Porträt

Zeltstadt mit Herz: Tollwood-Institution Raith

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Prost Hirsch: Raith in ihrer Tief-im-Wald-Bar auf dem Winter-Tollwood

München - Viktoria Raith ist seit 1995 auf dem Tollwood dabei, als Chefin vom Andechser Zelt. Als Institution. Mit einem Leben zwischen Andechs, Allgäu und Australien.

Viktoria Raith ahnt schon, wie es wird. Sonntag in einer Woche. Wenn der letzte Gast gegangen ist. Wenn sie ihr Zelt schließt. Wenn obzapft is. Erst einmal wird sie erleichtert sein. Das Gefühl, es hätte keinen Tag länger gehen dürfen, es wird die Sehnsucht nach dem kommen, was sie die dreieinhalb Wochen davor nicht hatte. Viel Ruhe und viel Schlaf. Aber dann kommt bald schon die Vorfreude auf das nächste Mal. Denn los kommt sie von hier nicht mehr.

So wird das sein, Viktoria Raith weiß das, weil sie das schon oft genug erlebt hat. Jedes Jahr, seit 1995. Als Chefin vom Andechser Zelt. Als Institution vom Tollwood. Mit einem Leben zwischen Andechs, Allgäu und Australien.

Es ging schon früh los, die Beziehung zwischen Viktoria und Andechs. Als Mädchen aus dem Allgäu war sie auf der katholischen Realschule Maria Stern in Immenstadt, einmal besuchten die Nonnenschwestern die Klosterbrüder, bei einem Schulausflug auf den Heiligen Berg östlich vom Ammersee. Dass Andechs einmal ihr Leben umkrempeln würde, daran dachte sie damals nicht – und auch nicht, als sie in einer Künstleragentur arbeitete, PR machte für klassische Musiker, Tourneen organisierte und ein gutes Jahr in Russland lebte. Und erst recht nicht, als sie die Berge Kirgisiens durchwanderte und mit einer Freundin durch die Einsamkeit der Mongolei zog, worüber sie dann auch ein Buch schrieb: Steppen, Tempel und Nomaden. In Kirgisien und der Mongolei ging es nicht ganz so zu wie auf dem Tollwood.

Zum Tollwood kam sie 1994. Ein Jahr arbeitete sie als Pressesprecherin, und im gleichen Jahr verliebte sie sich dort in ihren späteren Mann. Patrick Brennan, ein australischer Artist des gefeierten Circus Oz, der damals auf dem Tollwood gastierte. Brennan blieb schließlich hier – und Raith beim Tollwood. Als Festival-Chefin Rita Rottenwallner eine Wirtin für das Festzelt brauchte, sprang sie kurzfristig ein.

Auf der Suche nach einem großen Sponsor hatte Viktoria Raith alle Münchner Brauereien angefragt. Aber das Tollwood-Festival hatte damals bei vielen immer noch das Image eines g’spinnerten Freak-Festivals von weltverbessernden Öko-Fuzzis und dogmatischen Birkenstock-Sandalisten. Deswegen sagten alle Brauereien ab, weil Tollwood und Münchner Bier, das passe ja noch weniger zusammen als der Teufel und das Weihwasser. Würde dem eigenen Image ja nicht entsprechen, hörte Viktoria Raith dann immer. Es erinnert ein wenig an die Geschichte von Joanne K. Rowling, die ihr Manuskript für Harry Potter immer wieder zurückgeschickt bekam, weil die Verlage das als nicht druckreif erachteten, bis sie doch einen Herausgeber fand.

Viktoria Raith wurde dann eben im Umland fündig. In Andechs, weil der damalige Brauereichef Alexander Jesina sagte: „Des machma.“ Und sie machten es, weil dann auch Pater Anselm Bilgri seinen Segen gab. Ein Jahr wollte Viktoria Raith bleiben, aus dem einen Jahr wurden mittlerweile 18. Das Andechser ist heuer volljährig geworden.

Und auch das Tollwood ist viel erwachsener als am Anfang. Nicht mehr so ausgeflippt, schon noch alternativ, aber viel seriöser. Das Tollwood ist begehrt, und Viktoria Raith weiß noch, wie sie anfangs Münchner Musikgruppen anschrieb, ob sie nicht bei ihr im Zelt spielen wollten. Aber kaum einer wollte. Heute bekommt sie jedes Jahr 400 Bewerbungen von Bands, bis aus Berlin und Hamburg. Den meisten muss sie absagen. Nur 80 können auftreten. Im Zelt und nebenan in der Lounge.

Manche hatten hier ihre ersten Auftritte, bevor sie später Karriere machten, wie etwa La Brass Banda, die fetzigen Blasmusiker aus dem Chiemgau. Andere spielten hier einmal, danach nicht mehr, weil sie doch eher dilettantisch daherkamen und es schon vorkam, dass Viktoria Raith nach den ersten Takten eines Konzerts gefragt wurde: „Viktoria, wer hat die denn eigentlich engagiert?“ Missklänge, die aber eher selten sind.

Es ist die Harmonie, die Viktoria Raith so schätzt, die Arbeit in ihrem Team, 30 Leute, viele auch von Anfang an dabei, viele auch beim Winterfestival auf der Theresienwiese. Da ist Viktoria Raith auch, mit der Tief-im-Wald-Bar. „Besser hätte ich es nicht erwischen können“, sagt sie.

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In den Wochen nach dem Tollwood lebt Viktoria Raith mit ihrem Patrick wieder im Allgäu. Arbeitet in Ruhe als Übersetzerin, Italienisch, Französisch und plant dann allmählich für den Winter. Ohne Tollwood und ohne Andechser, sagt sie, das wäre nicht mehr denkbar. Schon gut erst einmal, wenn’s vorbei ist. Aber bald wird’s Zeit, dass es wieder losgeht.

Mein München-Platz

An der Isar, dem für mich schönsten Stadtfluss der Welt.

Mein München-Gericht

Briesmilzwurst mit Kartoffel-Gurken-Salat.

Mein München-Lokal

Gaststätte Großmarkthalle Zum Wallner, bayerisches Essen in Urform und Kellnerinnen mit Format.

Mein Münchner

Hans Reindl (leider verstorben), ein lebenslustiger Münchner der reinsten Sorte, voller Geschichten über die Nachkriegszeit als Gastwirtssohn vom Goetheplatz, Trompeter seinerzeit in den Münchner Clubs und Liebhaber österreichischer Weine.

München – und sonst?

In Australien in Kingajanik, dem Familienanwesen meines Mannes. Allerdings ist es im Allgäu auch wunderschön.

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