tz-Hilfsaktion „Gemeinsam gegen Hunger“ 

Corona macht‘s noch schlimmer

Der Kinderschutz München im Sonderpädagogischen Förderzentrum München Ost ist Partner der Münchner Tafel.
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Der Kinderschutz München im Sonderpädagogischen Förderzentrum München Ost ist Partner der Münchner Tafel.

Schon vor Corona war laut Statistischem Bundesamt fast jeder siebte junge Mensch in Deutschland von Armut und sozialer Ausgrenzung bedroht. Besorgniserregend schätzt die Bertelsmann Stiftung den Wegfall von Zweiteinkommen in Familien wie Minijobs der Mütter ein. Folge: die Armut von Kindern und Familien nimmt stetig zu. Das gilt weltweit. Wie Corona die Menschen in Not hier und dort noch schlimmer trifft : ein Überblick.    

Die Lebensmittelspenden der Tafel für den Kinderschutz München kommen an.

Das Sonderpädagogische Förderzentrum in der Münchner Messestadt ist für die rund 270 Kinder weit mehr als eine Schule. Sie bekommen dort Unterstützung beim Lernen, bei sozialen Themen, die Kleinen werden auf die Schule vorbereitet und die Ganztageskinder werden mit gesundem Essen versorgt. Das ist unter anderem möglich, weil die Münchner Tafel jede Woche mit einem Transporter kommt und die Einrichtung im Münchner Osten beliefert. In Zeiten von Corona ist die Versorgung der Kinder so wichtig wie nie. Nikola Joseph, Leiterin der offenen Ganztagesschule und des Bereichs Sozialarbeit (Kinderschutz München), fällt immer häufiger auf, dass Kinder mehr Hunger haben als sonst. Vor allem am Monatsende, wenn das Geld besonders knapp wird.

Erster Disponent der Münchner Tafel Erwin Schreib.

Erwin Schreib, Erster Disponent der Münchner Tafel: „Als die Schulen bei der ersten Welle geschlossen waren und wir nicht liefern konnten, haben viele ihre Sorge geäußert, wie jetzt wohl die Kinder überhaupt versorgt werden.“ „Die Situation war vorher schon unbefriedigend, jetzt gibt es einfach Familien, die echte Probleme bei der Grundversorgung haben“, erzählt die Sozialpädagogin. Kurzarbeit und Jobverluste lassen die Einkommen sinken. Laut Bertelsmann Stiftung sind davon armutsgefährdete Familien am schlimmsten betroffen. Was sich bei den Eltern auf dem Konto niederschlägt, zeigt sich bei den Kindern in der Brotzeitbox: Leere. Umso wichtiger ist das Schulessen. Die warme Mahlzeit bezieht das Förderzentrum von einem Schulversorger. Obst für die Kinder, Joghurts und Zwischenmahlzeiten können mit der Hilfe der Münchner Tafel gestemmt werden. Seit zehn Jahren kommen Fahrer Klaus Lichteblau oder einer seiner Kollegen jeden Dienstag mit den Kisten. „Dieses Gefühl wie Weihnachten hat sich bisher nicht abgenutzt“, schreiben die Verantwortlichen des Projekts Kinderschutz in ihrem Dankesbrief an die Tafel. Nikola Joseph: „Die Tafelspenden bereichern unser soziales Miteinander täglich aufs Neue und ergänzen die Mittagsversorgung.“

Eine schleichende Katastrophe

Im Südsudan ist die Schulspeisung für viele Kinder die einzige Mahlzeit des Tages.

Noch immer sind in vielen Ländern Afrikas wegen Corona die Schulen geschlossen. Die Kinder verlieren nicht nur den Zugang zur Bildung, sondern auch die einzige Chance auf eine regelmäßige Mahlzeit. Christian Schneider, Geschäftsführer von Unicef Deutschland: „Gerade bei den ärmsten Kindern schlägt die Krise voll zu. Weniger Kinder können medizinisch versorgt werden, weniger Kinder können gegen gefährliche Krankheiten wie Masern geimpft werden. Wir müssen dringend Kinder erreichen, die keine Schule besuchen können und dadurch auch keine Schulspeisung mehr haben. Immer mehr Familien rutschen in extreme Armut ab, der Stress und die Gewalt gegen Kinder nehmen zu. Deshalb ist unser Einsatz weltweit noch dringender geworden.“ Bakhita (16) aus Wau im Südsudan ist eines der Mädchen, das weiß, wie sich Hunger anfühlt. Über Jahre ist sie ohne etwas zu essen in die Schule. „Bei uns zu Hause gibt es morgens nichts zu essen. Ich war im Unterreicht hungrig und konnte mich nicht konzentrieren“, erzählt sie. Dann hat Unicef angefangen, Schulspeisungen einzuführen. „Seitdem kann ich mich konzentrieren und meine Leistungen haben sich verbessert.“ Und dann kam Corona. Schulen wurden geschlossen, die Schulspeisung konnte nicht mehr stattfinden.  Für die Allerkleinsten eine Katastrophe. Sie können sich nicht wehren, können nichts gegen den Hunger tun. Unicef versorgt die Buben und Mädchen mit lebensrettender Erdnusspaste und Spezialmilch. Anfang Oktober durften vorübergehend ältere Kinder wie Bakhita zurück in die Schule. Sie weiß inzwischen die Schulspeisung noch mehr zu schätzen. Unicef organisiert in vielen Ländern inzwischen als Alternative zur Schulspeisung Essen to go, Gutscheine oder gibt auch kleine Geldbeträge an die Familien, damit die Kinder überhaupt einmal am Tag etwas zu essen bekommen.  „Wir sprechen von sechs bis sieben Millionen Kindern mehr, die infolge der Pandemie betroffen sind“, so Christian Schneider. Schlimm ist die Lage vor allem auch in den Flüchtlingslagern, wo Abstands- und Hygieneregeln kaum einhaltbar sind. „Wir rechnen mit einem deutlichen Anstieg der Kindersterblichkeitsraten.“

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