tz-Hilfsaktion „Gemeinsam gegen Hunger“  

Aufstehen und nicht jammern

Yvonne Knogl mit ihren Töchtern Katharina.
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Yvonne Knogl mit ihren Töchtern Katharina.

Jammern ist nicht ihr Ding. War es noch nie. Nicht als, Yvonne im Alter von sechs Jahren Bierkisten aus der Nachbarkneipe für den Vater holen musste. Nicht, als die 16-Jährige von Zu Hause rausflog, weil der Stiefvater mit der Mutter alleine leben wollte. Und auch nicht, als sie mit dem ersten Kind ganz alleine da stand, verlassen vom Kindsvater und dann auch noch krank wurde.

Hinfallen, aufstehen, Krone richten, weitergehen! In verschiedenen Schriften auf rosa gestrichenem Holz prangt das Motto von Yvonne Knogl (39) im Wohnzimmer ihrer Zwei-Zimmer-Wohnung. Sie ist schon oft hingefallen in ihrem Leben, aber immer wieder aufgestanden. Für ihre beiden Töchter Katharina (12) und Joyce (9). „Das Beste in meinem Leben“, sagt die gelernte Informatik-Fachkraft.

Jeden Samstag macht die Giesingerin mit ihren Mädels Großeinkauf. Wie viele Familien. Aber die Knogls bekommen ihre Lebensmittel bei der Münchner Tafel am Großmarkt und kaufen sie nicht im Supermarkt um die Ecke ein. Seit sieben Jahren sind sie Tafelgäste, fahren mit dem Bus von Giesing mit ihren Trollys und Taschen ans Westtor, stellen sich in der Früh bei jedem Wetter an, um dann Lebensmittel für die nächste Woche zu bekommen. „Frau Knogl und ihre Mädels sind uns sehr ans Herz gewachsen“, sagt Ausgabestellenleiter Axel Schweiger. Kaum ein anderer kennt die Sorgen und Nöte der Gäste so gut wie er, hat immer ein offenes Ohr und meist auch eine Idee, wenn es Probleme zu lösen gilt. „Ich bewundere diese Familie oft. Immer freundlich, hilfsbereit und nie lamentierend“, erklärt Schweiger voller Respekt. Katharina und Joyce stehen mit ihrer Mutter nicht einfach in der Schlange für Brot, Obst, Gemüse und anderen alltäglichen Bedarf an. Die Kinder helfen mit, sortieren und verteilen an andere. Gut genug kennen sie sich ja aus. Joyce kann sich an nichts anderes erinnern, als dass der Samstagvormittag so stattgefunden hätte. „Wir bekommen so viel Hilfe von der Münchner Tafel, da ist es doch selbstverständlich, dass man auch etwas zurückgeben möchte“, so die Mutter.

Die Mädchen teilen sich ein Zimmer, Mama Yvonne ist dankbar für die Tafelspenden.

Auch in Corona-Zeiten. Jetzt mit genügend Abstand und Maske. Yvonne Knogl wartet geduldig bis sie dran ist, lehnt ab, wenn ihr jemand zu viel für sie und die beiden Kinder geben will. „Es wäre doch schade, wenn der Salat bei uns schlecht wird, weil wir ihn daheim nicht lagern können und jemand anders kann ihn gut gebrauchen. Wir nehmen alle nur das, was wir wirklich essen und verwenden.“ Besonders freut sich die Mutter, wenn es mal etwas Besonders gibt, diesmal ist sogar Haarspray dabei und ein veganes Curry. „Das ist für die Mädchen toll und ich finde es auch gut, weil wir so andere Gerichte kennenlernen oder auf neue Ideen kommen. Und unser Haushaltbudget ganz unerwartet entlastet wird. Ohne die Unterstützung durch die Tafel würden wir einfach nicht durchkommen“, erzählt sie und rechnet durch, was sie durch die Tafel-Waren in der nächsten Woche für finanzielle Freiräume hat.

Zum Lernen setzt sich Katharina (unten) in den Flur, Mama Yvonne ist dankbar für die Tafelspenden.

Mit Zahlen kann Yvonne Knogl gut umgehen. Muss sie auch. Denn viel hat die Giesingerin nicht zum Leben. 75 Euro bleiben pro Woche, zieht man die 600 Euro Miete, Strom, Versicherungen, Telefon- und Internetkosten, Futter für die Tiere, Essensgeld für Joyce in der Schule und die anderen Fixkosten ab. Manchmal bekommt die Mutter auch Unterhalt des Vaters der zweiten Tochter. Doch der arbeitet als Pizzabäcker, ist jetzt durch Corona in Kurzarbeit und hält sich mit Putzjobs über Wasser. „Er unterstützt uns immer, wenn er kann, aber oft hat er selbst nicht genug.“ In der Wohnung der drei Knogl-Frauen kann er nicht wohnen. 54 Quadratmeter, zwei Zimmer, Lebensbegleiter Kater Jerry (17) und Hund Coco. Das Bett von Yvonne Knogl steht im Wohnzimmer. Manchmal setzt sich Katharina zum Lernen auf den Boden in den Flur, damit sie genügend Platz und ein bisschen mehr Ruhe hat.

Katharina und Joyce (l.) sind selbst Tafelgäste, helfen aber trotzdem auch regelmäßig mit.

„Coco ist mein Zimmer“, sagt die 39-Jährige. „Wenn ich mit ihr eine Runde gehe, dann ist das meine Zeit, da bin ich ganz für mich, da habe ich Luft zum Atmen. Wie in einem eigenen Zimmer.“ Sie braucht den Hund auch als Sicherheit. Seit sie als 16-Jährige ein halbes Jahr auf der Straße leben musste, hat sie oft Angst. Coco beschützt sie und gibt ihr Sicherheit.

Das Leben hat es oft nicht gut gemeint mit Yvonne Knogl. Sie leidet an einer Insulinresistenz, hatte starkes Übergewicht, aber es inzwischen von Kleidergröße 50 auf 42 mit viel Disziplin geschafft, litt lange an den Folgen ihrer Kindheit und Zeit auf der Straße. Und trotzdem hat sie sich von Job zu Job gehangelt, den Schulabschluss gemacht, eine Ausbildung als Informatikfachkraft geschafft, zwei Kinder bekommen und bildet sich jetzt auch als Bürofachkraft fort, weil sie keine feste Stelle findet. Ihre Krankheit, ihre Lebensgeschichte halten Arbeitgeber immer wieder davon ab, sie dauerhaft festanzustellen. „Ich werde etwas finden, das weiß ich“, sagt sie fest überzeugt.

Katharina (vorne) und Joyce sind Tafelgäste und helfen aber auch kräftig mit.

Ihren Optimismus, ihren Willen, etwas zu erreichen, hat die Münchnerin ihren Töchtern weitergegeben. Katharina hat es alleine von der Mittelschule in die Realschule geschafft. Sie möchte gerne einmal ins Hotelfach. Reisen und mit Leuten zusammen sein, das wünscht sie sich. Ihre kleine Schwester lernt jeden Tag, um den Übertritt von der vierten Klasse aufs Gymnasium zu schaffen. Und die Noten sehen gut aus. „Ich bin sehr stolz auf meine Mädchen und freue mich, wenn ich sie auch mal belohnen kann. Zum Beispiel mit Schuhen, die sie gerne möchten, weil sie alle anderen in der Schule auch haben“, erzählt mama Yvonne. „Und das geht nur, weil uns die Tafel so unterstützt, dass ich für solche Wünsche etwas zur Seite legen kann.“

Spendenkonten und mehr Informationen finden Sie hier: tz-Aktion zugunsten der Münchner Tafel und Unicef: Gemeinsam gegen Hunger

Bilder: So arbeitet die Münchner Tafel, um bedürftige Familien und Senioren zu unterstützen

Ehrenamtliche Helfer der Münchner Tafel verteilen Lebensmittel und weitere Sachspenden wie Winterkleidung an bedürftige Münchner.
Ehrenamtliche Helfer der Münchner Tafel verteilen Lebensmittel und weitere Sachspenden wie Winterkleidung an bedürftige Münchner. © Klaus Haag
Jerome Boateng beim Weihnachtsessen der Münchner Tafel 2019
Fußballer Jerome Boateng hilft bei der Münchner Tafel regelmäßig mit. © Münchner Tafel/Chris Eberhard
Helfer der Münchner Tafel laden die Lebensmittel für Obdachlose aus
Ehrenamtliche Helfer bringen Lebensmittel zum „Haus vom Heiligen Benedikt Labre“, in dem ehemalige Obdachlose ein neues Zuhause gefunden haben. © Klaus Haag
Fieber messen bevor die Tafelgäste an die Ausgabe dürfen
Corona-Schutz: Bevor sich die Tafelgäste zur Lebensmittelausgabe anstellen dürfen, wird Fieber gemessen. © Klaus Haag
Wenka Russ im Büro der Münchner Tafel mit dem Prostspenden-Krug
Wenka Russ ist für das Fundraising bei der Münchner Tafel zuständig - eine ihrere Kampagnen heißt Prostspenden. Für jede getrunkene Mass Bier während des Oktoberfestes 2019 und ach der ausgefallenen Wiesn 2020 haben Spender einen Euro an die Tafel gegeben. © Klaus Haag
Bettina hilft bei der Lebensmittelausgabe
Ehrenamtliche Helfer wie Bettina bereiten die Lebensmittelausgabe vor. © Klaus Haag
Vor dem Lockdown light haben sich die Tafelgäste mit Maske angestellt.
Großkampftag: Jeden Samstag werden rund 630 Gäste von der Münchner Tafel an der Ausgabestelle am Großmarkt versorgt. Hier noch vor dem Lockdown light. © Klaus Haag
Katharina (vorne) und Joyce laden den Transporter aus.
Katharina (vorne) und Joyce sind Tafelgäste und helfen aber auch kräftig mit. © Klaus Haag
Ausgabestelle Neuperlach: die Tafelgäste stehen Schlange.
Anstehen und Warten mit viel Abstand bei der Ausgabestelle in Neuperlach. Dort gibt es auch warmes Essen für Hilfsbedürftige. © Klaus Haag
Fahrer Julius Huy holt Lebensmittelspenden bei der Metro ab.
Fahrer Julius Huy holt Lebensmittelspenden bei der Metro ab. © Klaus Haag
Hannelore Kiethe von der Münchner Tafel und Claudia Graus von Unicef (r.) mit dem Aktionsplakat der tz
Gemeinsam gegen Hunger: Hannelore Kiethe von der Münchner Tafel und Claudia Graus von Unicef (r.). © Klaus Haag
Dorit Caspary gibt Brot aus.
tz-Redakteurin Dorit Caspary durfte bei der Ausgabe in Milbertshofen helfen. © Klaus Haag
Briefing vor der Ausgabe in Milbertshofen
Bevor die Ausgabe der Lebensmittel startet, gibt es für die Helfer immer ein Briefing, in dem alle über die aktuellen Hygienemaßnahmen und Besonderheiten des Tages informiert werden.  © Klaus Haag
Das Obst und Gemüse wird in den typisch blauen Tafelkisten aufbewahrt.
Das Obst und Gemüse wird in den typisch blauen Tafelkisten aufbewahrt. © Klaus Haag
Qualitätscheck von Elisabeth Schrott: Nur Obst und Gemüse, das in Ordnung ist, wird verteilt. Verdorbene und vergammelte Produkte werden vorher aussortiert.
Qualitätscheck von Elisabeth Schrott: Nur Obst und Gemüse, das in Ordnung ist, wird verteilt. Verdorbene und vergammelte Produkte werden vorher aussortiert. © Klaus Haag
Daniel Sautter arbeitet als Architekt und hilft jede Woche einen Tag bei der Tafel. Er ist zuständig für Brotstand.
Daniel Sautter arbeitet als Architekt und hilft jede Woche einen Tag bei der Tafel. Er ist zuständig für Brotstand. © Klaus Haag
Noch eine Stunde bis die Tafelgäste kommen. Bis dahin müssen alle Waren ausgeladen, sortiert und an die einzelnen Stände verteilt werden.
Noch eine Stunde bis die Tafelgäste kommen. Bis dahin müssen alle Waren ausgeladen, sortiert und an die einzelnen Stände verteilt werden. © Klaus Haag
Ausladen der Waren
Die Tafelarbeit lebt vom Miteinander: Jeder hilft jedem. © Klaus Haag
Instruktion der Fahrer bevor es auf Abholtour geht.
Jeden Morgen bekommen die Fahrer ihren Routenplan, wo sie Lebensmittelspenden abholen. © Klaus Haag
Beim Bio Markt Denn‘s in Moosach holen Bufdi Lida und Fahrer Robert Gräf bei Marktleiter Tomislav Bekavac die Waren ab.
Beim Bio Markt Denn‘s holen Bufdi Lida und Fahrer Robert Gräf bei Marktleiter Tomislav Bekavac die Waren ab. © Klaus Haag
Bei der Metro können die Tafel-Transporter die Waren direkt von den Kühlräumen abholen.
Die Metro ist einer der großen Spender für die Münchner Tafel. © Klaus Haag
Bufdi Frieso packt Lebensmittelkisten im Lager der Münchner Tafel.
Frieso ist einer von derzeit 17 jungen Menschen, die ihren Bundesfreiwilligendienst (Bufdi) bei der Münchner Tafel absolvieren. © Klaus Haag
Wenka Russ checkt die Einteilung der Fahrten und Transporter auf dem Logistik-Plan.
Welcher Transporter muss wann wohin? Hinter der Logistik der Münchner Tafel steckt ein ausgeklügeltes System. © Klaus Haag
Fahrerbesprechung: Bevor es auf Tour geht, bekommen die Helfer noch tagesaktuelle Pläne.
Fahrerbesprechung: Bevor es auf Tour geht, bekommen die Helfer noch tagesaktuelle Pläne. © Klaus Haag
Hans Neisberger ist seit acht Jahren bei der Münchner Tafel. Bereits im Morgengrauen ist er auf dem Großmarktgelände unterwegs, sortiert die ersten Ladungen.
Hans Neisberger ist seit acht Jahren bei der Münchner Tafel. Bereits im Morgengrauen ist er auf dem Großmarktgelände unterwegs, sortiert die ersten Ladungen. © Klaus Haag
Vroni und Holger treffen sich immer samstags an der Großmarkthalle, um gemeinsam Brot zu verteilen.
Ein eingespieltes Team: Vroni und Holger treffen sich immer samstags an der Großmarkthalle, um gemeinsam Brot zu verteilen. © Klaus Haag
Das Paritätische Mutter-Kind-Haus wird regelmäßig von der Münchner Tafel beliefert. Sozialpädagogin Vanda Colic (r.) hilft einer Bewohnerin, eine Kiste auszuladen.
Das Paritätische Mutter-Kind-Haus wird regelmäßig von der Münchner Tafel beliefert. Sozialpädagogin Vanda Colic (r.) hilft einer Bewohnerin, eine Kiste auszuladen. © Klaus Haag
Gründerin Hannelore Kiethe in ihrem Büro auf dem Großmarktgelände.
Gründerin Hannelore Kiethe ist Kopf, Herz und Seele der Münchner Tafel. © Klaus Haag
Egal bei welchem Wetter helfen Hilde und Paul Breitner jeden Montag bei der Ausgabestelle in Haidhausen.
Egal bei welchem Wetter helfen Hilde und Paul Breitner jeden Montag bei der Ausgabestelle in Haidhausen. © Michael Westermann
Kontrollcheck: Bei jeder Tour prüft der Fahrer, ob die Anzahl der Kisten und der Warenzettel stimmt.
Kontrollcheck: Bei jeder Tour prüft der Fahrer, ob die Anzahl der Kisten und der Warenzettel stimmt. © Klaus Haag
Die Münchner Tafel versorgt nicht nur die einzelnen Gäste mit Lebensmitteln, sondern auch über 100 soziale Einrichtungen wie hier das „Haus vom heiligen Benedikt Labre“.
Die Münchner Tafel versorgt nicht nur die einzelnen Gäste mit Lebensmitteln, sondern auch über 100 soziale Einrichtungen wie hier das „Haus vom heiligen Benedikt Labre“. © Klaus Haag

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