas-de-deux-Partner mitkreiseln muss, wenn Klappleitern rasend schnell erklettert und vertrackt beturnt werden, dann sind wir, bang, zurück im Stummfilm. Dann sind die Enkel von Chaplin und den Marx Brothers von der Leine gelassen: Sie balancieren auf den waagerecht gehaltenen Armen ihrer Kollegen. Sie schleudern sich von der Wippe hoch und landen blind (weil hinterrücks!) mit den Füßen auf dem schmalen Brett eines aus zwei Klappleitern bestehenden Gerüstes. Welches dann mit zwei weiteren eingezogenen Brettern zur dreistöckigen Schlafkoje wird.

Das  ist  unterschwellig die Putyka-Botschaft: Der Mensch in seinem kindlichen Spieltrieb ist herrlich erfinderisch. An Ideen mangelte es Regisseur Maksim Komaro nicht. Und wenn seine Music-Collage stilvoller zusammengestellt wäre, hätte die Show an Atmosphäre nur noch gewinnen können. Das wechselt ständig, und nur grob ineinander überführt, zwischen Bach, Mozart und irgendwelcher kracherter (auch unsinnig verstärkter) Pop- und Worldmusik. Tipp: Ohropax in die Wascheln stecken und die Augen weit aufmachen: für solche Überraschungen wie den „Vorarbeiter“, der nach Striptease bis aufs U-Höschen einen Gymno-Break-Tanz hinlegt. Für die beiden Damen, die an den Strapaten – hier ist es gleich ein ganzes Bündel von Senkrechtbändern – die elegantesten Figuren wirbeln. Am Schluss hängen sich ins Bändergewirr auch noch die vier  Männer.  Eine Akrobaten-Traube! Wenn das kein Einfall ist.

Weitere Vorstellungen bis 22. 12., Tel. 089/54 818181.

Von Malve Gradinger

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